Die heiligen Pferde der Indianer

Appaloosa-Pferde galoppieren
Appaloosa
Indianer und Pferde sind eng miteinander verbunden. Die edlen Reittiere gelten bis heute als Inbegriff für den Stolz und die Traditionen vieler indigenen Völker Nordamerikas.

Was wäre Winnetou ohne sein kluges Pferd Iltschi? Undenkbar. Der meisterhaft geschulte Rappe hat in den berühmten Romanen von Karl May ein darart freundschaftliches Verhältnis mit dem Häuptling der Mescalero-Apachen, dass er sogar zusammen mit ihm begraben worden ist. Auch wenn es sich bei Winnetou und dem Hengst Iltschi um fiktive Romanfiguren handelt, steht die besondere Bindung zwischen Mensch und Pferd stellvertretend für die gros­se Bedeutung, welche die Reittiere für viele amerikanische Ureinwohner hatten und immer noch haben.

Doch das war nicht immer so. Zumindest nicht in partnerschaftlicher Hinsicht. In der Urzeit Amerikas – mehr als 7000 Jahre vor Christus –, als Pferde noch reine Herdentiere waren, jagten die damaligen Menschen sie wegen ihres Fleisches. Wie viele andere Ur-Tiere starben die kleinen Pferde aus. Verschiedene Pferderassen wurden erst durch die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert nach Amerika eingeführt. Über die Zeit entkamen viele dieser Tiere, die in Gefangenschaft lebten. Sie verwilderten und breiteten sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts über grosse Teile Nordamerikas aus.

Reiten ohne Sattel für das ultimative Freiheitsgefühl

«Seit dem 17. Jahrhundert lernten die Indianer den Umgang mit den Tieren. Sie wurden für die Jagd, Krieg, Zucht und als Transportmittel eingesetzt», erklärt Vincent Escriba. Der Gründer und Leiter des Indian-Land-Museums im zürcherischen Gossau beschäftigt sich seit über 40 Jahren intensiv mit der Geschichte der nordamerikanischen Indianer. «Um 1680 hatten sich die Apachen und die Comanchen eine grosse Pferdeherde angeeignet und waren für ihre Zucht und Reitkunst sehr bekannt.» Die Comanchen gehörten laut dem Experten zu den ersten Indianerstämmen, die das Pferd von den spanischen Konquistadoren übernommen hatten. Die aus zahlreichen Western-Filmen und Büchern bekannte Harmonie zwischen Indianern und Pferden entwickelte sich ab 1770, als sich die Reitkultur bei den nomadischen Bisonjägern durchsetzte.

Ein Geschenk des Himmels
Dank der gewonnenen Mobilität durch die Rösser erleichterte sich die Jagd schlagartig und damit auch das Leben der Prärie- beziehungsweise Plains-Indianer, zu denen unter anderem die Völker der Sioux, der Cheyenne und der Lipan Apachen gehören. «Für sie war das Pferd ein himmlisches Geschenk», sagt Escriba und macht an einem Beispiel deutlich, wie kostbar die Vierbeiner für die Nomaden waren. «Sobald sich feindliche Stämme in der Nähe befanden, holten die Plains-Indianer ihr wertvollstes Pferd ins Tipi, um es zu schützen.» Denn Rösser waren für die Indianer nicht nur nützliche Jagdhelfer, sondern vor allem Familienmitglieder, mit denen sie sprachen und denen sie blind vertrauten. 

Indianerpferde in Aktion

Für den 61-Jährigen ist dieses innige Verhältnis einmalig auf der Welt. Mit ihrem respektvollen Umgang verstanden es die indigenen Völker perfekt, ihre Pferde für die Jagd einzusetzen. Die speziell ausgebildeten Pferde wussten genau, wie sie an das Wild herankamen, ohne sich und ihren Reiter dabei zu verletzen.

Daneben gab es aber auch Kriegspferde. «Sie wurden so trainiert, dass sie Schüsse und anderer ungewohnter Lärm nicht in Panik versetzten. Sie blieben zudem oft stehen, wenn ihre Reiter stürzten und ergriffen nicht etwa die Flucht», erklärt der Fachmann. Angesichts dieser Treue kam es nur in seltenen Fällen zu Schlachtungen, etwa bei grossen Hungersnöten, um das eigene Überleben zu sichern.

Bei dem hohen Stellenwert der Vierbeiner ist es naheliegend, dass Indianer auch selber Pferde züchteten. Die erste Rasse war der als heilig verehrte Mustang. Die bekanntesten Indianer-Pferdezüchter seien aber die Nez Percé, sagt Escriba. Durch ihre selektive Auswahl der Pferde entstand die Appaloosa-Rasse, die dank der Winnetou-Romane Weltruhm erlangte. Es gibt sie in vielen verschiedenen Farben; charakteristisch ist die gefleckte Haut.

Nez-Perce-Krieger auf Appaloosa-Pferd

Jedes Pferd ist etwas Besonderes
Ebenso legendär wie die Appaloosas ist der Reitstil der Indianer. Er basiert auf einem bedingungslosen Vertrauen zwischem Mensch und Pferd und kommt fast ohne Hilfsmittel wie Sattel oder Steigbügel aus. Nur für längere Ausritte verwendeten Indianer gewobene Decken oder kleine, flache Kissen, die mit Bisonhaaren gefüllt waren. Eine Ausnahme bildeten jedoch die Frauen, wie Vincent Escriba erklärt. Sie benutzen selbst gefertigte hohe Sättel. Bereits die spanischen Reiter verwendeten diese spezielle Sattelart. «Die Indianerfrauen kopierten die Sättel und veränderten sie für ihre Zwecke. Der Sattel bestand aus geschnitztem Holz und wurde mit Rohhaut überzogen», sagt der Museumsleiter.

Mittlerweile nutzen die indigenen Völker Amerikas zwar längst vorwiegend Autos, Trucks und Motorräder als Fortbewegungsmittel. Doch die einzigartige Beziehung zwischen ihnen und den Pferden ist bis heute ungebrochen. Viele Indianer züchten Mustangs und Appaloosa-Pferde. Der Besitz einer gros­sen, gesunden Pferdeherde sei immer noch der Stolz der Natives, sagt Escriba. Es gebe viele indigene Pferdezüchter, die hochwertige, gefragte Tiere hervorbringen und diese dann teuer verkaufen. Sie kommen in Rodeos, renommierten Pferderennen oder als Therapiehelfer zum Einsatz. 

Der Kult für Pferdelegenden wie Winnetous Iltschi sei den Indianern übrigens fremd. Dieser existiere wohl nur beim «weissen Mann» aufgrund von Kinoproduktionen und Büchern, vermutet Escriba. Für die Natives dagegen war und ist jedes Pferd etwas Besonderes. Daher ehren sie das edle Reittier auch bis in die Gegenwart hinein als den Inbegriff für ihre Selbstachtung, ihre Traditionen und ihre Weisheit.

Amerikanische Ureinwohner hoch zu Ross

Autor

Oliver Loga

Oliver Loga

Oliver Loga ist stellvertretender Chefredaktor. Er betreut unter anderem die Pferderubrik, was er sehr schätzt, da seine Frau stolze Halterin von zwei vierbeinigen Isländern ist. Obwohl Oliver nicht selbst in den Sattel steigt, pflegt er zu ihnen ein ebenso inniges Verhältnis wie zu seiner anhänglichen Stubentigerin Palina. Ein wichtiger Bestandteil seiner Freizeit ist zurzeit das Nachahmen von Tierstimmen für seinen kleinen Sohn. Besonders hoch im Kurs stehen dabei die gurrende Spitzschopftaube und der röhrende Hirsch.

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