Gross auf gross, das ist kein Muss

William Fox-Pitt springt auf Pferd über Hindernis
Reiter und Ross
Grosse Reiter machen nur auf grossen Pferden eine gute Figur; kleine Reiter sind dagegen auf kleinen Pferden besser aufgehoben? Das stimmt, aber nicht immer. Es kommt nämlich auch auf das Gewicht, die Proportionen und vor allem auf das reiterliche Können an.

Unter William Fox-Pitt sieht fast jedes Pferd klein aus. Kein Wunder: Der schlanke Brite misst 1,98 Meter. Wer den Vielseitigkeitsreiter noch nie im Sattel gesehen hat, könnte meinen, dass das für die meisten Pferde viel zu gross ist. Doch Fox-Pitt hat wie kaum ein anderer bewiesen, dass gutes, zentriertes Reiten keine Frage der optimalen Grössenverhältnisse ist. Auf Pferden mit einem Stockmass zwischen 1,65 und 1,75 Metern ritt er in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Male zum Sieg. Unter anderem gewann der mittlerweile 51-Jährige gleich sechsmal die traditionsreichen Burghley Horse Trials in der Nähe von Stamford und mehrere olympische Medaillen. Sein Land vertrat er dabei gleich an fünf Olympischen Spielen.

Auch Mark Todd gehört im doppelten Sinn zu den Grossen in der Buschreiterszene. Der Neuseeländer ist mit 1,90 nur unwesentlich kleiner als William Fox-Pitt. Eines seiner besten Pferde war der nur 1,60 Meter grosse Charisma, der mit Mark Todd zweimal olympisches Gold holte. «Wenn das Gewicht stimmt, passen grosse Reiter auch auf kleinere Pferde oder Ponys», sagt Doris Süess, Gründerin und Leiterin des Ausbildungszentrums SinTakt in Ellighausen TG. In jungen Jahren hat die 1,78 Meter grosse Ausbilderin selber einen nur 1,47 Meter grossen Shagya-Araber geritten. «Wir waren ein wunderbares Team, allerdings musste ich zunächst meine Befürchtungen überwinden, dass ich zu schwer sein könnte», erinnert sie sich und schmunzelt dabei.

Solche Sorgen treiben laut Süess allerdings viele grosse Reiter mit kleinen Pferden mit sich. Doch gross bedeutet nicht zwangsläufig schwer. Eine sehr schlanke 1,80 Meter grosse Reiterin bringt vielleicht nur 60 Kilogramm auf den Sattel, also unter Umständen weniger als ein 20 Zentimeter kleinerer, aber kräftiger Reiterkollege. Wie viel Gewicht ein Pferd zu tragen vermag, hängt von vielen Faktoren ab, darunter Rasse, Körperbau und Trainingszustand des Pferdes, aber auch das Können des Reiters und die Art der Beanspruchung spielen eine nicht unwesentliche Rolle. 

Mark Todd und Charisma im Jahr 1988

Anfang des Jahres hat die Deutsche Reiterliche Vereinigung eine maximale Gewichtsbelastung von 15 bis 20 Prozent des Körpergewichtes des Pferdes empfohlen. Reiter und Sattel eines 400 Kilogramm schweres Pferdes sollten zusammen also nicht mehr als 60 bis maximal 80 Kilogramm bei optimalen Voraussetzungen wiegen.

Nicht nur Gewicht und Grösse, auch die Proportionen sind bei Pferden und Reitern individuell verschieden. Es gibt breit und schmal gebaute Pferde und solche mit langem oder eher kurzem Rücken. Kleine wie grosse Reiter können verhältnismässig lange oder kurze Beine und Arme, schmale oder breite Becken haben. 

Der passende Sattel kann helfen
Die ideale Reiterfigur besteht nach der klassischen Reitlehre aus langen Beinen und einem kurzen Oberkörper. Da ist laut Süess auch etwas dran. Hervorragendes Reiten ist aber auch ohne diese «Idealmasse» möglich – man muss unter Umständen nur etwas mehr dafür tun. «Ein langer Oberkörper wirkt wie ein Pendel, das den Reiter, aber auch das Pferd schneller aus dem Gleichgewicht bringen kann», erklärt die Expertin. Wenn der Schwerpunkt des Reiters weiter oben liegt, sei es deshalb besonders wichtig, möglichst ausbalanciert im Sattel zu sitzen. Dabei können spezielle Sitzschulungen, zum Beispiel nach Eckhardt Meyners, helfen.

Aber auch eine perfekte klassische Reiterfigur schützt nicht zwingend vor Problemen, vor allem, wenn ein kleineres, eher zierliches Pferd geritten wird. Denn wenn die Beine länger sind als der Pferdebauch, vermissen viele Reiter den Kontakt und finden es schwierig, die Waden ruhig zu halten. Ausserdem neigen in dieser Situation viele dazu, die Absätze hochzuziehen. Dadurch verspannt das ganze Bein und die Reiterin kann nicht mehr tief sitzen und losgelassen mitschwingen. Abhilfe bringen auch hier individuelle Sitzschulungen. «Wer korrekt über den Sitz und mit Gewichtshilfen reitet, braucht seine Absätze gar nicht», sagt Süess.

Bei kompakteren Rassen, zu denen zum Beispiel Tinker, Fjord-Pferde und Barockpferde wie Lusitanos zählen, fällt dank gros­ser Gurtentiefe (Abstand zwischen Widerrist und Brustbein) oft gar nicht auf, dass der Reiter ziemlich gross ist und lange Beine hat. Es heisst dann, dass das Pferd seinen Reiter gut «abdeckt». Reiterinnen mit kurzen Beinen und / oder schmalem Becken fällt es dagegen oft schwer, auf einem sehr breiten Pferd korrekt zu sitzen. «In diesem Fall kann ein Sattel mit schlanker Passform helfen, damit die Oberschenkel nicht noch zusätzlich abgespreizt werden», empfiehlt Doris Süess. Denn das könne Sitzfehler, wie den Stuhlsitz begünstigen und Leichttraben fast unmöglich machen. «Generell sollte man viel mehr darauf achten, dass der Sattel nicht nur dem Pferd, sondern auch dem Reiter passt.»

Kinder sollten auf Kleinpferde setzen
Und auch kleine Reiter können auf gros­sen Pferden wunderbar harmonieren. Ein gutes, aktuelles Beispiel aus dem Leistungssport ist die deutsche Dressurreiterin Helen Langehanenberg mit dem bewegungsstarken Vayron. Die zierliche Dressurreiterin misst 1,65 Meter, der Westfale hat ein beeindruckendes Stockmass von 1,87 Metern. 

Im Viereck fällt der Grössenunterschied zumindest bei diesem Paar kaum auf. Spätestens am Boden müssen kleinere Menschen mit grossen Pferden aber buchstäblich über sich hinauswachsen. Beim Putzen, Scheren oder Mähnefrisieren stehen sie schon mal auf Zehenspitzen oder einem Hocker, beim Satteln sind gut trainierte Armmuskeln gefragt. Eine Herausforderung kann je nach Grössenunterschied und Fitness des Reiters auch das Aufsteigen sein – zumindest, wenn keine Aufstiegshilfe zur Verfügung steht. Wander- und Distanzreiter wählen schon aus diesem Grund häufig kleinere Pferde.

Auch Kinder sind mit einem gut ausgebildeten Pony oder Kleinpferd besser beraten. Es sieht zwar sehr herzig aus, wenn die Beine eines Nachwuchsreiters kaum übers Sattelblatt ragen, die Hilfengebung wird dadurch aber nicht einfacher. «Dazu kommt, dass gros­se Pferde oft viel Schwung und einen grossen Bewegungsablauf haben, den Kinder, aber auch erwachsene Anfänger einfach noch nicht sitzen können», erklärt Süess. Man sollte beim Anfängerunterricht deshalb laut der Fachfrau möglichst Pferde und Ponys mit weichen Gängen einsetzen, die grössenmäs­sig zum Reiter passen.

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