Kanadische Kraftpakete

Canadian Horses ziehen Kutsche
Die Pferderasse Canadian Horse ist kaum bekannt und vom Aussterben bedroht. Dabei überzeugen die kleinen Rösser durch ihre grosse Vielseitigkeit und Charakterstärke. Gute Gründe für die Wettingerin Andrea Plüss, sich der Rasse zu verschreiben und sie zu fördern.

Gleich nach der Begrüssung bricht es aus Andrea Plüss euphorisch heraus. Canadian Horses seien unglaublich tolle Pferde und sehr menschenbezogen. Doch an diesem regnerischen Nachmittag interessieren sich die zwei Rösser zunächst weder für ihre Halterin noch für ihren
Besuch. Stattdessen grasen sie friedlich auf der Weide eines idyllischen Hofes in Wettingen AG. Auch ein mehrfaches «chömet» findet kein Gehör.

Zur Verteidigung der Tiere sei jedoch erwähnt, dass ein Apfelbaum mit Unmengen an unwiderstehlichem Fallobst lockt. Zu viel des Guten, findet Plüss, und führt die pechschwarzen Vierbeiner mit Halftern von der Fressfalle weg, damit sie sich nicht den Magen verderben. Und siehe da: Ohne süsse Ablenkung konzentrieren sie sich plötzlich auf ihre zweibeinige Gesellschaft und lassen sich genüsslich streicheln.

Bei der Zuwendung fällt sofort ins Auge, welch elegante Erscheinungen die beiden Wallache mit ihrem dichten, welligen Langhaar und dem feinen Kopf sind. Ebenfalls unübersehbar ist ihr muskulöser Körperbau. «Sie haben richtig Power und sind dennoch gut zu führen», sagt Plüss. «Gleichzeitig sind
Canadians ausgeglichen, mutig und durch nichts aus der Ruhe zu bringen.» 

Perfekte Voraussetzungen, um vielseitig eingesetzt zu werden: als Familien-, Freizeit- und Therapiepferde, für Westernritte, für sportliche Wettkämpfe in sämtlichen Disziplinen und für das Ziehen von Kutschen und Wagen. In ihrer kanadischen Heimat fahren rund die Hälfte ihrer Halter mit den genügsamen Kraftpaketen, erzählt Plüss. 

In dem riesigen nordamerikanischen Land hat die Aargauerin auch ihre Leidenschaft für die aussergewöhnliche Rasse entdeckt. Auf die seltenen Pferde, von denen es weltweit nur rund 5000 gibt, stiess sie, als ihre Schwester nach Ostkanada auswanderte. Plüss war von der ersten Begegnung an begeistert und konnte nicht verstehen, dass die liebenswerten Tiere selbst in ihrem Herkunftsland ein derartiges Schattendasein fristen. Das wollte sie unbedingt ändern und startete 2013 mit ihrer Schwester und ihrem Vater das Projekt «Canadian Dream Horses». Zurück in der Schweiz suchte die zweifache Mutter den Kontakt zu Gleichgesinnten. Dabei traf sie auf Nadja Vogelsang und Andrea Bianchi, zwei Besitzerinnen von Canadian Horses. 

Steckbrief

Ursprung: Die Wurzeln des Canadian Horse liegen in der ostkanadischen Provinz Québec. 1763 gab es dort mehr als 14 000 Pferde, die von Rössern abstammten, die der französische König Louis XIV rund hundert Jahre zuvor entsandte. 
Farben: Häufig schwarz (80 Prozent), schwarz- braun, selten braun und fuchsfarbe, noch seltener grau. 
Stockmass: 1,42 bis 1,63 Meter. 
Gewicht: 450 bis 650 Kilogramm.
Erscheinungsbild: gut proportio-nierter, kräftiger Körper, kompakter Rücken, muskulöse Vorhand, kraftvolle Hinterhand, kräftiger Hals, gerader Kopf, reichlich Langhaar, häufig gewellt.
Charakter: nervenstark, genügsam, mutig, ausgeglichen, umgänglich, intelligent, menschenbezogen.
Verwendung: alle Disziplinen (Western, Springen, Dressur), Freizeit, Fahren.
Gefährdung: Mit einem Bestand von rund 5000 Tieren wird der Status der genetisch ältesten Pferderasse Nordamerikas von der Organisation «American Livestock Breeds Con-ser-vancy» als kritisch eingestuft.

In Kanada gezüchtet, hier verkauft
Gemeinsam gründeten sie vergangenes Jahr einen Verband für das offizielle Nationalpferd Kanadas und treten an verschiedenen Veranstaltungen auf, zuletzt an der Bea. «Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Halter dieser Rasse zu vernetzen, Tipps zum richtigen Umgang zu geben und den Bekanntheitsgrad zu steigern», sagt die Vorsitzende Plüss, die die Pferde bei ihrer Schwester in der Nähe von Québec züchtet und dann in die Schweiz bringt, um sie zu verkaufen. Mittlerweile gibt es hierzulande immerhin 14 von europaweit etwa 30 reinrassigen Cheval Canadi, wie sie im französischen Teil Kanadas heissen. Doch selbst Pferdeexperten rätseln immer wieder, um welche Rasse es sich handelt.

Plüss und ihren Vorstandskolleginnen ging es am Anfang genauso. Deshalb geben sie Interessierten gerne geduldig Auskunft und wissen einiges darüber hinaus zu berichten. Zum Beispiel, dass die als «Little Iron Horses» (kleine eiserne Pferde) bezeichneten Tiere so robust sind, dass sie das ganze Jahr über im Offenstall leben. Selbst eiskalte Temperaturen von minus 30 Grad, aber auch grosse Hitze und ein karges Futterangebot machen ihnen und sogar den Fohlen nichts aus. 

Wer so abgehärtet und zudem noch furchtlos ist, eignet sich auch für staatliche Aufgaben. So schwört die berittene Polizei der kanadischen Millionenmetropole Montreal ausschliesslich auf Canadian Horses. Die Gesetzteshüter im noch viel grösseren New York City setzen ebenfalls gerne auf die nervenstarken Vierbeiner. Wie cool die Pferde in praktisch jeder Situation bleiben, kann Plüss aus eigener Erfahrung bestätigen. «Obwohl sie eigentlich Landeier sind, wirft selbst Jungtiere lauter Strassenverkehr oder sonstiger ungewohnter Trubel nicht aus der Bahn.»

Quarter Horses sind viel günstiger
Auch der lange Flugtransfer von Amerika nach Europa beeindruckt die Canadians nicht. Bei einem Zwischenstopp in Amsterdam sprach zum Beispiel ein Veterinär Plüss einmal darauf an, ob ihre Pferde sediert seien, weil sie sich so ruhig verhielten. Er konnte kaum glauben, dass dies nicht der Fall war angesichts der zahlreichen nervösen Sportpferde bei solchen Reisen.

Während Plüss erzählt, schiebt eines ihrer Canadian Horses verspielt zwei Futternäpfe durch die Gegend und sucht dabei den Kontakt zum Besuch. Es ist unmöglich, sich seinem Charme zu entziehen und kaum nachzuvollziehen, dass diese Rasse einen solch schwierigen Stand hat und vom Aussterben bedroht ist. Als Hauptgrund dafür sieht die Verbandspräsidentin die grosse Pferdepopulation in Kanada. Dort könne man vor allem die omnipräsenten Quarter Horses zu sehr günstigen Preisen erstehen. Die raren Canadians seien dagegen für viele potenziellen Halter unbezahlbar. 

Unter diesem Gesichtspunkt könnte die Schweiz ein sehr gutes Pflaster sein. Schliesslich legt man hierzulande sehr grossen Wert auf hohe Qualität und weiss, dass diese auch etwas kostet. Und dass die robusten und intelligenten Multitalente jeden Rappen wert sind und mehr Aufmerksamkeit verdienen, wird schnell klar, sobald man sie etwas besser kennengelernt hat. Dass Rösseler diese Gelegenheit haben, ermöglichen Plüss und die anderen Mitglieder des Canadian Horse Verbandes Schweiz – mit unermüdlichem Einsatz und viel Herzblut. 

www.canadian-horse-verband.ch

Autor

Oliver Loga

Oliver Loga

Oliver Loga ist stellvertretender Chefredaktor. Er betreut unter anderem die Pferderubrik, was er sehr schätzt, da seine Frau stolze Halterin von zwei vierbeinigen Isländern ist. Obwohl Oliver nicht selbst in den Sattel steigt, pflegt er zu ihnen ein ebenso inniges Verhältnis wie zu seiner anhänglichen Stubentigerin Palina. Ein wichtiger Bestandteil seiner Freizeit ist zurzeit das Nachahmen von Tierstimmen für seinen kleinen Sohn. Besonders hoch im Kurs stehen dabei die gurrende Spitzschopftaube und der röhrende Hirsch.

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