Über 50 Milchkühe der Rassen Holstein, Original Braunvieh und Hinterwälder haben den letzten Sommer auf der Alp Weissenstein bei Preda (GR) zugebracht. Was die Tiere kaum mitbekommen haben dürften: Sie standen unter intensiver Beobachtung, zeichnete doch ein GPS-Tracker ihr Bewegungsverhalten minutiös auf. Zudem erfasste ein mobiles System den Methanausstoss in ihrer Atemluft und Mitarbeitende der Forschungsanstalt Agroscope erhoben, welche Pflanzen sie wo auszupften und wie viel Milch mit welchen Inhaltsstoffen sie abgaben.
Die noch bis ins Jahr 2027 laufende «PeaMaps»-Studie ist für Landwirtinnen und -wirte, aber auch für das alpine Ökosystem von grosser Bedeutung. «Wir hatten bereits eine Studie zum Fress- und Bewegungsverhalten von verschiedenen Mutterkuh-Rassen gemacht und sind daraufhin immer wieder gefragt worden, wie es bei Milchkühen auf Alpen aussieht», sagt Caren Pauler, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Agroscope. Die aktuelle Studie hat eine hohe Praxisrelevanz: Das Forschungsinstitut will damit aufzeigen, welche Milchkühe am besten für die Alpweiden geeignet sind. Dies besonders im Hinblick auf Nachhaltigkeit, Tierwohl und Wirtschaftlichkeit.
Eine Frage der Priorität
Zeichnet sich bereits ab, welche der drei Kuhtypen das Rennen machen wird? «Das kommt ganz auf den Blickwinkel an», analysiert Caren Pauler. Auch wenn die Untersuchungen noch andauern, lässt sich bereits jetzt festhalten: Geht es um die reine Milchleistung, sind die Holsteinkühe die Spitzenreiter. Liegt die Priorität der Bewirtschaftung hingegen auf der Biodiversität, haben die Hinterwälder die Nase vorn. «Sie nutzen den Raum am gleichmässigsten und wirken damit am besten der Verbuschung entgegen», so Pauler. Die Rasse war ursprünglich in vielen Schweizer Bergregionen verbreitet, ist später in der Schweiz ausgestorben und hat in sehr geringer Zahl im Südschwarzwald überlebt. Von dort wurde sie in den 80er-Jahren wieder in die Schweiz eingeführt und wird heute von ProSpecieRara betreut.
Was aus früheren Untersuchungen von Agroscope bereits bekannt ist: Die Produktivität der Kühe hat einen deutlichen Einfluss darauf, was auf einer Weide gedeiht. So wachsen beispielsweise dort, wo extensive Hochlandrinder weiden, besonders viele unterschiedliche Pflanzenarten. Während die produktiven Rinder vor allem nährstoffreiche, leicht verdauliche Futterpflanzen verzehren, fressen die Extensivrinder auch Borstgras, Disteln und andere unattraktive Pflanzen. Dadurch drängen sie nicht nur Problempflanzen zurück, sondern fördern auch die Artenvielfalt und die Futterqualität der Weide.
Sorgenkind Grün-Erle
Die Alpweiden in der Schweiz kämpfen derzeit mit grossen Problemen: Wegen zunehmender Verbuschung sind sie flächenmässig in den vergangenen 25 Jahren um fünf Prozent – das ist in etwa die Fläche des Kantons Schaffhausen – zurückgegangen. Die Ursachen sind vielfältig: Neben dem Klimawandel, welcher die Wald- und Gehölzgrenze ansteigen lässt, hat auch der zunehmende Rückzug der Landwirtschaft aus dem Berggebiet Konsequenzen. «Wo das grasende Vieh auf den steilen, steinigen oder abgelegenen Weideflächen fehlt, breiten sich Büsche ungehindert aus. Darunter leidet die Artenvielfalt», betont Caren Pauler.
Zur Verbuschung trägt vor allem die Grün-Erle bei, die seit einigen Jahrzehnten auf den hiesigen Alpweiden immer mehr an Terrain gewinnt. Sie überwuchert jährlich mehrere hundert Hektaren aufgegebener Alpweiden und breitet sich drei- bis viermal schneller aus als der Wald. Weil ihr Bewuchs so dicht ist, haben andere Pflanzen das Nachsehen. Der Verlust der Pflanzenvielfalt wiederum setzt Insekten und Vögeln zu. Ein weiteres Problem: Die Grün-Erlen versauern die Böden und befeuern den Klimawandel. Sie setzen 35-mal mehr Lachgas – ein äusserst starkes Treibhausgas – frei als Wiesen. «Es ist wichtig, Kulturland zu nutzen und offenzuhalten», so Pauler. Mit mechanischen Massnahmen wie Rückschnitten und Mulchen gelingt dies jedoch nur beschränkt, ist doch der Aufwand in steilem Gelände erheblich. Gute Dienste im Kampf gegen die Verbuschung leisten hingegen Ziegen und Schafe: Sie kommen in besonders steilem Gelände auch besser zurecht als das deutlich schwerere Rindvieh. Besonders zuverlässig rücken Engadinerschafe der Grün-Erle zu Leibe: Sie fressen nicht nur ihre Blätter, sondern schälen auch die Rinde, was über kurz oder lang zum Absterben der verbissenen Äste führt.

Dies gelingt Rindern weniger gut: Sie fressen zwar die Blätter von Grün-Erlen, können die Sträucher aber nicht so effizient zurückdrängen. «Kleinwiederkäuer fressen grundsätzlich Sträucher besser als Rindvieh. Und sie schrecken auch nicht vor steilem Gelände zurück», hält Caren Pauler fest. Ihr Einsatz scheitert jedoch oft aus wirtschaftlichen Gründen: Einerseits geht der Herdenschutz ins Geld, andererseits ist die Nachfrage nach dem Fleisch jener Rassen, die der Verbuschung besonders gut entgegenwirken, laut Pauler moderat. Wie dieses Dilemma beilegen? Einige Alpen haben mit so genannten Service-Herden eine tragfähige Lösung gefunden. Die gemeinsam genutzten Schafe und Ziegen halten die Alpweiden frei und sind dank des Zusammenschlusses zu Kooperationen auch finanziell tragbar.
Weitreichende Folgen
Gelingt es nicht, die Grün-Erle im Zaum zu halten, steht viel auf dem Spiel. «Die Verbuschung führt zu einem Verlust des Landschaftswertes», schreiben die Akademien der Wissenschaften Schweiz in einem Factsheet. Mit Folgen auch für andere Branchen, wie den Tourismus: Grossflächige, monotone und undurchdringliche Grün-Erlengebüsche werden als deutlich weniger schön wahrgenommen als offene, kleinräumige Berglandschaften. «Einmal verbuscht, sind solche Flächen nur schwer zurückzugewinnen und schränken den Handlungsspielraum späterer Generationen ein», warnen die Autoren. Um die Biodiversität der Alpen zu erhalten, seien schweizweit Massnahmen zu ergreifen und besonders artenreiche Flächen speziell zu schützen, so ihr eindringlicher Appell.

