Hufrehe
Wendy Welt schenkt Ponys ein neues Leben
Hufrehe ist unheimlich schmerzhaft. Wird die Ursache nicht behandelt, entzündet sich die Huflederhaut immer wieder. Dicke Ponys sind oft davon betroffen – und genau solche rettet Corinne Kählin auf dem Lebenshof Wendy Welt.
Der 10-jährige Shetlandpony-Wallach Doby konnte kaum mehr auf den Beinen stehen, weil sie ihn so sehr schmerzten. Wegen sehr starker Hufrehe wollten ihn seine Besitzer einschläfern – das Schicksal unzähliger Hufrehe-Ponys. Hufrehe ist eine schmerzhafte Entzündung der Huflederhaut; wird deren Ursache nicht behandelt, flammt die Entzündung immer wieder auf. Die behandelnde Tierärztin brachte es aber nicht übers Herz, Doby einzuschläfern.
Nach der Erstbehandlung fuhr sie den putzigen Wallach kurzerhand zu Corinne Kählin auf den Valurhof im aargauischen Hettenschwil. Dort fand er ein artgerechtes Zuhause – durch Rangeln und Spielen verlor er seine überschüssigen Pfunde. Seither hatte der Wallach keinen Hufrehe-Schub mehr, wie so viele andere seiner Mitbewohnerinnen und Mitbewohner des Lebenshofs Wendy Welt. Corinne Kählins Herz schlägt für jedes Tier – von der Wachtel über das Kaninchen, Geissen, Hühner bis hin zu Shetlandponys. «Im Gegensatz zu Katzen und Hunden haben Nutztiere praktisch keine Lobby», sagt die 55-Jährige, während sie neben der 32-jährigen Shetlandpony-Stute Leika kniet. Das Pferdchen mümmelt am Heu. Auch Leika litt an Hufrehe, als sie Kählin vor acht Jahren übernahm. Ihr erstes Pony rettete sie nach der Lehre zur Konditorin-Confiseurin. Bis 25 arbeitete sie auf dem Beruf, danach finanzierte sie sich den Tierschutz als Barfrau, Pizzalieferantin und Reitlehrerin. Letzteres ist die Betriebsleiterin heute noch. Sie führt den Reit- und Pensionsstall Valurhof, welcher Heimat des Lebenshofs Wendy Welt ist.
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Fettes Gras und dicke Ponys
Eine Gruppe junger Mädchen steht nebeneinander, vor ihnen reihen sich auf einer langen AnbindestangeLedersättel aneinander. Ein Mädchen hebt das Sattelblatt und fettet dieses konzentriert. «Zu den Reitstunden gehört auch die Versorgung der Pferde und das Putzen des Materials. Einige machen den Stall und dürfendafür ausreiten gehen», kommentiert Kählin die Szene. «Es gibt noch Spaghetti im Pausenraum», ruft sie den Reitschülerinnen zu. Sie stapft durch den Stall zum Auslauf. Hier lebt die Herde mit fast 45 Pferden und Ponys, der Grossteil sind Islandpferde. Ihnen stehen mehrere Liegeplätze und ein ganzjährig zugänglicher, fast 1000 Quadratmeter grosser befestigter Auslauf zur Verfügung. Eine fuchsfarbene Stute mit breiter Blässe knabbert mit den Lippen an einem Maiskolben. Der Grossteil der Pferde gehört Pensionären. «In 30 Jahren haben sich hier aber nur 15 Auswärtige angesiedelt. Die meisten Pensionärinnen besuchten meine Reitstunden und sind dann geblieben», sagt Corinne Kählin schmunzelnd. Die sechs Mini-Shettys und Shettys leben separat in zwei kleineren Gruppen mit grossen Ausläufen. Der Grossteil von ihnen waren auch Hufrehe-Patienten. Hufrehe ist eine diffuse Entzündung der Huflederhaut, dem Bindeglied zwischen Horn und Hufbein. «Hufrehe ist unheimlich schmerzhaft», sagt Stefanie Schulthess, Tierärztin und Freundin von Corinne Kählin. Sie betreut einen Grossteil der Ponys auf dem Valurhof. Ist die Krankheit schon fortgeschritten, helfen als Allererstes nur akute Massnahmen wie weiches Aufstallen und Boxenruhe. «Wird die Ursache aber nicht bekämpft, folgen weitere Hufrehe-Schübe», erklärt die Tierärztin. Im allerschlimmsten Fall muss das Tier irgendwann von den Schmerzen erlöst werden.
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Das Dilemma der Beistellponys
Hufrehe hat unterschiedliche Ursachen. Meist führt Fettleibigkeit zu einer Insulinresistenz und diese anschliessend zu Hufrehe. Ein Hufrehe-Schub kann aber auch durchaus durch Kohlenhydrat überfütterung ausgelöst werden, erklärt die Tierärztin Stefanie Schulthess. Im Frühjahr und im Spätsommer hat das Gras besonders viele Fruktane, welche Hufrehe auslösen können. Deshalb gebe es in dieser Zeit auch die meisten Fälle, sagt die Tierärztin. Hufrehe sei nur präventiv zu behandeln. Ein wichtiger Faktor dabei spiele das Gewicht. Die Tierärztin erklärt: «Idealerweise lässt man die Pferde nicht dick werden. Abnehmen ist nie lustig.»
Die Zahl der Hufrehe-Fälle nehme nach ihrem Gefühl zu, erklärt Schulthess. Besonders anfällig seien Ponys, die nur als Beisteller gehalten und mit welchen nicht gearbeitet würde, führt sie aus. In der Schweiz sind 18 Prozent der Equiden Ponys. Davon sind die Hälfte Shetlandponys, eine Rasse, die von den sehr kargen Shetland-Inseln stammt, und welche sich über Generationen hinweg an die lebenswidrigen Umstände angepasst hat. Im Winter, wenn die Insel eingeschneit und gefroren ist, waten die Ponys an die Küste und knabbern an Seealgen, weil sonst weit und breit keine Nahrung zu finden ist. Shettys brauchen also wenig, um zu überleben. «Viele Beistellpferde gehören zu den Rassen, die unglaublich gute Futterverwerter sind», beschreibt die Tierärztin Schulthess das Dilemma.
Ihre Shettys seien deshalb praktisch auch nie auf der Weide, erklärt Corinne Kählin. Das Gras sei zu nährstoffreich. Dafür toben sie sich das ganze Jahr auf den Ausläufen aus oder begleiten die Reitschülerinnen und Reitschüler auf Spaziergängen. Kommen die Ponys mit Hufrehe frisch auf dem Hof an, werden sie zuerst behandelt. Je nach nötigen Medikamenten und Röntgenbildern liegen die Kosten bei 600 bis 800 Franken. 300 bis 400 Franken kostet anschliessend der Spezialbeschlag. Wie viel sie die Ponys der Wendy Welt insgesamt kosten, möchte Corinne Kählin gar nicht wissen. «Das würde mich erschlagen», sagt sie dazu. «Wir finanzieren den Tierschutz grösstenteils privat über den Valurhof, die Spenden würden aber bei weitem nicht reichen», sagt Corinne Kählin. Der Pensionsstall und die Reitschule finanzieren also den Tierschutz.
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Die Welt von Wendy
Auch auf einem Lebenshof neigt sich das Tierleben irgendwann dem Ende zu. Auf die Frage, ob sie ihre Tiere auch schlachten würde, antwortet Corinne Kählin pragmatisch: «Wir schiessen unsere Tiere und wenn sie noch verwertet werden können, habe ich gar nichts dagegen. Dafür werden sie aber nicht verladen. Sie dürfen hier auf dem Hof ohne Stress sterben.» Selbst isst sie seit 43 Jahren kein Fleisch mehr und seit acht Jahren verzichtet sie gänzlich auf tierische Produkte. «Ich kann ja nicht meine Tiere durchfüttern und andere essen», ergänzt Kählin.
Den Namen hat Wendy Welt wegen Wendy, dem wohl ältesten Pony der Schweiz. Es erreichte ein biblisches Alter von 48 Jahren. Mit Jahrgang 1969 brachte es unzähligen Kindern und Jugendlichen das Reiten bei, darunter auch Corinne Kählin. Das Star-Pony erhielt regelmässig Publizität in den Medien. «Sie war eigensinnig und charakterstark», erzählt Corinne Kählin. Während ihren letzten Tagen lief sie frei auf dem Hof herum und habe sich einige Male einem Auto in den Weg gestellt. Ihr Verhalten wurde goutiert und meist mit einem Schmunzeln quittiert, sagt Kählin dazu und führt fort, «Sie war hier eine kleine Königin.»
Der Lebenshof ist eine Hommage an die Ponystute und ermöglicht einigen Shettys ein Leben nach der Hufrehe.
Arten von Hufrehe
- Fettleibigkeit: Fettleibigkeit kann zu einer Insulinresistenz führen und diese kann Hufrehe auslösen
- Hormonelle Hufrehe: unter anderem eine Begleiterkrankung des Cushing-Syndroms
- Fütterungsrehe: Kohlenhydratüberfütterung, durch beispielsweise zu viele Fruktane im Gras
- Belastungsrehe: bei starker Überlastung einer Gliedmasse, zum Beispiel durch Verletzung einer anderen Gliedmasse
- Geburtsrehe: kann durch Toxine aus der Gebärmutter der Mutterstute ausgelöst werden
- Kolikbedingte Hufrehe: Toxine aus dem Darm in Folge einer Komplikation
- Vergiftungsrehe: zum Beispiel durch den Verzehr von Eiben
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