Fast wie Wildfang
Bio-Fisch aus Aarau Rohr: Freud und Leid der naturnahen Fischzucht
Am Stadtrand von Aarau werden Fische in natürlichen Bächen und unter strengsten Bio-Richtlinien gezüchtet. Der junge Betriebsleiter der traditionsreichen Fischzucht möchte seine gefragte Produktion ausbauen und nimmt dafür alte Regularien unter die Lupe.
Als wir beim Becken ankommen, spritzt und schäumt es bereits an der Wasseroberfläche. «Sie kennen den Eimer mit dem Futter drin», erklärt Ruben Bohner in seiner unaufgeregten, verschmitzten Art. Als er eine Schaufel voller Pellets ins Wasser wirft, dreht die Forellen-Party noch mehr auf. Um möglichst viel des gepressten Mixes aus Fisch- und Vollkornmehl, Ölen und Sojabohnen zu erwischen, hüpfen die etwa 20 Gramm leichten jungen Raubtiere mitunter fast komplett aus dem Wasser. «Wenn sie so reagieren, ist alles gut», meint der Betriebsleiter der Fischzucht Nadler und schaut zufrieden ins Becken. Würden sie lethargisch vor sich her dümpeln, wäre das ein schlechtes Zeichen.
Krankheiten seien in Bio-Fischzuchten jedoch kein grosses Thema, so Bohner. Der Grossteil der Verluste geht auf das Konto von Graureihern, Kormoranen, Eisvögeln und Füchsen. Zwar ist die Freiluftanlage der Fischzucht mit zahlreichen Netzen gesichert, doch gelingt es den Räubern immer wieder, einzelne Fische zu erbeuten. Nicht alle schaffen es, mitsamt ihrer Beute zu entkommen. Einmal angebissen, sind die Fische jedoch nicht mehr verkäuflich. So gehen rund zehn Prozent des Umsatzes verloren. Eine weitere Gefahr ist Starkregen. «Dann müssen wir auch mal nachts ausrücken», erklärt Bohner. Spült dieser nämlich zu viel Dreck in die Becken, drohen die Gitter zwischen den Bachabschnitten zu verstopfen und das Wasser samt Fischen über die Ufer zu treten.
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Auch die Konzentration von Mikroplastik, PFAS und Schwermetallen muss in der Anlage ständig gemessen werden. Mit den beiden Bächen Rohrer Giessen und Brunnbach konnte die Fischzucht bisher aber auf sauberes Frischwasser zählen. Dass sich ihre Quellen in unmittelbarer Nähe befinden, ist auch in heissen Sommern von Vorteil. Würde sich das Wasser zu stark aufheizen, wäre dies eine Gefahr für die Fische. «Wir haben das ganze Jahr über eine Temperatur von 8 bis 16 Grad», erklärt der Betriebsleiter zufrieden. «Das ist ideal für die Forellen.»
Züchten im Jahreszyklus
Als Ruben Bohner im Jahr 2020 die Leitung der über hundertjährigen Fischzucht Nadler übernahm, wurden dort neben Forellen auch Saiblinge gezüchtet. Mittlerweile hat er sich aber von diesem Betriebszweig verabschiedet. «Wenn es Probleme gab, dann mit den Bachsaiblingen», begründet er seinen Entschluss. Gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Marco Ferrarotti konzentriert er sich nun ganz auf die Forellen – und hat damit alle Hände voll zu tun.
Die beiden begleiten die Fische vom Ei bis zum letzten Tag – ein Prozess, der in ihrer Bio-Zucht mindestens 15 Monate dauert. Wie in der freien Natur entsteht jeden Winter eine neue Generation. Allerdings wird bei der Befruchtung nachgeholfen – andernfalls sei die Fortpflanzung zu unzuverlässig, erklärt Ruben Bohner. «Die Eier und die Milch werden separat abgestreift und anschliessend kontrolliert in einer Schüssel vermischt.» Der Nachwuchs schlüpft in speziell abgetrennten, hygienisch gesicherten Aufzuchtbecken. «In den ersten sechs bis zwölf Wochen verfügen die Jungfische noch über kein eigenes Immunsystem», sagt der Fischwirtschaftsmeister. «Deshalb arbeiten wir in dieser sensiblen Phase konsequent mit Handschuhen.» Haben die Fische ein Gewicht von mindestens fünf Gramm erreicht, dürfen sie in die Kanäle umziehen. Dort verbringen sie den Grossteil ihres Lebens in Abschnitten der Naturbäche. «Zuoberst sind immer die kleinsten Fische», erklärt der Betriebsleiter. Andersherum wäre die Gefahr zu gross, dass einmal ein grösserer Lachs durch die alten Gitterstäbe in den Abschnitt einer jüngeren Zucht entwischt. Denn die Raubfische verschmähen auch Fische ihrer eigenen Art nicht.
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Jeder Fisch verbringt einige Monate in einem der zahlreichen Betonbecken, die in den 1960er-Jahren errichtet wurden. Seitdem der Betrieb im Jahr 2001 als erste von zwei Fischzuchten in der Schweiz biozertifiziert wurde, dürfen diese Becken jedoch nicht mehr ganzjährig genutzt werden. Die Richtlinien verlangen nämlich, dass die Tiere mindestens zwei Drittel ihres Lebens in einem Naturkanal mit Kiesboden und naturnaher Böschung verbringen. Ruben Bohner zweifelt jedoch daran, ob dies für das Wohl der Fische tatsächlich einen Unterschied macht. «Ich mache nun mit dem FiBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau) eine Studie dazu, wie sich die Umgebung auf die Fischgesundheit auswirkt», erklärt er. Bohners Hoffnung ist, dass die daraus gewonnenen Erkenntnisse zur Lockerung der Richtlinien führen – und er künftig wieder alle Betonbecken für die Fischzucht nutzen darf. Dabei geht es ihm nicht nur um eine höhere Kapazität. Auch das Umsiedeln der Fische wäre einfacher und die Pflege der Böschung würde komplett entfallen. «Wenn die Becken leer sind, verwuchert alles und das Herauszuputzen ist enorm mühsam.»
Ab 2026 jedoch werden wohl noch mehr Betonbecken leer stehen. Denn der Kanton Aargau hat beschlossen, dass die Rohrer Giessen Teil des regionalen Auenschutzparks wird und entsprechend renaturiert werden soll. Wirtschaftlich genutzt werden darf sie dann nicht mehr. Und dies, obwohl die Nachfrage nach dem vorbildlichen Bio-Fisch stetig wächst. Die Hälfte seiner Kapazität zu verlieren, will Ruben Bohner jedoch nicht kampflos hinnehmen. «Schon nur, wenn man bedenkt, dass über 90 Prozent des in der Schweiz konsumierten Fisches aus dem Ausland kommt.»
Pilotprojekt mit scheuen Lachsen
Dass der 25-Jährige ein innovativer Querdenker ist, zeigt auch sein Pilotversuch mit der schweizweit ersten Zucht von Bio-Lachsen. Das Projekt ist seine Antwort auf die schockierenden Enthüllungen über die Missstände in konventionellen Lachszuchten. «Ich wollte zeigen, dass es auch nachhaltig geht», erklärt Bohner und zeigt stolz auf seine mittlerweile drei Jahre alten Fische. «Sind es nicht majestätische Tiere?»
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Er glaubt jedoch nicht, dass sich jemand anderes eine solch aufwändige Zucht antun wolle. «Es sind richtige Mimosen», verrät der Betriebsleiter. Gegenüber Menschen sind sie sehr scheu und reagieren so empfindlich auf Umsiedlungen, dass sie danach zwei bis drei Wochen nicht mehr richtig fressen. «Sie kommen gut so lange ohne Futter aus, aber wachsen auch viel langsamer als die Forellen.» Ob er die Zucht in Zukunft weiterführen wird, weiss Bohner noch nicht. Aktuell hat er andere Sorgen.
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