Seit gut zehn Jahren fährt die Zentralbahn nun unterirdisch von Luzern Richtung Horw. Die Gleise, die das Unterlachen-Quartier in zwei Teile zerschnitten, sind mittlerweile verschwunden. Nur das rostrote Bahnwärterhäuschen erinnert noch an den Bahnübergang, der früher die Verkehrsteilnehmer regelmässig zu einer Pause zwang. Heute hat der kleine Holzbau eine andere Funktion übernommen, er beherbergt die Bücherhalle des gegenüberliegenden Kulturzentrums Neubad. «Ausserdem dürfen wir zwei Räume als Winterlager für unsere Pflanzen nutzen», sagt Hans Peter Exer, der Materialchef des Neugartens.

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Daran, dass hier früher einmal die Eisenbahn durchratterte, erinnert nur noch der Schotter, der hie und da am Boden hervorlugt. Viel ist davon allerdings nicht mehr sichtbar, denn die Natur hat das Areal, das von der SBB gepachtet werden konnte, zurückerobert. Das Team des Neugartens hat dafür gesorgt, dass hier eine grüne Stadtoase entstanden ist. Ein schmaler Pfad führt durch das langgezogene Areal. Links und rechts stehen bunt gemischt Hochbeete, Pflanzentöpfe, Sträucher und Bäumchen. Ungefähr in der Mitte des Gartens lädt ein Holztisch zum Verweilen ein. Ganz am Ende, bevor die Fläche zum Luzerner Bahnhof hin abfällt, befindet sich ein etwas verwilderter Abschnitt mit hochstehendem Gras. Hier können Bienenvölker in aller Ruhe und Abgeschiedenheit die beiden Bienenstöcke anfliegen.

Im Austausch

Ganz so ruhig geht es im Neugarten allerdings nicht immer zu und her. «Letztes Jahr haben wir unser zehnjähriges Bestehen mit einer rauschenden zweitägigen Party gefeiert», so Hans Peter Exer. Allgemein ist das gesellige Beisammensein, der Austausch unter Gleichgesinnten ein wichtiger Aspekt in diesem Gemeinschaftsgarten. Bevor es an diesem hochsommerlichen Dienstagabend ans Gärtnern geht, setzen sich die nach und nach eintreffenden Mitgärtnerinnen an den verwitterten Holztisch. Die einen packen ihr im Tupperware mitgebrachtes Nachtessen aus, die anderen drehen sich noch kurz eine Zigarette. «Für mich ist es der Bezug zur Natur in Kombination mit dem sozialen Aspekt, das mir an diesem Gartenprojekt besonders gefällt», sagt Materialchef Exer und spricht damit wohl allen insgesamt 20 Vereinsmitgliedern aus dem Herzen.

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Natürlich ist nicht nur der Austausch über den Pflanzenbau und Gott und die Welt, sondern auch das Gärtnern selbst ein wichtiger Bestandteil. Jeweils dienstags ist Gartenabend, dann treffen sich ab 19 Uhr die Mitglieder des Neugartens entweder im Gleisgarten oder auf der Dachterrasse des Neubades, wo der zweite Anbauplatz liegt. Pro Gebiet gibt es jeweils zwei Hauptverantwortliche, die Struktur in die Gartenplanung bringen. Die Tomatensetzlinge und Salatköpfe, der Maulbeerbaum, die Cassissträucher und der Topinambur werden aber gemeinschaftlich gepflegt. Hier bearbeitet nicht jeder sein eigenes Beet – alle packen überall mit an. An diesem Abend sind es acht Frauen und Männer, die gemeinsam jäten, Beeren pflücken und, ganz wichtig, alle Pflanzen giessen. Jetzt in den warmen Monaten hätten sie einen Giessplan aufgestellt, der gewährleistet, dass jeden Abend ein bis zwei Personen die Pflanzen mit Wasser versorgen, so Hans Peter Exer. Das Giessen gibt viel Arbeit, da der Garten weitverzweigt ist und die Beete und Sträucher kreuz und quer verteilt sind. «Die enorme Diversität in unserem Garten verursacht einen grossen Aufwand. Um diesen zu bewältigen, sind wir fast etwas wenig Leute.» Einige Neugärtner sind schon mehrere Jahre dabei, andere würden sich jeweils nur während einer kurzen Zeitspanne engagieren und schnell merken, dass der Zeitaufwand doch relativ gross ist.

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Neues schaffen und dazulernen

Etwas an Mehraufwand bedingt auch, dass Früchte, Gemüse und Kräuter strikt nach biologischer Anbauweise produziert werden. Das setzt eine genaue Planung voraus, in der beispielsweise beachtet wird, keine schädlingsanfälligen oder stark zehrenden Pflanzen mehrere Jahre hintereinander ins selbe Beet zu pflanzen. Ein kleiner Teil des Komposts wird selber angelegt, der Grossteil kann aber von der Stadt Luzern bezogen werden. Die meisten Setzlinge werden allerdings eigenhändig aufgezogen. Einen Teil davon bieten die Neugartenmitglieder im Frühjahr jeweils zum Verkauf an, um die Vereinskasse etwas aufzubessern.Zusätzlich dazu werden an einer Samentauschbörse jeweils neue Samen bezogen und ein Verantwortlicher organisiert den Jahreseinkauf an einem Setzlingsmarkt. «Manchmal werden wir auch kontaktiert, dass der Garten einer Abbruchliegenschaft geräumt werden kann», sagt Hans Peter Exer. Anfangs gab es ein bis zwei Berufsgärtner im Team, heute besteht der Verein ausschliesslich aus Hobbygärtnerinnen. «Manchmal herrschen verschiedene Auffassungen, ob etwas nun Unkraut oder doch schützenswert ist.» Es gäbe sicher vieles, das falsch gemacht würde, das Gärtnern bereite aber allen riesigen Spass und sie würden jedes Jahr viel dazulernen, sind sich alle Anwesenden einig.

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Am Ende der Saison und auch zum Abschluss jedes Dienstagabends werden die geernteten Früchte und Gemüse untereinander aufgeteilt. Dann gibt es jeweils einen Art Bazar, an dem gemeinschaftlich ausgehandelt wird, wer was brauchen und mit nach Hause nehmen kann. Wenn alles verteilt ist, kommt der gemütliche Teil. Dann setzen sich die Neugärtnerinnen und Neugärtner oft noch bei einem Bier um die Feuerschale und diskutieren darüber, wie der abserbelnde Kakibaum wiederbelebt werden könnte, wann die Stachelbeeren nun reif zur Ernte sind, aber auch, wer welche Sommerferienpläne hat und wie es bei den eben abgelegten Uniprüfungen so gelaufen ist.

Wer dazu beitragen möchte, dass Nahrungsmittelanbau und Stadtleben näher zusammenrücken, kann sich hier engagieren:Der Verein Urban Agriculture Basel hat verschiedene Projekte am Laufen, wie einen Generationengarten, einen Permakulturgarten nur für Frauen, einen Gleisgarten und noch vieles mehr. urbanagriculturebasel.ch

In Zürich gibt es verschiedene Urban-Gardening-Projekte wie den Merkurgarten, den Stadiongarten oder die Seed City an der ETH. Einer der grössten Gemeinschaftsgärten liegt im Hard-Quartier. quartiergarten-hard.ch

Stadtgrün Bern listet auf ihrer Website einige Urban-Gardening-Projekte auf wie den Lorrainepark, die Alte Feuerwehr Viktoria oder den Quartiergarten Neufeldstrasse.
bern.ch

In St. Gallen wird vor allem das Areal beim Güterbahnhof für gemeinschaftliche Gartenprojekte genutzt. Etwa vom Urbanen Grün Atelier UGA oder vom Kreativquartier Lattich.
lattich.ch auf facebook

Die Website Stadtwurzel bietet eine generelle Übersicht zum Thema urbanes und gemeinschaftliches Gärtnern.
stadtwurzel.ch