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Geschlechtergleichheit hoch zu Ross

Napoleon auf seinem steigenden Schimmelhengst Marengo – ein Bild, das vor Männlichkeit strotzt. Reiten war bis nach dem Zweiten Weltkrieg männlich und vor allem militärisch geprägt. Wendy, der rosarote, oft glitzernde Mädchentraum, entstand erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Doch ist der Reitsport heute wirklich weiblich?

Hier ist die Sitzfläche zu wenig breit. Die meisten Frauen sitzen mit ihren Sitzbeinhöckern auf den Nähten», erklärt der Sattelergonome Lothar Vennes aus dem aargauischen Mühlethal der Gruppe Reiterinnen und Reiter, die mit grossen Augen dastehen. Seine Hand fährt der Naht der Sitzfläche entlang. «Der Pferdesport war lange männlich geprägt und die meisten Sättel sind noch heute für die männliche Physe gemacht», führt er aus. Frauen hätten aber oft breitere Hüften und die Oberschenkelmuskeln seien anders verteilt.

Der Sattelergonome erklärt: «Die Sitzbeinhöcker liegen weiter auseinander, das Steissbein ist kürzer und das Schambein flacher als beim Mann.» Deshalb bräuchten Frauen mehr Platz im Sattel, sonst könnten sie ihren Sitz gar nicht entspannen. Der Sattler vertreibt Sättel der Marke Schleese, die seit den 90er Jahren explizit Sättel für Frauen produziert. Rund um Vennes und das Jungpferd vor ihm, stehen acht Frauen und ein Mann – fast repräsentativ für den Freizeitsport. 80 Prozent der Mitglieder von Swiss Equestrian sind Frauen. Die internationale Sportelite bleibt aber männlich – an den Olympischen Reitwettkämpfen 2024 waren nur 36 Prozent weiblich.

Turnierplatz statt Schlachtfeld

Reiten war lange den Männern und besonders dem Militär vorbehalten. Das zeigen auch oft zugespitzte Darstellungen: So galoppierten Herrscher auf ihren Rossen durch jegliche Geschichtsepochen. Ein Paradebeispiel dafür ist das Bild «Bonaparte franchissant le Grand-Saint-Bernard» von Jacques-Louis David aus dem Jahr 1800. Es zeigt Napoleon auf seinem steigenden Schimmelhengst Marengo. Macht, Männlichkeit und Krieg, dafür steht dieses Bild. In der Schweiz war der Pferdesport laut der Historikerin Noemi Steuerwald auch männlich geprägt. Im Militär leisteten Kavalleristen mit ihren Pferden Dienst am Land. Doch auch das öffentliche Bild war von Männern mit Pferden beeinflusst: Fuhrhalter, Kutscher und Bauern prägten Stadt und Land. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Pferd aber immer weniger wichtig, dennoch unterhielt das Schweizer Militär bis 1972 eine Kavallerie.

Das Militär injizierte und förderte den Schweizer Turniersport. Und dies nicht aus selbstlosen Gründen. Auch die Kavallerie war eine Miliztruppe. Viele Soldaten nutzten nach der Rekrutenschule die Chance, ihre Eidgenossen – so hiessen die Armeepferde – dem Bund zu einem günstigen Preis abzukaufen. Das Militär wollte jedoch sicherstellen, dass diese Pferde bei den Soldaten zu Hause im Kriegsfall fit und gut geritten waren. Deshalb organisierte es regelmässig Pferdesportwettbewerbe, um die jungen Herren zum Reiten zu animieren. Das war aber längst kein Schweizer, sondern ein internationales Phänomen. An den olympischen Reitwettkämpfen 1936 waren laut der Historikerin Noemi Steuerwald unter den 133 Teilnehmern nur zwei Zivilisten.

Vorreiterinnen

Frauen waren bis 1952 nicht an den olympischen Reitwettkämpfen zugelassen. Und dennoch gab es Vorreiterinnen, die jegliche Stereotypen brachen. Max Ammann, ehemaliger Journalist, Pressesprecher und Autor des Buches «120 Jahre Pferdesport Schweiz» beschäftigte sich auch mit den ersten Turnierreiterinnen. «Elisabeth Walter war 1913 die erste Schweizerin, die ein internationales Turnier sprang», sagt er. Sie belegte im Amazonenspringen, einer separaten Kategorie für Frauen, gleich den vierten Platz. Sie ritt auf der Stute Daisy, die ihrem Bruder, einem Kavalleristen, gehörte. Geritten ist sie auch in dessen Sattel – einem klassischen Herrensattel.

In der Zwischenkriegszeit nahmen immer mehr Reiterinnen an Turnieren teil, und die Schweizerinnen waren durchaus erfolgreich. So berichtet Ammann von einem Artikel in der deutschen Pferdezeitschrift «Reiten und Fahren» aus dem Jahr 1929, in dem die beiden Schweizerinnen Renée Schwarzenbach und Annelies Stoffel erwähnt wurden. Schwarzenbach wurde als weltweit beste Damensattelreiterin und Stoffel als beste Herrensattelreiterin gelobt.

Dei führenden Reiterinnen traffen sich 1933 in Luzern: Stoffel, Haecky, Oppenheim, Di Morignano und Schwarzenbach.
Dei führenden Reiterinnen traffen sich 1933 in Luzern: Stoffel, Haecky, Oppenheim, Di Morignano und Schwarzenbach.

Pferdesportverband stellte sich quer

«An den Turnieren vor dem Ersten Weltkrieg machten Herren-, Profi- und Militärreiter den grössten Teil aus. Amazonen waren eindeutig in der Minderheit. Der Druck war deshalb gross», sagt Max Ammann. Zudem fanden die meisten Reiterinnen den Zugang zum Turniersport nur über einen Kavalleristen im näheren Umfeld – bei Schwarzenbach und Stoffel waren es die Ehemänner. Der internationale Pferdesportverband Fédération Equestre Internationale stellte sich aber bis 1952 quer, Frauen an den Olympischen Spielen an den Start zu lassen. Und erstmals 1952 nur in der Disziplin Dressur. Die USA mussten deshalb ihre erfolgreiche und schon qualifizierte Springreiterin Carol Durand aus dem Kader werfen – sie durfte erst vier Jahre später an den Start. Heute ist der Reitsport die einzige olympische Disziplin, in welcher Frauen und Männer gegeneinander antreten. Reiten hat wenig mit Krafteinwirkung, sondern mit körperlicher Fitness und dem Umgang mit dem Vierbeiner zu tun.

Von Napoleon zu Wendy

Der Pferdesport wandelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der Basis zum Frauensport. Die Historikerin Noemi Steuerwald nennt dafür drei Faktoren: Erstens wurden Pferde durch Lastwagen und Traktoren ersetzt. Und zahlreiche Armeen lösten ihre Kavallerien auf – so brach das Militär als grosser Förderer des Turniersports weg. Zweitens sank so die Relevanz des Pferdes in all diesen Bereichen, die gesellschaftlich eher männlich konnotiert waren. Drittens veränderte sich der Umgang mit dem Pferd. Die Idee, dass ein Reiter das Pferd beherrschen muss, wie es in vielen militärischen Ratgebern beschrieben wurde, kam aus der Mode.

Das Pferd wandelte sich zum Freizeitpartner – die Beziehung definierten Pferdesportlerinnen und -sportler nicht mehr durch Dominanz, sondern durch Empathie und Vertrauen. Das sind beides Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft eher Frauen zugeschrieben werden. So wandelte sich auch das kulturelle Bild: Die Herrscher auf ihren Rossen wurden zu Pferdemädchen, wie Wendy oder Mika aus Ostwind.

Der Breitensport wurde weiblich, doch die Elite bleibt männlich. In der Geschlechterforschung wird das als «Leaky Pipeline» bezeichnet. Das heisst, dass der Frauenanteil an der Basis ausgewogen ist oder überwiegt und mit jeder höheren Karrierestufe abnimmt. Laut den Zahlen von Swiss Equestrian ist dieser Effekt in der Schweiz nicht ganz so stark, aber dennoch ersichtlich. Bei den Brevets liegt der Frauenanteil bei 91 Prozent, bei den Lizenzen bei 80 Prozent und bei den Kaderplätzen noch bei 71 Prozent. Der Grund dafür ist unklar.

Zahlen, die überraschen

• 80 % der Mitglieder von Swiss Equestrian sind Frauen • 91 % Frauenanteil bei Reit-Brevets • 36 % Frauen an Olympia 2024 • Bis 1952: Frauen an Olympia ausgeschlossen • Einzige olympische Sportart mit direktem Mixed-Wettkampf

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