ABO

In Luzern holen Pferde die Grünabfuhr

Nicht nur Pilatus, Kapellbrücke und Vierwaldstättersee gehören zum Stadtbild von Luzern, sondern auch ein ungewöhnliches Zweigespann: Vier Tage pro Woche klackern die Pferde der IG-Arbeit mit ihrer Kutsche und der orangefarbenen Entourage durch die Quartierstrassen, um Grüngut einzusammeln.

Ob Jogger, Velofahrer, Autos oder sogar Stadtbusse – was auch immer an Joy und Beno vorbeizischt, die beiden Freibergerpferde scheint es kaum zu kümmern. Munter ziehen sie ihren Karren durch die Stadt Luzern und folgen den Anweisungen von Marco Käslin aufs Wort. Bei jedem Häuserblock, an dem Grüngut bereitsteht, ruft der Fuhrmann ein klares «Hoo». Sobald das Gespann stoppt, springen die Einsatzkräfte vom Wagen und machen sich daran, die Container zu leeren.

Währenddessen beobachtet Käslin die Pferde und die Umgebung aufmerksam. Obwohl die Tiere einiges gewohnt sind, könnte etwas Unerwartetes ihren Fluchtinstinkt aktivieren. Etwa, wenn jemand seine leeren Glasflaschen just in diesem Moment entsorgen würde. «Auch Baustellen finden die Pferde nicht so toll», so Käslin. Wenn er etwas sieht, was laute, unangenehme Geräusche macht, schickt er jemanden vom Team voraus, um die Leute aufzuklären und um eine kurze Pause zu bitten.

«Die meisten haben Verständnis», betont Käslin. Mehr noch: Er schätzt, dass etwa 95 Prozent der Passanten offensichtliche Freude am Fuhrwerk zeigen. «Touristen erholen sich manchmal kaum», sagt er lachend. Besonders Kinder und alte Leute hätten ihren Spass an der ungewöhnlichen Erscheinung mitten in der Stadt.

In Luzern holen Pferde die Grünabfuhr
Joy und Beno lassen sich unterwegs weder von Velos noch von Autos von ihrer Arbeit ablenken.

Tatsächlich zeigen drei Mädchen erfreut auf die Pferde, als wir vis-à-vis einer Schule halten. «Man erlebt alles auf der Tour», erzählt Mitarbeiterin Corinne. «Manchmal gibt es auch nur ein verkrampftes Lächeln.» Dies könne eben vorkommen, wenn sich mal eine längere Autokolonne hinter der Kutsche bilde. Da diese jedoch nicht zu Stosszeiten ausgefahren wird, ist dies selten der Fall.

Tagesablauf mit Spielraum

Die allmorgendliche Besprechung beginnt für das Team Grünabfuhr um 8.30 Uhr. Neben zwei fest angestellten Arbeitsagogen und einem Zivildienstler setzt sich der Trupp aus rund 20 psychisch beeinträchtigten Menschen zusammen. Gemeinsam halten sie das alte Bauernhaus mitsamt Stall in Schuss und sammeln das Grüngut einiger Quartiere in der Umgebung ein.

Dafür sind sie nicht nur mit Ross und Wagen ausgerüstet, sondern auch mit einem eigenen Traktor. «Steile Strassen machen wir nicht mit den Pferden», erklärt Marco Käslin und fragt in die Runde: «Wer kommt heute mit den Pferden mit?» Rasch finden sich drei Leute. Auch Zivildienstler Luca darf an seinem letzten Arbeitstag noch einmal mit auf die Kutsche. Die Einteilung variiert je nach Bedürfnissen der Mitarbeitenden und ihrem aktuellen Tageszustand. «Körperlich muss man schon fit sein und jedes Mistwetter aushalten», betont Käslin. Wer sich nicht gut fühlt, bleibt im Haus und verbringt den Morgen mit Putz- oder Reparaturarbeiten. «Da gibt es immer etwas zu tun.»

In Luzern holen Pferde die Grünabfuhr
Die IG Arbeit bringt Personen mit psychischen Schwierigkeiten zurück in die Arbeitswelt.

Im Kutschenteam ist Pferdenärrin Corinne für gewöhnlich gesetzt. Fröhlich erzählt sie von den unterschiedlichen Charakteren der Pferde. «Joy ist unsere Zwetschge», verrät sie. «Wenn ihr etwas nicht passt, zeigt sie es sofort.» Auch Desirée, die schon seit drei Jahren im Grüngut-Team mitwirkt, liebt den Umgang mit Tieren und knuddelt die beiden Hufträger innig. Mithilfe von Zivi Luca und Arbeitskollegin Annette Vuille-dit-Bille machen die beiden Frauen die Pferde bereit für die Tour durch die Stadt.

Vuille-dit-Bille ist die Pferdeexpertin im Team und hat die Zügel in der Hand, wenn es darum geht, ein neues Pferd in den Betrieb einzugliedern. «Wir handeln immer einen Probemonat aus», erklärt die Fachfrau. Denn auch wenn das Pferd beim Vorbesitzer keinerlei Probleme mit dem Verkehr zeigte, könne es dennoch vorkommen, dass es mit dem schweren Fuhrwerk in Luzern nicht funktioniere. Zu junge Pferde kommen für die anspruchsvolle Arbeit im Stadtverkehr nicht in Frage. «Mit acht bis neun Jahren sind sie im Charakter schon etwas gefestigt», erklärt Vuille-dit-Bille.

In Luzern holen Pferde die Grünabfuhr
Die beiden Freiberger Joy und Beno erwarten geduldig die nächsten Anweisungen.

Fügen sie sich gut in den Alltag bei der IG Arbeit ein, bleiben sie etwa zehn Jahre, bis sie ihre wohlverdiente Rente geniessen dürfen. Der Pferdeexpertin ist jedoch wichtig, dass die arbeitswilligen Freiberger auch im Alter noch Bewegung haben. «Ich suche immer so lange, bis ich den perfekten Platz für sie gefunden habe», betont sie und fügt an: «Dann werden sie vielleicht noch vier anstatt der bisherigen sieben Tage bewegt.» Während ihrer Zeit bei der IG Arbeit sorgt Vuille-dit-Bille trotz der strengen Arbeit dafür, dass Joy und Beno an ihren freien Tagen mit Longieren und Reitausflügen gefordert werden.

Sie ist überzeugt, dass die Pferde von der regelmässigen Beschäftigung profitieren. Für die Aufgabe als Fuhrpferde sind die Freiberger als waschechte Kaltblüter ideal. Auch im Winter fühlen sie sich pudelwohl. «Wenn es schneit, sind sie manchmal so aufgedreht, dass wir vor dem Sammeln des Grünguts schon eine Runde fahren müssen», erzählt Desirée.

Einmal rund um die Luzerner Allmend

Heute scheint jedoch alles wie am Schnürchen zu laufen. Da keine grosse Tour auf dem Programm stand, entschliesst sich Marco Käslin danach für eine Extrarunde über die vielbefahrene Horwerstrasse. «Beno ist das erfahrenere Pferd», erklärt der Fuhrmann. «Deshalb spannen wir ihn immer auf der Verkehrsseite ein.»

Als wir in eine ruhigere Strasse einbiegen, um zurück zum Stall zu fahren, folgt noch das Grande Finale per Express-Stopp. Sofort ruft Corinne: «Kaktus!» Das Codewort für den «Kack», der hinter Beno «duss» ist, zwingt Zivi Luca ein letztes Mal von der Kutsche, um die Pferdeäpfel zum übrigen Grüngut zu kippen.

In Luzern holen Pferde die Grünabfuhr
Die aufgeschlüsselte Bedeutung des Codeworts «Kaktus».

Als wir auf den Hof zurückkehren, teilt sich das Team sofort wieder auf, um die Aufräumarbeiten schnellstmöglich zu erledigen. Denn schon bald steht das gemeinsame Mittagessen an. «Es ist ein bisschen wie in einer Familie», findet Marco Käslin. «Wir verbringen den ganzen Tag mehr oder weniger zusammen.» Oft liegen nach dem Essen ein paar Spiele drin. Währenddessen ist oft noch Zeit zum Plaudern und um ein paar Sorgen loszuwerden. Denn diese gibt es hier nicht zu knapp. Doch ob mit psychischen oder physischen Herausforderungen – auf dem zweiten Arbeitsmarkt können viele Leute mit allerlei Gebrechen wieder zur Ruhe kommen.

Nichtsdestotrotz stehen am Nachmittag Ämter an, die noch nicht erledigt wurden. Auch der Stall muss gemacht werden. Das Traktor-Team geht währenddessen noch einmal auf Tour. «Für unsere Leute ist es wichtig, dass sie ihren Beitrag leisten können», ist Annette Vuille-dit-Bille überzeugt. «Sie sollen sich als Teil der Gesellschaft verstehen.»

Weiterlesen