Noch ist es zu kalt. Die Sonne erhebt sich nur schleichend über die Freiburger Hügellandschaft, erst ein paar Saatkrähen haben sich auf den Feldern und Stromkabeln niedergelassen. Adrian Aebischer steht am Strassenrand und blickt hinüber zum kleinen Wäldchen, dem Unteren St. Wolfgangholz, gelegen in der Gemeinde Düdingen. Seine Suche beginnt der 56-Jährige stets aus etwas Enternung: Mehrere hundert Meter blickt er von der Hauptstrasse aus über die Felder hinweg und späht nach dem Objekt der Begierde. «Man sollte die Tiere während der Brutzeit nicht zu sehr stören», erklärt er und wirft einen fixen Blick durch sein Fernrohr, das auf einem Stativ neben ihm steht. Irgendwo im kleinen Wäldchen befinde sich wohl ein Nest, erklärt Aebischer weiter. Erst wenn er dieses in etwa ausgemacht habe, wolle er näher ran. «Hin, suchen, das Nest finden und dann schnell wieder weg – nicht länger als zwei Minuten sollte es dauern», so der Plan.
Scharfsinniger Jäger
Und dann, plötzlich, mitten im Reden verstummt Aebischer und zeigt aufgeregt in die Ferne. Ein Rotmilan! Endlich. Mit kontinuierlichem Flattern verlässt das Tier das Wäldchen und fliegt in Aebischers Richtung. «Normalerweise gleiten sie mehr», sinniert der Biologe ab der auffallend häufigen Flügelbewegung, «aktuell hat es aber wohl noch zu wenig Thermik.» Über einem Feld zu seiner Rechten fängt der Vogel anzu kreisen, in fast schon regelmässigen Bahnen, eine Runde nach der anderen. «Er jagt», stellt der Experte fest. Dazu nehmen die Greifvögel teils weite Strecken auf sich, bis zu 10 Kilometer entfernen sie sich vom Nest, um auf Wiesen und Weiden nach Nahrung zu suchen. Vom Aufwind lassen sie sich dann in die Höhe schrauben und gleiten gut 50 Meter über den Boden hinweg. Beim Erspähen von Insekten oder Mäusenhelfen ihnen vor allem die scharfen Augen: Wird die Beute gesichtet, stösst der Rotmilan nicht sofort hinab, sondern beobachtet die Situation erst genau. Und dann schlägt er zu, schnappt sich die Beute und fliegt mit ihr davon. Für den Verzehr sucht sich der Milan eine sichere Stelle. «Kleinere Beutetiere werden auch schon mal direkt im Flug gefressen», so Aebischer, dessen Blick weiter fest auf den Vogel gerichtet ist. Das grazile Tier hat inzwischen wieder zum Schlag mit den Flügeln angesetzt und verschwindet hinter einem Haus, fort aus dem Sichtfeld des Ornithologen. Ärgerlich, «aber wir warten einfach weiter ab.»
Adrian Aebischer ist ein Mann mit viel Geduld, der schnell spricht und oft lacht. Die Vogelkunde begeisterte ihn schon als Kind. In Freiburg studierte der «waschächta Seisler», wie er sich selbst bezeichnet, Biologie. Nach seiner Dissertation über Schilfvögel half er bei verschiedenen Projekten im In- und Ausland über Greifvögel und Eulen mit. Heute arbeitet er beim Kanton Freiburg, beim Amt für Wald und Natur. Der Rotmilan ist schon seitLängerem ein treuer Begleiter Aebischers: Seit 20 Jahren beschäftigt er sich mit dessen Brutgeschehen. Und seit 2007 koordiniert er die gesamtschweizerische Zählung der Winterschlafplätze des Greifvogels. Kurz: Wer sich mit dem gefiederten Jäger beschäftigt, kommt an Adrian Aebischer kaum vorbei.

Der Bestand hat sich erholt
Hier im freiburgischen Landwirtschaftsgebiet komme der Rotmilan häufig vor, erklärt der Mann mit dem grossen Fernrohr, während er weiter wartet. DasMosaik aus vielen kleinen Feldern sei für die Tiereideal: Fast jeden Tag werde wieder irgendwo gemäht oder gepflügt. Beides bringt potenzielle Nahrung an die Oberfläche. «Dann sitzen auch schon mal zehn, zwanzig Milane gemeinsam auf dem Feld.» Ihre Nester hingegen bauen sie in etwas Abstand zueinander. Ein, vielleicht zwei Nester pro Wäldchen. Heute, wo eswieder mehr Rotmilane gibt, vielleicht auch mal drei. Das Unterholz in der Ferne, das Aebischer weiterhin im Blick hält, beherbergte früher einen der ersten Nistplätze der Schweiz. War der Rotmilan hier, wusste Aebischer, dass die Tiere aus ihren Winterquartieren im Süden zurückkehren. Seither hat sich viel verändert: Nicht nur, dass sie bei Weitem nicht mehr alle den Weg nach Spanien auf sich nehmen – «viele überwintern mittlerweile in der Schweiz» –, auch ihre Zahl seikonstant gestiegen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ging es dem Rotmilan in der Schweiz noch gut. Das Tier brütete bis weit hinein in die grossen Alpentäler, man schätztheute mehrere Hundert Brutpaare. Dann begann ein markanter Bestandsrückgang: Greifvögel wurden gnadenlos verfolgt, mit Schusswaffen und Fallen getötet. Die Milane verschwanden aus verschiedenen Kantonen, 1950 kamen sie in der Westschweiz nur noch im Jura, im Mittelland sowie im Kanton Waadt vor. Um dem Schwinden entgegenzuwirken, stellte man die Art bereits 1925 unter Schutz, es dauerte aber mehrere Jahrzehnte, bis sich der Bestand erholte. Heute geht es dem Rotmilan besser denn je zuvor. Über 3500 Brutpaare zählt man aktuell. Das erstaunliche an dieser Zunahme: Sie war nicht geplant. Es gab weder gezielte Projekte in der Schweiz noch grosses Engagement von Tierschutzorganisationen.
Dem Rotmilan geht es gut: Sein Bestand hat in der Schweiz kontinuierlich zugenommen.
Der Rotmilan erholte sich von allein. Eine erfreuliche, aber ungewohnte Erfolgsgeschichte, die Aebischer vor allem auf eines zurückführt: «Der Rotmilan ist ein unglaublicher Opportunist. Kein anderer Greifvogel hat ein so breites Nahrungsspektrum wie er.» VonInsekten über Kleinsäuger bis hin zu Aas oder Küchenabfällen fressen die Vögel fast alles – Hauptsache Fleisch. In der Schweiz machen Mäuse und Ratten fast ein Drittel seines Futters aus, gefolgt von Wirbellosen sowie kleineren Vögeln. So bediene sich der Rotmilan ausnahmsweise auch mal an ungeschützten Hühnerzuchten, ein Ärgernis für die Besitzer. Ansonsten sei der Rotmilan aber bei den meisten Menschen beliebt. «Es gibt sogar viele, die ihn bewusst füttern», erzählt Aebischer, «auch wenn er das – ausser bei stark gefrorenem Boden – überhaupt nicht nötig hätte.»
Mitten im Sprechen legt Aebischer erneut eine Pause ein. Der Rotmilan von vorhin fliegt über seinen Kopf, auf dem Rückweg ins Wäldchen. Der gebürtige Freiburger beobachtet ihn schweigend, verfolgt seine Flugstrecke und als der Vogel mit den langen Schwanzfedern in den Bäumen verschwindet, sagt er zufrieden: «Dort etwa muss es sein, das Nest.»
Die Schweiz als Sonderfall
Der Rotmilan-Bestand in der Schweiz hat sichin den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gesteigert. Während man 1969 noch rund 90 Paare schätzte, weiss man heute von über3500 Brutpaaren. Die Gründe für diese Zunahme sind vielfältig. Dazu gehören etwa offene Müllhalden im Winterquartier, ein verbesserter Schutz der Greifvögel in den Durchzugsländern und Überwinterungsgebieten sowie die zunehmende Tendenz der Vögel, in der Schweiz zu überwintern. Die Zunahme hierzulandeist aber ein Sonderfall: In keinem anderen europäischen Land befindet sich der Rotmilan dermassen im Aufwind. Lediglich in Süd-schweden liess sich eine ähnliche Zunahme beobachten. In unseren direkten Nachbarländern wie Deutschland und Frankreich hingegen hat der Jäger nach wie vor zu kämpfen. Rund zehn Prozent aller Rotmilane weltweit wohnen in der Schweiz.
Ein hübsch dekoriertes Nest
Ein paar Minuten später, nicht mehr am Rand desWaldes, sondern mittendrin. Aebischer folgt dem breiten Weg, der mitten durch das St. Wolfgangsholz führt, das Stativ samt Fernrohr ruht auf seinen Schultern. Es ist ein hübsches Wäldchen, beliebt bei Joggern und Hündelern. Doch anders als bei ihnen gilt Aebischers Blick den Baumwipfeln und dem Himmel: «Dort vorne ist ein altes Nest, das kenne ich noch von früher.» Mit grossen Schritten verlässt der stämmige Mann den Weg und schleicht sich durch die Blätter. Fast zeitgleich erhebt sich ein Mäusebussard in die Höhe und gleitet davon. Ein Pärchen, das wohl auch hier im Wald nistet, mutmasst Aebischer.
Eine ähnliche Reaktion erhofft er sich von den Rotmilanen: Fände er deren Nest, würden sie sich bemerkbar machen. Jetzt, Anfang Frühling, dreht sich bei den Greifvögeln alles um das Nisten und Brüten. Entweder haben sie ihre Eier schon gelegt und ein Elternteil bleibt dauerhaft darinsitzen oder aber sie sind noch dabei, das Nest zu errichten. So oder so sollten die Tiereirgendwo stecken. Sobald sie den menschlichen Eindringling entdecken, scheuchen sie hoch, fliegen ihre Kreise und geben Warnrufe ab. Genau auf dieses Zeichen wartet Aebischer, doch an dieser Stelle hat er kein Glück. Nach ein paar Minuten erspähen seineAugen zwar das Nest, es scheint aber unbesetzt zu sein. Wäre es von Rotmilanen bevölkert, würde man dies erkennen: «Als eine der einzigen Vogelarten tendieren die Milane dazu, ihr Nest zu dekorieren.» Oftmals verwenden sie Stofffetzen oder Plastikreste, um ihrZuhause zu schmücken. Man fand aber bereits ganze Plüschtiere, die von den Vögeln angeschleppt und verwendet wurden.
Leicht enttäuscht geht es zurück auf den Weg. Noch eine Chance gebe es, ein Nest und damit auch ein Paar aus der Nähe zu entdecken: Etwas weiter oben imUnterholz, am östlichen Waldrand weiss Aebischer von einem Ort, der die letzten Jahre immer mal wiederbewohnt wurde. «Rotmilane sind zwar häufig nesttreu, aber nicht immer», erklärt er auf dem Weg dorthin, «wie alle anderen Tiere auch, sind sie praktisch veranlagt. Und ein gemachtes Nest ist einfacher zu besetzen, als ein neues zu errichten.» Auch was den Partner oder die Partnerin betrifft, seien die Tiere nicht festgebunden. Weil sie aber immer an denselben Ort zurück-kehren, nachdem sie den Winter im Süden verbracht haben, würden oft auch dieselben Paare wieder zusammenfinden. «Ausser irgendwas geht schief – zum Beispiel, wenn einer von beiden nicht nach Hause zurückfliegt oder wenn das Weibchen zu lange auf sich warten lässt.» Dann sei das Männchen, das tendenziell früher aus dem Süden zurückkehrt, nicht wählerisch undnehme die nächste Brutwillige.
Zum dritten Mal an diesem Tag verstummt Aebischer abrupt. Erneut hat er etwas gesichtet: Hoch oben in einer Buche, eine Ansammlung von unzähligen Ästen. Ein Rotmilan-Nest, deutlich zu erkennen an derbeachtlichen Grösse. Im Gebilde selbst sitzt kein Vogel, dafür lauert einer der Bewohner ein paar Dutzend Meter entfernt auf einem Baum. Ein Rotmilan wartet ruhig auf einem Ast, den hellen Kopf in die Richtung des Eindringlings gerichtet. Schnell zückt Aebischer sein Handy, um die Koordinaten des Fundes zu speichern. Dann stellt er ebenso zackig sein Stativ auf und blickt durch das Teleskop. Das Tier beäugt den Ornithologen argwöhnisch, dieser blickt begeistert zurück. Dann entrinnt dem Hinterteil des Vogels ein Schwall Kot. Aebischer lacht: «Das bedeutet, dass er nervös ist. Gleich fliegt er davon.» Und fast schon auf Kommando erhebt sich der Jäger in die Lüfte.
Die Suche nach dem Rotmilan war erfolgreich. Rasch packt Aebischer seine Habseligkeiten zusammen. Er wolle die Tiere nicht zu lange stören, «nicht, dass sie ihr Nest noch aufgeben wegen mir.» Und so verschwindet der Beobachter, hinaus aus dem Wäldchen, weg vom Rotmilan. Vielleicht werde er in ein paar Tagen oder Wochen wieder kommen und nachsehen, ob das Paar schon Eier gelegt habe, sinniert Aebischer. Und auch dann lautet der Plan: Schnell hin und schnellwieder zurück. Nicht länger als zwei Minuten sollte es dauern

