Während in Bern auf 555 Metern über Meer anfangs April die Magnolien blühen, prägen im Engadin Schneefelder die Sicht. Die mächtigen Berggipfel glitzern weiss; manche der vielen Seen des Hochtals im Kanton Graubünden sind noch zugefroren. Doch im Dorf Pontresina, das fast 1300 Meter höher als Bern liegt, wärmt die Sonne am Nachmittag des 8. April Gesicht und Körper, der Schnee ist auf einige kleinere Felder zusammengeschmolzen. Einige Höhenmeter über dem 2000-Seelen-Dorf befindet sich die Begräbniskirche Sta. Maria. Davor liegt, hinter Steinmauern, ein kleiner Friedhof; Sitzbänke bieten eine wunderbare Aussicht über das Oberengadiner Seitental Val Bernina und laden bei solch schönem Wetter zum Verweilen ein.

Doch die Gruppe, die sich vor der Kirche eingefunden hat, ist weder da, um die Ruhe des Gotteshauses zu suchen, noch, um die Sonne zu geniessen: Ein gut zwei Meter grosses, hölzernes Steinbock-Horn am Wegesrand lässt erahnen, wozu die elf Menschen angereist sind: um Steinböcke zu sehen. Marco Salis, Bergführer und Jäger, nähert sich der Gruppe. «Willkommen im Steinbock-Paradies Pontresina», begrüsst der Guide die Runde. An diesem Nachmittag steht die letzte Winter-Steinbock-Beobachtung der Saison an. Salis verweist auf das hölzerne Horn, das den Start der rund ein Kilometer langen Steinbock-Promenade markiert. «Dann wollen wir sehen, ob sie irgendwo sind», sagt Salis, und zieht, mit Feldstecher und Fernrohr ausgestattet, mit den Anwesenden auf der Steinbock-Promenade davon.

Dass sich die Gemeinde Pontresina selber als «Steinbock-Paradies» bezeichnet, hat einen guten Grund. Oberhalb des Dorfes, an den Flanken des Piz Albris, lebt eine der grössten Steinbock-Kolonien der Alpen: Schätzungen zufolge gehören rund 1800 Tiere dazu. Zwischen Mitte April und anfangs Juni wird Pontresina zum Schauplatz eines besonderen Ereignisses: Wenn auf den Berggipfeln noch meterhoher Schnee liegt, das Tal aber bereits grün ist, steigen die Steinböcke bis an den Dorfrand Pontresinas herunter, um das frische Gras zu fressen.

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«Geissen und Kitze bleiben lieber einige Meter weiter oben», so der Bergführer Salis. «Bis unten auf die Wiesen neben dem Dorf kommen ausschliesslich Steinböcke.» Sobald die Temperaturen in die Höhe klettern, tut es ihnen das Steinwild – der Überbegriff der Art – gleich. «Je nach Witterung sind sie anfangs Juni wieder wie weggeblasen», erklärt Salis. «Die Tiere mögen es nicht, wenn es zu warm ist. Im Hochsommer trifft man sie in Höhen bis zu 3500 Meter über Meer.»

Im Frühling ist es jedoch möglich, die imposanten Tiere in Pontresina aus nächster Nähe zu betrachten. Das Schauspiel, das für die Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde normal ist, zieht mittlerweile Interessierte aus der ganzen Welt ins Oberengadiner Dorf. «Für uns als Ortsansässige waren die Steinböcke immer präsent», schildert Salis, der seit 1969 in Pontresina wohnt. Vor einigen Jahren habe die Gemeinde damit begonnen, das Phänomen bekannter zu machen und zu vermarkten. Mit Erfolg, so der Guide. «Das hat eingeschlagen wie eine Bombe. Mittlerweile reisen in der Saison täglich bis zu 200 Leute nach Pontresina, nur um die Steinböcke zu sehen.»

Steinböcke auf dem Friedhof

Die Steinböcke indes scheinen sich nicht ab ihren Fans zu stören. «Im Gegenteil», sagt Marco Salis, «ihr Verhalten gegenüber Menschen hat sich verändert: Man hat den Eindruck, dass sie immer zutraulicher werden. Durch die zunehmende Menge an Touristinnen und Touristen haben sie sich auch immer mehr an die Leute gewöhnt.» Wer zur richtigen Zeit nach Pontresina reist, hat gute Chancen, das Bündner Wappentier aus sehr geringer Distanz zu beobachten – sei es am Dorfrand, auf der Promenade oder auch an spezielleren Orten.

«Manchmal nehmen sie sogar den Friedhof der Kirche Sta. Maria in Beschlag, sitzen auf den Steinmauern und zwischen den Grabsteinen herum.» Führt diese Nähe nicht auch zu Problemen? «Nein. Als Wiederkäuer ruhen sie sich einfach gerne auf dem Friedhof aus», erklärt Salis. Fressen würden sie höchstens das Gras rund um die Gräber, Grabblumen aber wahrscheinlich nicht. «Und sonst richten sie keine Schäden an. Man lässt sie einfach machen. Schliesslich sind sie ein Wahrzeichen. Wir sagen, wir sind ein Steinbock-Paradies – wieso sollen sie sich nicht auf dem Friedhof aufhalten dürfen?» Auch wenn eine Herde auf dem Friedhof ist, wird sie nicht verjagt. «Man wartet halt draussen, bis die Steinböcke wieder weg sind. Schliesslich ist es auch eine schöne Gelegenheit, um Fotos zu machen!»

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Bildmaterial hat der Bündner schon vieles gesammelt. Schliesslich befasst sich Salis fast das ganze Jahr über mit Steinwild. Und das seit bald 20 Jahren.Gemeinsam mit seiner Frau Christine führt er von Februar bis April jeden Dienstagnachmittag Beobachtungstouren durch. Während der «Hochsaison» von Mitte April bis Juni folgen mehrmals pro Woche Führungen und von Juni bis Oktober Tages-Exkursionen in höheren Regionen.

Steinböcke aus so geringer Entfernung wie in Pontresina beobachten zu können, sei einzigartig, sagt Salis. «Im Bergell-Tal oder auf dem Julierpass gibt es auch Steinböcke, doch die sind scheu. Denen kann man sich höchstens auf einige hundert Meter nähern, dann sind sie weg.» So präsent Steinwild heute im Leben des 1948 geborenen Bergführers ist, so rar waren dieTiere in früheren Jahren. «Den ersten Steinbock habe ich irgendwann in den Sechzigern gesehen. Ich begleitete meinen Vater auf der Jagd, als wir ihn sahen. Wir wussten erst gar nicht, was es für ein Tier ist – so selten war Steinwild damals!»

Die erfolgreiche Wiederansiedelung

Dass heute wieder geschätzte 17 000 bis 18 000 Steinböcke in der Schweiz leben, ist die beispiellose Geschichte einer erfolgreichen Wiederansiedelung. Ein Blick in die Vergangenheit: Im 18. Jahrhundert galt der «König der Alpen» als fast ausgerottet – nicht nur in der Schweiz, sondern im gesamten Alpenraum. Die Entwicklung immer effizienterer Feuerwaffen ermöglichte es den Menschen, Steinwild zu schiessen. Fleisch, Felle, Fett und Organe wurden verwertet – teilweise auch als «Heilmittel». So glaubte man zum Beispiel, das Herzkreuz des Steinbocks, ein verhärteter Knorpel der Herzklappen, mache seinen Träger unverwundbar.

In Graubünden galt der Steinbock bereits um 1640 als ausgelöscht. Das letzte Exemplar der Schweiz wurde 1809 im Wallis erlegt. Im ganzen Alpenraum blieb nur im italienischen Gran Paradiso, einem Gebiet zwischen dem Aostatal und dem Piemont, ein kleiner, lokaler Steinwild-Bestand übrig. Dass die Population überlebte, ist dem leidenschaftlichen Jäger und italienischen König Vittorio Emanuele II (1820 – 1878) zu verdanken: Dieser setzte professionelle Wildhüter ein, um das Steinwild durch rigorose Bestimmungen zu schützen.

Die Massnahmen zeigten Wirkung: Ende des 19. Jahrhunderts hielten sich wieder rund 3000 Steinböcke im königlichen Jagdgelände auf. 1922 wurde das Gebiet rund um Gran Paradiso zum Nationalpark erklärt. Bestrebungen, Steinwild wieder anzusiedeln, wurden auch ausserhalb Italiens Thema. 1875 wurde das erste schweizerische Jagdgesetz verabschiedet. Explizit festgehalten wurde darin die angestrebte Besiedlung bestimmter Jagdbanngebiete durch den Steinbock. Allerdings zeigte der italienische König keine Bereitschaft, der Schweiz Zuchttiere zur Verfügung zu stellen.

Es waren angeheuerte Wilderer, die ab 1906 unter Einsatz ihres Lebens Steinbockkitze vom Nationalpark Gran Paradiso in die Schweiz schmuggelten. Das junge Steinwild wurde nach St. Gallen gebracht und dort im Tierpark Peter und Paul aufgezogen. Nach ersten erfolglosen Versuchen wurden am 19. Juni 1920 sieben Kisten mit jungen Steinböcken nach Zernez gebracht, um am Folgetag im damals noch neuen Schweizer Nationalpark ausgesetzt zu werden. Da die ersten Tiere der Wilderei zum Opfer fielen, folgten 1923, 1924 und 1926 weitere Aussetzungen, die mehr fruchteten. Heute leben im gesamten Alpenraum wieder über 40 000 Steinböcke.

Zu langsame Anpassung an den Klimawandel

Die wilde Vergangenheit prägt die Geschichte desAlpensteinbocks in der Schweiz. Doch was bringt die Zukunft für das Tier, das nicht nur das Kantonswappen, sondern auch die Gemeindewappen der Bündner Ortschaften Zernez, Val Müstair oder Stampa ziert sowie in diversen Logos vorkommt? Klar ist: Der Lebensraum des Steinwilds und vieler anderer Alpentiere verändert sich – und zwar drastisch. Der Klimawandel trifft den Alpenraum besonders hart.

Für den Kanton Graubünden verfasste MeteoSchweiz, das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie, bereits 2009 einen Klimabericht. Dieser bestätigt, dass sich während der letzten 100 Jahre das Klima in der Region um 1 bis 2 Grad erhöht hat. «Diese Tatsache widerspiegelt sich auch in der entsprechenden Abnahme der Anzahl Frosttage oder der Zunahme der Sommertage», ist im Vorwort zu lesen. Unter anderem unter diesem Aspekt wurde die Klimaerwärmung für den Kanton vor 16 Jahren «amtlich bestätigt».

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Heute sind die Folgen des Klimawandels im ganzen Alpenraum ersichtlich: An Schnee mangelt es häufig, die Gletscher schmelzen, die Berge schrumpfen. Dadurch verändert sich der Lebensraum diverser Arten, die in den Alpen beheimatet sind. Und diese passen sich oft zu langsam an, zeigt eine Studie unter der Leitung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) aus dem Jahr 2021. Ein internationales Team, bestehend aus Biologinnen und Biologen, untersuchte die Daten von mehr als 2000 Arten, die in den Alpen und ihren angrenzenden Regionen leben – darunter Tiere, Pflanzen und Pilze.

Die Erkenntnis: Viele Arten reagieren auf die Klimaerwärmung, indem sie in kühlere, immer höhere Regionen aufsteigen. Im Vorteil dieser Entwicklung sind zum Beispiel Schmetterlinge – insbesondere wegen ihrer Flugfähigkeit, die es ihnen erlaubt, die erforderlichen Höhenmeter schnell genug zurücklegen zu können. Auch Reptilien gehören laut WSL zu den Arten, die sich besser an den Klimawandel anpassen. «Dass viele Arten in höhere Lagen aufsteigen, ist zwar grundsätzlich eine gute Nachricht, denn sie versuchen immerhin, sich anzupassen», sagt Yann Vitasse, der als Spezialist für Waldökologie an der WSL tätig ist und an der Studie beteiligt war. Aber: «Den meisten Arten gelingt es nicht, die erforderlichen 60 bis 70 Höhenmeter pro Jahrzehnt zurückzulegen, die sie überwinden müssten, um unter den ihnen angestammten klimatischen Bedingungen weiterleben zu können.»

Bäume und Sträucher sind zwar mit bis zu etwa 33 Höhenmeter pro Jahrzehnt ebenfalls in der Lage, in relativ kurzer Zeit in die Höhe auszuweichen – um mit der derzeitigen Klimaveränderung Schritt zu halten, reicht das Tempo jedoch nicht aus. Und dann gibt es noch jene Arten, die ihren Lebensraum überhaupt nicht anpassen: Amphibien und Libellen sind beispielsweise an wasserreiche Standorte gebunden.

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Allen Veränderungen zum Trotz werden auch immer wieder neue Arten entdeckt: 2024 hat ein Forscher sechs neue Arten der Alpinen Steinfliege entdeckt, die in Höhen bis zu 2700 Metern zu finden sind und als Indikatoren für die Wasserqualität gelten: Ihre Anwesenheit zeigt, dass das Gewässer nicht verschmutzt und mit genügend Sauerstoff versorgt ist. Zwar gelten Alpine Steinfliegen hierzulande als weit verbreitet – dennoch stehen rund 40 Prozent der Arten auf der Roten Liste. Ausweichen können sie als Wasserinsekten nicht, zudem sind sie empfindlich auf Störungen wie Tourismus-Infrastrukturen oder Verschmutzungen. Und vor allem sind sie ganzjährlich auf kaltes Wasser angewiesen. Ihr Lebensraum, meist im Permafrostbereich oder in Gletschernähe, verschwindet immer schneller.

«Wenn sich der gegenwärtige Trend fortsetzt, könnte die Wildtierlandschaft der Alpen im Jahr 2050 grundlegend verändert sein», sagt der Ökologe Loïc Pellissier, der an der WSL-Studie von 2021 beteiligt war.

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Gefragt nach den «Verlierern» des Klimawandels, betont der Wissenschaftler: «Dazu gehören oft Spezialisten für Kälte und offene Lebensräume in höheren Lagen. Der Lebensraum des Alpenschneehuhns schrumpft durch den Schneerückgang und durch die Vergrünung der alpinen Gebiete rapide.»  Zu den Tieren, die sich hingegen gut an den Klimawandel anpassen, zählt Pellissier den Fuchs. «Der kann mit zunehmend milderen Temperaturen problemlos in höhere Lagen aufsteigen.»

Auch der Wolf gelte als sehr anpassungsfähig, erklärt der Ökologe. «Der Klimawandel könnte ihn sogar direkt begünstigen, indem sich mehr Beutetiere in höheren Lagen aufhalten, wo der Konflikt mit dem Menschen geringer ist.»

Eine Glückssache

Doch zurück zum Steinwild: Wie anpassungsfähig ist die Art? Ein Los, das alle heutigen Alpensteinböcke durch ihre Beinahe-Ausrottung tragen, ist eine geringe genetische Vielfalt. Das ist auf die kleine, italienische Restpopulation am Gran Paradiso zurückzuführen, aus der alle heute lebenden Tiere stammen. Durch die hohe Inzuchtrate tragen viele Steinböcke praktisch identische Gene. Ein geringeres Körpergewicht, ein erhöhtes Risiko für Parasitenbefälle oder eine verminderte Länge der Hörner können Folgen davon sein. Wie sich dies künftig auf die Population auswirken wird, ist noch unbekannt.

Als grandiose Kletterer sind Steinböcke und -geissen jedoch in der Lage, problemlos Höhenmeter gut zu machen – egal in welche Richtung. Hilft ihnen das aber auch im Rahmen des Klimawandels? Schliesslich gilt der König der Alpen als typische, kältespezialisierte Alpenart. «Extreme Wetterereignisse – wie Hitzewellen im Sommer – können den Stress für den Alpensteinbock verstärken», sagt Loïc Pellissier vom WSL. Aber: «Er ist gut an felsige und steile Umgebungen angepasst, und sein saisonales Verhalten in Bezug auf die Höhenlage ermöglicht ihm Flexibilität.» Ein saisonales Verhalten, das besonders im Steinbock-Paradies Pontresina hervorragend zu beobachten ist.

«Steinböcke sind sehr flexibel», bestätigt Bergführer Marco Salis. «Man findet sie dort, wo frisches Gras wächst: Im Winter und Frühling sind sie unten im Tal, im Sommer sind sie zuoberst bis in die Gletscherregionen». Durch den Klimawandel ausgelöste Verhaltensveränderungen habe er während 20 Jahren Steinbock-Führungen nicht direkt bemerkt. «Es ist jeweils schwierig zu merken, ob sie im Frühling früher unten sind oder im Juni wieder früher in die Höhe steigen», erklärt der Guide. «Es hat immer wärmere und kältere Frühlinge gegeben.»

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Ein für Oberengadiner Verhältnisse milder Tag prägt am 8. April auch die letzte Winter-Steinbock-Beobachtung in Pontresina. Salis führt die Gruppe über die Steinbock-Promenade. Immer wieder folgen Stopps, während denen zwölf Feldstecher die Bergseite absuchen. Klar wird: Einen Steinbock aus nächster Distanz zu sehen, wird an diesem Tag nicht möglich. «Dafür ist es wohl zu warm», erklärt der Steinbock-Experte den Anwesenden. «Momentan sind sie wahrscheinlich im oder rund um den Wald, um sich dort als Wiederkäuer auszuruhen. Durch ihre Fellfarbe sind sie halt auch nicht einfach zu sehen.»

Doch der Guide lässt sich nicht beirren, weder durch das abwesende Steinwild noch durch die dadurch wachsende Ungeduld der anwesenden Kinder. Immer wieder hält er inne und erzählt spannende Anekdoten aus der Geschichte und der Lebensweise des Steinwilds.

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Plötzlich, als manche der Anwesenden schon den Rückweg ins Dorf von Pontresina in Angriff genommen haben, hält der Bergführer inne und platziert sein Fernrohr. Aus einer Distanz von einigen hundert Metern zeigt sich eine trächtige Steingeiss, einige Minuten später tritt ein etwa fünfjähriger Steinbock in Erscheinung. Die Anwesenden sind begeistert; Salis lächelt. «Man kann Winter-Steinbock-Beobachtungen in Pontresina mit einer Safari in Afrika vergleichen», sagt er. «Ob und wo man die Tiere zu dieser Jahreszeit sieht, ist eine Glückssache.»