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Vögel beobachten dank moderner Technologien

Vögel zu beobachten, macht Spass und zufrieden. Eine Kamera am Futterhaus zeigt, was tagsüber läuft, wenn die Menschen nicht zu Hause sind. Die «TierWelt» hat die Probe aufs Exempel gemacht. Einige Tipps und Tricks zum Vorgehen.

Ein Blaumeischen kommt geflogen, landet am Rand des Vogelhauses, hechtet hinein, schnappt sich ein Nussstück, fixiert dieses zwischen den Krallen und pickt daran herum. Derweil sitzt eine Kohlmeise auf der gegenüber liegenden Seite des Häuschens und wartet, bis die Luft rein ist. Kaum ist die Blaumeise weg, schnappt sich die Kohlmeise eine Leckerei. Zwischendurch kommt eine mehrköpfige Spatzen-Gang vorbei und tut sich an Nüssen, Körnern und Samen gütlich.

So geht das fast den ganzen Tag. Es herrscht reger Flugbetrieb am und im Futterhaus unseres Balkons in einer Kleinstadt des Mittellands. Vogelbeobachtungen und biologische Vielfalt machen glücklich, wie eine Studie des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung vor zwei Jahren herausgefunden hat. Ihr zufolge gaben Erwachsene in 26 europäischen Ländern an, mit ihrem Leben zufriedener zu sein, wenn in ihrer Umgebung eine Artenvielfalt herrscht.

Als Massstab dafür nahmen die Forschenden Vögel, da diese sich ihrer Meinung nach als Indiz für biologische Vielfalt eignen. Die meisten Vogelarten seien beliebt und würden gern beobachtet. Vor allem in den Städten seien sie Sinnbild einer belebten Natur – da sie oft nicht zu sehen sind, dank ihres Gesangs aber zu hören. So steigerten zehn Prozent mehr Vogelarten die Zufriedenheit der Menschen. Ein Wert, den wir unterschreiben können.

Eine neue Vogelart an unserem Häuschen – und wir geraten aus dem Häuschen. Als wir während der Pandemie zu Hause arbeiteten, erblickten wir verschiedene Meisen- und Finkenarten sowie Spatzen den ganzen Tag. Als es dann zurück ins Büro ging, kam die Idee einer Vogelhaus-Kamera auf. Schliesslich wollten wir im Bilde bleiben, was sich tagsüber so tut.

Kamera 3
Für die Kamera posieren die Vögel sogar.

Für Leute mit Flair für Elektronik

Dafür gibt es fertige Lösungen, zu finden mit den Suchbegriffen «IP Überwachungskamera WLAN kaufen» auf Google. Wer aber gerne mit Elektronik bastelt, der wählt wie wir einen sogenannten Einplatinencomputer, der alle zum Betrieb notwendigen Komponenten enthält. Wir haben uns für den «Raspberry Pi» entschieden, welchen die gleichnamige britische Foundation 2012 ursprünglich als günstigen Lerncomputer entwickelte.

Seither ist der kompakte Alleskönner 45 Millionen Mal verkauft worden und dient in erster Linie Personen mit Flair für Elektronik für ihre privaten Projekte als Steuereinheit. Er kann als Heizungs- und Lichtsteuerung eingesetzt werden, als Mini-Computer zum Surfen im Internet oder als Webcam-Server für die Kameraüberwachung mit Livestream auf das Handy oder auf den Laptop.

In unserem Fall steuert der Raspberry Pi eine Kamera, die Bewegungen erkennt und Vögel filmt respektive fotografiert. Für den kleinen «Tausendsassa» braucht es keinen Hang zum Programmieren. Anleitungen gibt es in Foren und Büchern oder man kann die fertige Image-Datei herunterladen, installieren und die Kamera mit dem Raspberry Pi verbinden. Aber der Reihe nach.

Birdcam
Die Birdcam wurde in einer Box installiert.

Vorbereitungen am Vogelhaus

Vogel-TV, wie wir unser Projekt nannten, ist vor allem für Balkone und Terrassen geeignet, da es beim Vogelhaus WLAN-Empfang und eine Steckdose für die Stromversorgung braucht. Dann gilt es den Platz und die Befestigungsmöglichkeiten zu planen: Die Box mit den Geräten und die Kamera müssen vor Regen, starkem Wind und lange andauernder Sonneneinstrahlung geschützt sein.

Schliesslich ist darauf zu achten, dass die Kamera am vorgesehenen Platz im richtigen Winkel und mit idealem Abstand ausgerichtet ist. Das Aufzeichnen von fremden Menschen auf Balkonen oder Plätzen oder hinter Fenstern ist zu vermeiden. Scheint die Sonne auf die Kamera, sind die Bilder so überbelichtet, dass die Vögel maximal schemenhaft zu erkennen sind. Ist sie zu weit oder zu nahe positioniert, fotografiert sie nicht scharf.

Vorbereitungen der Geräte

Geeignet sind die Raspberry-Modelle 2 bis 4, bei uns ist es ein Raspberry 2B+. Dazu gehören Kühlkörper und ein passendes Netzteil. Selbst wenn die Leistung stimmen würde, empfehlen wir kein Akkuladegerät, da die fünf Volt, die für den Betrieb des Mini-Computers nötig sind, eventuell nicht immer erreicht werden. Dies kann zu Störungen führen.

Zu seinem Schutz kam der Raspberry Pi zusammen mit den nach Anleitung montierten Kühlkörpern in eine Plastikbox mit Deckel, die es beim Baumarkt gibt. Die Grösse dieses Gehäuses richtet sich nach dem Entscheid, ob das Netzteil und seine Steckdose mit hineinkommen oder nicht. Damit die Gerätewärme abgeführt werden kann, haben wir Löcher in die Box gebohrt. Mit den Löchern nach unten fixierten wir das Ganze unters Vogelhaus, das so als Regendach dient. Die in einem kleinen Gehäuse geschützte Kamera montierten wir an einer Stange.

Das wird benötigt

• Raspberry Modell 2 bis 4 mit passenden Kühlkörpern • Passendes Raspberry-Netzteil; kein Akkuladegerät • Raspberry-Kamera mit 50-cm-Flachkabel und Gehäuse; alternativ USB-Kamera mit Kabel • SD-Karte mit mindestens 8 GB • WLAN-Adapter, falls nicht integriert (nötig bei Raspberry 2) • Netzkabel bis zum Vogelhaus und Steckdose für Netzteil • Gehäuse Gerät kaufen auf: raspberrypi.com/products Imager herunterladen auf: raspberrypi.com/software Image-Datei herunterladen auf: github.com/motioneye-project/motioneyeos/releases

Los geht’s

Die nächsten Schritte erledigten wir am Laptop. Als erstes luden wir die Image-Datei herunter (siehe Box) und installierten sie mit dem Imager-Programm von Raspberry Pi auf die Speicherkarte (SD-Karte). Danach steckten wir die Karte in den Raspberry, schlossen die Kamera an und – damit die Kamera erkannt wird – schalteten wir erst zuletzt der Strom ein.

Als nächstes verbanden wir den Raspberry über ein Ethernetkabel mit dem Internetrouter und ermittelten auf diesem die IP-Adresse; sie ist dort als «neues Gerät» oder ähnliche Angaben zu sehen. Mit dieser Adresse – beispielsweise 192.168.1.156 – loggten wir uns im Browser des Laptops ins Raspberry ein und setzten Name und Passwort des WLAN-Netzwerkes sowie des Administrators.

Dann haben wir das Ethernetkabel abgezogen und den Vorgang wiederholt. Nach dem Neustart loggt sich der Raspberry automatisch ins WLAN ein und hat deshalb eine neue IP-Adresse, 192.168.1.142 etwa. Diese gibt man in den Browser ein und sieht zwei kreisförmige Symbole. Mit dem rechten loggt man sich zuerst als Administrator ein und setzt mit dem linken Symbol die Einstellungen. Und da es ziemlich viele davon gibt, beschränken wir uns auf die wichtigsten.

Kamera 4
Kamera 4

Unter «Video Device» und «Video Resolution» geht es um die Kameraauflösung. Wir stellten 800 x 600 ein. Bei der höheren Auflösung gab es nach einigen Stunden Fehlermeldungen. Bei «Motion Detection» bestimmt man, wann ein Video gestartet und wann ein Bild gemacht wird. Als die Funktion «Auto Threshold Tuning» zu wenige oder zu viele Aufnahmen startete, schalteten wir sie auf «Off» und optimierten mit «Frame Change Threshold» die Bildpixel. Dies haben wir jeweils nach einigen Tagen so lange nachgebessert, bis wir zufrieden waren mit der Menge der Aufnahmen.

«File Storage» zeigt den freien Platz auf der SD-Karte an. Ist «Upload Media Files» aktiviert, lädt es die Fotos und Videos auf Google Drive, Dropbox oder andere Dienste hoch. Aber Achtung: Herrscht viel Betrieb im Vogelhaus, ist das Speicherkontingent schnell ausgeschöpft. Deshalb haben wir begonnen, zwei bis drei Tage miteinander durchzugehen und die guten Bilder und Videos auf unsere Laptops herunterzuladen und dort abzuspeichern.

Damit die SD-Karte nicht vollläuft und dann die Aufnahmen automatisch gelöscht werden, stellten wir «Preserve Movies» und «Preserve Pictures» auf «Custom» und gaben die Speicherdauer in Tagen an. Mit «Working Schedule» definierten wir die Uhrzeiten der Aufnahmezeiten und verhinderten so unnötige Fotos und Filme bei Dunkelheit. Und nachdem wir bei «Text Overlay» bestimmt haben, welche Informationen auf dem Bild zu sehen sind wie Datum, Uhrzeit und Vogel-TV, kam der Raspberry ins Gehäuse, alles an den Strom und los ging es.

Kamera 1
Auch zwei Tauben statteten einen Besuch ab.

Grosse und kleine Entdeckungen

Schon bald fing die Kamera Kohl- und Blaumeisen ein. Morgens früh schienen sie Heisshunger zu haben, dann ging ein Nüsschen nach dem anderen weg. Tagsüber kamen sie in unregelmässigen Abständen, während kurz vor dem Eindunkeln wieder reger Flugbetrieb herrschte. Dies war wenig überraschend, waren die wendigen, kecken Vögel doch jeden Winter, seit wir das Futterhaus haben, Dauergäste.

Rotkehlchen und Kleiber dagegen zeigten sich nur sporadisch. Interessant und zugleich amüsant fanden wir aber, dass das Rotkehlchen immer zu denselben Zeiten kam: zuerst gegen acht Uhr morgens, dann nochmals kurz vor oder nach der Mittagszeit und schliesslich nochmals gegen 15.30 Uhr. Der Kleiber dagegen liess es sich jeweils nur Anfang Januar an unserem Futterhaus gut gehen und vertrieb energisch alle anderen fresswilligen Vögel.

Im Gegensatz zu den Jahren davor lockte unser Häuschen im vergangenen Winter kaum Buch-, Grün- und Distelfinken an. Als ein Highlight fing die Kamera im Frühling aber eine Haubenmeise ein. Im März wurden die Vögel deutlich grösser – und es gurrte auffällig laut um unseren Balkon herum. Zuerst nur aus dem nebenan stehenden Nadelbaum heraus, dann vom Dach des Futterhauses herab.

Schliesslich entschieden sich die zwei Türkentauben für Besuche im Häuschen. Anfang April schliesslich schoss die Kamera ein fast schwarzes Bild nach dem anderen. Schon glaubten wir, der Apparat sei kaputt. Falsch gedacht: Das Schwarze entpuppte sich als Krähe, die so gross war, dass sie nicht nur das ganze Futterhäuschen besetzte, sondern auch bildformatfüllend war.

Kamera 5
Die Krähe verdeckt fast die ganze Kamera.

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