Wenn Eisbrocken vom Himmel fallen

Unwetter und Klima
Hagelkörner von bis zu zehn Zentimeter Grösse versetzten Anfang der Woche Menschen in der Po-Ebene in Italien in Angst und Schrecken: Sie zertrümmerten auf der Autobahn Fahrzeuge. Müssen wir uns vor immer grösseren Hagelkörnern fürchten?

Das Ereignis scheint selbst «ORF»-Meteorologe Manuel Oberhuber beeindruckt zu haben, der schon vieles gesehen hat: Zehn Zentimeter gross waren nach seiner Einschätzung die Hagelkörner, die am Montag in der Po-Ebene bei Parma in Italien hernieder prasselten. Der Lärm, den sie dabei machen, ist ohrenbetäubend. Das Inferno ist in einem Video zu sehen, das er auf seinem Twitter-Kanal geteilt hat. 

Dramatischer allerdings müssen die Szenen gewesen sein, die sich laut diversen Medienberichten auf der nahen Autobahn abgespielt haben. Von stark beschädigten Autos ist die Rede, von zersplitterten Scheiben, sogar von Leichtverletzten durch die berstenden Glasteile.

Twitter-Kanal von «ORF»-Meteorologe Manuel Oberhuber

Daraus allerdings zu schliessen, dass wir in Zukunft vor solchen Riesenhagelkörnern immer mehr Angst haben müssen, sei zumindest voreilig. Das sagt Cornelia Schwierz, Teamleiterin in der Abteilung Klima beim Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz auf Anfrage von «Tierwelt online»: «Aufgrund der Seltenheit der Ereignisse und der Kürze der verfügbaren Datenreihen lassen sich noch keine Aussagen über die in Zukunft zu erwartende Häufigkeit oder Entwicklung der Hagelkorngrösse machen.» Allerdings kenne man die Faktoren, die zu deren Entstehung beitragen.

Wie entstehen tennisballgrosse Hagelkörner?
Die «Zutaten», wie Schwierz sie nennt, lauten: «Starke Gewitterlagen, eine labile Wettersituation wie jetzt gerade, viel Luftfeuchtigkeit und hohe Temperaturen. Sie führen zu instabilen Luftschichten». Eine weitere Rolle spielt die vertikale Windscherung, die dazu führt, dass die Gewitter länger erhalten bleiben. Hinzu kommen starke Aufwinde. Sie halten die Hagelkörner länger in der Luft und begünstigen deren Grössenwachstum. Die Höhe der Null-Grad-Grenze dürfe man nicht vergessen, eine tiefliegende Nullgradgrenze begünstige die Hagelbildung. 

Besonders war gemäss MeteoSchweiz die Häufigkeit der Hagelereignisse in den Monaten Juni und Juli 2021. Dazu hat das Amt eine eigene Zusammenstellung auf der Webseite (Link) aufgeschaltet.

«Seit diesem Jahr ist die neue Schweizer Hagelklimatologie verfügbar und sie zeigt: so viel Hagel wie im Juni 2021 wurde in der 20-jährigen Messreihe nur selten verzeichnet», ist hier zu lesen. Und weiter: «Auch die Hagelkorngrössen waren aussergewöhnlich.» Schwierz kennt die genauen Zahlen: 33 Hageltage gebe es in der Schweiz im langjährigen Schnitt. 13 davon fielen dieses Jahr allein schon in den Juni, sieben auf den Juli (Stand 27.7.2021).
 
Dass das Thema «Hagel» eine immer höhere Priorität erhält, auch bei MeteoSchweiz, lässt sich aus den verstärkten Anstrengungen herauslesen, die in diesem Bereich unternommen werden. Gemeinsam mit anderen Betroffenen wie Rück- und Gebäudeversicherern, Vertretern aus der Landwirtschaft sowie der Prävention und den Normenverbänden verbesserte MeteoSchweiz die Grundlagen und Gefährdungsinformation.

Forschung zur Hagelgefährdung
Das «National Centre for Climate Services» (NCCS) hat derweil zum Themenschwerpunkt «Hagelklima Schweiz» auf der Webseite des Bundes mit eigenen Worten «eine einheitliche nationale Referenz zur Hagelgefährdung erarbeitet». Laut «MeteoSwiss» ging es dabei um die Erarbeitung des Ist-Zustandes. Wo tritt in der Regel wie oft Hagel auf? Wie sind die Verteilungen von Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr? Wie gross können Hagelkörner auch in seltenen Fällen (also alle 20, 50 oder sogar nur 100 Jahre) werden?

Schwierz erklärt: «Auf diese Fragen gibt die Klimatologie Auskunft. Die Vorhersage- sei es Wettervorhersage oder Klimazukunft waren nicht Teil des Projekts und sind zum Teil noch Gegenstand aktueller Forschung. Die Messungen, das Hagelmessnetz wie auch Crowdsourcing via die App, liefern wertvolle Beobachtungen für beides – zur Verbesserung der Klimagrundlagen wie auch zur Unterstützung der Prognoseentwicklung.»

In den nächsten Jahren soll die Information im Bereich «Hagel» noch genauer werden. Dazu tragen einerseits die Daten der 80 Messstationen bei, die MeteoSchweiz zusammen mit der Versicherungsgesellschaft «Mobiliar» schweizweit aufgestellt hat, andererseits die Hagelbeobachtungen, die die Bevölkerung direkt in die MeteoSchweiz-App eingeben kann.

Auch Hagel-Voraussagen dürften an Wichtigkeit zunehmen. Sollte sich dereinst herausstellen, dass die Grösse und Wucht der Körner zunimmt, stellen sich noch ganz andere Fragen. Zum Beispiel nach der Standhaftigkeit, Festigkeit und Beschaffenheit von Bau-Materialien. Gedanken dazu stellt das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie auf seiner Webseite (Link) an: «Bisher», steht da, «werden Materialien und Bauweisen darauf ausgelegt, Hagelkorngrössen von bestimmten Durchmessern, zum Beispiel 3 Zentimetern, standzuhalten.» Zur Erinnerung: in Italien fielen 10-Zentimeter-Brocken vom Himmel.

«Natürlich wird die Wissenschaft auch hier nicht aufgrund weniger Extremereignisse gleich alles über den Haufen werfen und völlig neue Gläser oder sonstige Baumaterialien herstellen», ist Schwierz von «MeteoSwiss» überzeugt. Aber im Auge behalten müsse man die Entwicklung natürlich schon.

Geforscht werde jedenfalls in alle Richtungen. Vieles ist dabei noch offen. Unter anderem die Fragen nach dem Einfluss der Klimafaktoren auf die Hagelbildung. Eine lautet gemäss Schwierz, ob die Faktoren diese begünstigen oder in die entgegengesetzte Richtung wirken. Oder, um es mit ihren Worten zu sagen: «Die Frage stellt sich, ob mit einer bereits beobachteten Intensivierung der stärksten Gewitterniederschläge auch die Hagelgefährdung steigt? Oder ob andere Faktoren wie die starke Erwärmung dem entgegenwirken. Dies würde bedeuten, dass Hagelkörner mehr schmelzen können, bevor sie den Boden erreichen.» 

Autor

Leo Niessner

Leo Niessner

Leo Niessner ist «Tierwelt»-Online-Redaktor, Social-Media-Manager und News-Feed-Leser. Er berichtet gerne über Flora und Fauna oder über Menschen, die sich um Flora und Fauna verdient machen, und schöpft in den Bergen Energie. Er mag Tiere. Und Musik. Am liebsten solche, in der Tiere vorkommen – zu hören in den Spotify-Listen zu jeder «Tierwelt»-Ausgabe, die er mit der Redaktion Woche für Woche zusammenstellt. Und ja, er spielt auch selber Musik. Sein grösster Traum: eine eigene «Arche Leo», in der alle Tiere dieser Welt Platz haben. Mit einem VIP-Sektor für bedrohte Arten.  

Kommentare (0)