Ruhen will gelernt sein

Hund schläft in Körbchen
Schlafende Hunde
Sind Hunde gestresst, werden sie unkonzentriert. Selbst gefestigte Kommandos treffen dann auf taube Ohren. Was Hundehalter tun können, ihren Vierbeinern zu mehr Ruhe und Gelassenheit im Alltag zu verhelfen.

Wenn Menschen unter Stress leiden, machen sie häufig Yoga oder hören Musik. Im Gegensatz dazu können Hunde ihre Nervosität nicht selbstständig regulieren. In einer reizstarken Umgebung kann ihr Energieniveau derart ansteigen, dass sie schlimmstenfalls gar nicht mehr ansprechbar sind. Doch selbst wenn es nicht zu einem totalen Blackout kommt: Bereits ein mittlerer Erregungszustand beeinträchtigt die Lern- und Konzentrationsfähigkeit des Hundes. Zahlreiche unerwünschte Verhaltensweisen wie Ziehen an der Leine, Anspringen oder nervöses Bellen haben hier ihren Ursprung. Wie schnell und wie häufig ein Hund ein kritisches Stresslevel erreicht, ist individuell verschieden und hängt von Rasse, Genetik, Aufzucht oder auch vom Alter des Tieres ab. Mindestens ebenso wichtig sind jedoch Erziehung und Training. So gibt es verschiedene Methoden, mit denen Hundehalter ihren Vierbeinern zu mehr innerer Ruhe verhelfen können.

Um einen Hund in einer Stresssituation beruhigen zu können, kann man einen Entspannungszustand konditionieren. Dies geschieht idealerweise in einer relaxten Situation, zum Beispiel wenn der Hund auf dem Sofa neben einem liegt. Dann verbindet man einen verbalen Reiz – zum Beispiel das Wort «ruhig» – mit einem körperlichen Reiz wie Streicheln oder Kraulen. Dabei wird beim Hund das Hormon Oxytocin freigesetzt, das ihn entspannt. Ziel ist es, dass sich der Hund nach einer gewissen Anzahl an Wiederholungen beim Hören des Wortes selbständig beruhigt.

Wie viele Wiederholungen bis zur Konditionierung nötig sind und ab wann sie in einer Stresssituation funktioniert, ist von Hund zu Hund verschieden. Auch der auslösende Reiz beeinflusst, ob die «erlernte Entspannung» abrufbar ist – oder bereits überlagert wird. Fünf Meter vor einem flatternden Vogel wird auch eine noch so gut erlernte Entspannung an ihre Grenzen stossen. Wichtig ist, dass das Signal nach jedem Einsatz neu aufgeladen, also in einer ruhigen Umgebung mit einer entspannenden Handlung verknüpft wird.

Auf der Decke zur inneren Ruhe
Das Deckentraining ist eine Trainingsmethode, bei der Hunde selbstständig lernen, Aussenreize zu verarbeiten und zu neutralisieren. Je nach Temperament, Belastbarkeit und Stressmanagement des Vierbeiners setzt es ein gewisses Mass an Zeit und Ausdauer voraus.

 

«Viele Hunde haben gelernt, immer ans Ziel zu kommen, und können nicht mit Enttäuschung umgehen.»
Gabriela Frei Gees
Hundetrainerin

Wie der Name schon sagt, findet das Training auf einer Decke statt. Sie sollte den Eigengeruch des Hundes haben und positiv besetzt sein. Solange er noch nicht sicher liegen bleibt, empfiehlt es sich, den Hund mit einer Leine abzusichern. Je nach Trainer kann die Umsetzung des Deckentrainings leicht variieren. Allen Methoden gemein ist aber das Ziel, dass der Hund auch dann ruhig auf der Decke bleibt, nachdem der Halter sich von ihm entfernt hat. Verlässt der Vierbeiner die Decke, bringt ihn der Halter jedes Mal ruhig zurück. Allein diese Phase kann anfangs mehr als eine Stunde dauern.

Erst nachdem der Hund ununterbrochen rund 30 Minuten auf der Decke geblieben ist, beginnt die eigentliche Ruhephase. Sie kann von Mal zu Mal auf 30 bis 60 Minuten gesteigert werden. «Beim Deckentraining geht es darum, dass der Hund lernt, selbstständig zur Ruhe zu kommen. Er muss lernen, dass er auf der Decke keinen Job zu erledigen hat, sondern einfach entspannen darf», so Hundetrainerin Gabriela Frei Gees aus Horgen ZH. Hat man häufig genug trainiert – anfangs zwei- bis dreimal pro Woche –, wird der Hund die Decke als sein Ruheplätzchen akzeptieren. Dann kann sie zum Beispiel auch beim Besuch im Restaurant oder bei Freunden zum Einsatz kommen.

Damit ein Hund souverän mit Aussenreizen umgehen kann, braucht er ein gewisses Mass an Impulskontrolle und Frustrationstoleranz. An beidem sollten Hundehalter mit ihren Hunden regelmässig arbeiten. Geeignete Alltagssituationen sind zum Beispiel das Verlassen des Hauses oder des Autos, bei dem es vielen Vierbeinern nicht schnell genug gehen kann. Viele stürmen geradezu kopflos ins Freie und sind zumindest für die ersten Meter kaum ansprechbar. 

Hunde sollten lernen, trotz freudiger Erwartung des Spaziergangs ruhig zu bleiben, mit dem Halter zu kommunizieren und auf seine Kommandos zu achten. Um dieses Verhalten zu trainieren, sollte man nicht (wie gewohnt) die Tür auf Drängen des Hundes hin öffnen. Stattdessen wird sie solange immer wieder geschlossen, bis sich der Hund beruhigt hat. Mit der Zeit wird er lernen, dass er sich zurückzunehmen muss, um nach draus­sen zu gelangen – oder auch, dass er es einmal gar nicht schafft.

«Der Mensch sollte den Hund mit seiner inneren Ruhe und Klarheit souverän durch Stresssituationen hindurchführen.»
Hans Schlegel
Hundefachexperte

«Viele Hunde haben gelernt, immer ans Ziel zu kommen, und können nicht mit Enttäuschung umgehen», erklärt Frei Gees. Die diesbezügliche Erziehung kann kaum früh genug beginnen. Es sei schon für Welpen und Junghunde wichtig, Frust auszuhalten und eine gewisse Gelassenheit zu entwickeln, sagt Frei Gees.

Mit Bällejagen zum Adrenalinjunkie
Um Stress zu verarbeiten, braucht der Hund unbedingt genügend Schlaf und Ruhe. 18 bis 20 Stunden am Tag dürfen es ohne Weiteres sein. Für einen ausgeglichenen, ruhigen Hund ist aber auch die Gestaltung der Wachphasen von Bedeutung. Wer denkt, er könne seinen Hund durch ein regelmässiges Sportprogramm zur Ruhe erziehen, der irrt. Alles, was mit unkontrolliertem Hetzen und Jagen zu tun hat, gilt bei Fachleuten als kontraproduktiv. «Exzessives Bällejagen oder stundenlanges Toben und Raufen mit Artgenossen bringen zwar einen körperlich kaputten, ausgepowerten Hund. Langfristig entwickelt sich daraus aber ein Adrenalinjunkie, der alles ausser seinem Menschen im Fokus hat», erklärt Frei Gees.

Trotz aller Möglichkeiten, den Hund im Alltag bewusst zur Ruhe zu erziehen: Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist der Mensch selber. Innere Anspannung ist übertragbar, und wenn ein Halter auch nur latent nervös, unkonzentriert oder unsicher ist, wirkt sich dies auf den Hund aus. «Der Mensch sollte den Hund mit seiner inneren Ruhe und Klarheit souverän durch Stresssituationen hindurchführen», so Hundefachexperte Hans Schlegel aus Dulliken SO.

Seiner Meinung nach spielen Rasse oder Alter des Hundes im Vergleich dazu eine untergeordnete Rolle. «Alle Hunde sind leicht zu erziehen, sofern das menschliche Potential vorhanden ist», sagt Schlegel. Er sieht seine Aufgabe als Hundetrainer zu 80 Prozent darin, den Menschen mental zu stärken. Ruhetraining ist also auch eine Arbeit am Menschen, der oftmals erst selber lernen muss, einmal untätig sein zu dürfen.

Kommentare (0)