Was tat ein Landwirt vor 100 Jahren auf der Alp, wenn eines seiner Tiere krank wurde? Der Viehdoktor lebte meist in der Stadt und benötigte oft Stunden, um zum Patienten zu gelangen. Lag im Winter Schnee, war die Dorfbevölkerung gar vollständig auf sich allein gestellt.

Aus dieser Zeit stammt das Wissen um Heilkräuter – nicht nur zur Behandlung menschlicher Beschwerden, sondern auch für kranke Tiere. Im Maison des Anciens Remèdes im italienischen Jovençan, rund 20 Kilometer Luftlinie von der Schweizer Grenze entfernt, wurde dieses Wissen in einem Buch festgehalten. Darin kann man erahnen, mit welchem Einfallsreichtum die Alpenbevölkerung noch vor wenigen Generationen ihre vierbeinigen Mitbewohner behandelt hat.

Bei nahezu allen Tieren galt schwarzer Kaffee, gemischt mit Grappa, als Allheilmittel – insbesondere bei Durchfall und Koliken. Beide Zutaten waren jedoch äusserst kostbar und wurden lieber für den Eigenbedarf aufgespart.

Mit Leinöl die Verdauung anregen

Gegen Schwellungen bei Kühen sammelte man daher die Wurzeln des Gelben Enzians (Gentiana lutea) und verarbeitete sie mit Tierfett zu einer Salbe. Gemeiner Lein (Linum usitatissimum) wurde gegen Darmbeschwerden verfüttert. Noch heute wird Leinöl Speisen beigefügt, um die Verdauung anzuregen – allerdings primär beim Menschen.

Zur Förderung der Heilung von Quetschungen und Wunden rieb man bei Nutztieren die betroffenen Stellen mit Gewöhnlicher Goldrute (Solidago virgaurea) ein. Wegen ihrer Heilwirkung trägt die Pflanze auch den Beinamen «Heidnisch Wundkraut».

Mariendistel gegen Vergiftungen

Wurde eine Geiss von einer Schlange gebissen, fand sich das Gegengift meist gleich in der Nähe. Der Pflanzensaft der Mariendistel (Silybum marianum) wurde bereits im ersten Jahrhundert nach Christus von Gelehrten als Mittel gegen Vergiftungen gepriesen. Das in der Distel enthaltene Silymarin hemmt die Aufnahme von Giftstoffen in der Leber und wird auch heute noch bei Pilzvergiftungen eingesetzt.

Auch andere damals gebräuchliche Hausmittel sind noch immer in Verwendung. Katzen wurde – wie heute – bei Augenproblemen mit Kompressen aus Lindenblüten geholfen, und Präparate aus Arnikablüten gegen kleinere Verletzungen finden sich in vielen Hausapotheken.

Kühe im Alkoholrausch

Wenn gar nichts mehr half, opferte man auch mal drei bis vier Liter Wein. Laut Berichten sollen Kühe nach einem solchen Trunk eingeschlafen und ohne Schmerzen wieder erwacht sein. Diese vermeintliche Wunderheilung dürfte aus heutiger Sicht jedoch eher dem Rausch als einer tatsächlichen Genesung zuzuschreiben sein.

Ausflugstipp
Maison des Anciens Remèdes
Hameau Les Adams 29
11020 Jovençan (IT)
Öffnungszeiten: Sa/So 15 - 19 Uhr (April bis September) oder 14 - 18 Uhr (Oktober bis März), oder nach tel. Absprache