Die Abfälle türmen sich in den ärmeren Regionen der Welt. Neben einer oftmals unzureichenden Abfallwirtschaft kommt der Import von immensen Mengen an Müll hinzu, von dem vieles nicht selten in der Umwelt landet. Strände, Ufer und Landstriche voller angespülter oder weggeworfener Plastikverpackungen, Textilien sowie Ansammlungen von Elektroschrott. Oft werden sie verbrannt, deponiert oder bleiben einfach in der Natur liegen – mit gravierenden Folgen für Böden, Wasser und Luft. Wohlhabende Länder lassen nicht nur in ärmeren Ländern produzieren, sondern schieben auch Abfälle dorthin ab. Eine doppelte Belastung für die Umwelt. Beim Verbrennen von Kunststoffen oder Elektroschrott entstehen giftige Dämpfe, während Plastikreste ihren Weg in Flüsse und Meere finden – Mikroplastik gar bis in die entlegensten Regionen.
Laut dem aktuellsten Bericht der UNO fielen 2022 weltweit 62 Millionen Tonnen E-Schrott an. Zumindest beim Elektroschrott könne man jedoch nicht von einem Abschieben reden, wie Mathias Schluep, Managing Director des World Resources Forum und ehemaliger Empa-Forscher, erklärt: «Es gibt keinen ökonomischen Anreiz, um Elektroschrott nach Afrika abzuschieben.» Beim Export von Altgeräten gehe es um die Wiederverwendung. In Europa werden funktionierende und noch qualitativ hochwertige Geräte oftmals zeitig ersetzt und entsorgt. «In unserer Überflussgesellschaft werden sie viel zu früh einfach weggeworfen», wie Schluep gar meint. So kommen auch afrikanische Konsumenten in den Genuss von günstigen und noch guten Computern. «Das Problem sind jedoch die nicht funktionstüchtigen Geräte, die mit guten Altgeräten exportiert werden.» Hier machen es sich die Exporteure leicht, denn sie verzichten auf eine Funktionskontrolle sowie eine Aussortierung, die nur zusätzliche Kosten erzeugen würde.
Mathias Schluep fordert daher von europäischer Seite strengere Qualitätskontrollen, «damit wirklich nur funktionstüchtige Geräte nach Afrika exportiert werden». Gleichzeitig müssten Hersteller weltweit mehr Verantwortung übernehmen und Rücknahmesysteme für Altgeräte auch im globalen Süden mitfinanzieren. Da jedoch in Afrika zunehmend eigener Elektroschrott anfällt, seien die Länder immer stärker gefordert, eigene Strukturen aufzubauen. «Ohne den Einbezug des informellen Sektors werden Rücknahmesysteme in Afrika aber nicht funktionieren», so Schluep. Man müsse also all jene Menschen miteinbeziehen, die heute schon auf eigene Faust alte Geräte auseinandernehmen – meist ohne Schutz und unter prekären Bedingungen, aber unverzichtbar für das Recycling. «Zurzeit können sie damit ihre ökonomischen Grundbedürfnisse nur ungenügend decken.»
Besonders problematisch sei das sogenannte Cherry-Picking: Um konkurrenzfähig zu bleiben, würden vor allem wertvolle Metalle wie Kupfer oder Aluminium gesammelt, während Geräte, welche Sonderabfälle enthalten oder wenig Materialwert haben, auf Müllhalden oder in der freien Natur landen. «Teilweise werden Recyclingprozesse angewandt, die direkt zu Emissionen in die Umwelt führen.» Beispiele seien das Verbrennen von Plastikkabeln, um das enthaltene Kupfer zu gewinnen, oder das Auskippen von Ölen aus Elektromotoren in die Umwelt. Selbst klima- und ozonschädliche Gase aus Kühlschränken gelangen oft direkt ins Freie. Eine Verbesserung dieser Lage sieht Schluep jedoch lediglich durch eine erweiterte Produktverantwortung der Hersteller.
Abfallkolonialismus mit Fast Fashion
Der globale Textilabfall wächst ebenfalls rasant. Durch kurzlebige Mode hat sich die Menge seit 2000 auf 92 Millionen Tonnen pro Jahr verdoppelt. Gerade einmal 0,5 Prozent wird davon recycelt, wie eine Analyse der Technischen Universität Berlin zeigt. Allein in der Schweiz landen jährlich rund 100 000 Tonnen Textilien im Abfall – verbrannt oder exportiert in Länder des globalen Südens. «Getrieben durch unser Fast-Fashion-Konsumverhalten, kann man hier wirklich von einem Abschieben sprechen», wie Schluep betont. Die weltweiten Exporte werden so von den Forschenden auch als «Abfallkolonialismus» bezeichnet. «Bei den Textilien überwiegt der Ramsch gegenüber sinnvollen Secondhand-Kleidern – sehr nachteilig für die Afrikaner», mahnt Mathias Schluep. Einige Organisationen, wie Public Eye, fordern daher konsequente Massnahmen gegen Fast Fashion in der Schweiz: Die Einrichtung eines Modefonds soll Unternehmen verpflichten, die sozialen und ökologischen Kosten ihrer Produkte zu tragen. Gleichzeitig sollen Reparaturwerkstätten, Second-Hand-Angebote und hochwertiges Recycling gefördert werden. Ziel ist es, das Wegwerfmodell unattraktiver zu machen und nachhaltige, faire Kleidung zu fördern.
Doch nicht nur die Flut an Textilien, sondern auch diejenige von Plastik bereitet Sorgen um die Umwelt. 2022 verliessen 1,1 Millionen Tonnen Plastikmüll die EU in Nicht-EU-Länder. Die grössten Empfänger waren die Türkei, Malaysia, Indonesien und Vietnam. Ein kürzlich angestrebtes globales Plastikabkommen, das den gesamten Lebenszyklus von Plastik regulieren sollte, ist vorerst gescheitert. Ambitionierte Staaten forderten verbindliche Reduktionsziele, blockiert wurden sie jedoch von erdölproduzierenden Ländern, die Entschädigungen oder schwache Regeln verlangten – um ihren Status quo beibehalten zu können.

