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Ein Spaziergang zwischen Gräsern

In Gedanken schrumpfen wir auf die Grösse eines Insekts und streifen durch die Frühlingswiese, vorbei an Gräsern, Blumen und allerhand Tieren.

Überall herrscht Bewegung. Der Wind bläst durch die Grashalme, am blauen Himmel schiesst ein Spatz vorbei, rechts krabbelt eine Ameise über den Boden und links buddelt eine Feldmaus im Dreck. Auf einer Frühlingswiese ist viel los. Nimmt man die Perspektive eines ihrer kleinen Bewohner ein, gibt es viel zu entdecken.

Die Schweizer Frühlingswiese ist ein wahres Sammelsurium an Flora und Fauna. Allen voran dominieren hier die Gräser – genauer das, was wir gemeinhin als Gras bezeichnen. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um einkeimblättrige und krautartige Pflanzen. Sie sind unscheinbar, besitzen kaum Blüten, sondern bestehen oft nur aus einem langen, schmalen Blatt, einem einzelnen hohlen Halm oder hohem Stängel.

Meist gehören diese Gewächse zur Familie der Süssgräser (Poaceae), welche wiederum ganze 12 000 verschiedene Arten umfasst und damit zu einer der grössten Familien der Blütenpflanzen gehört. Gras gibt es fast überall auf der Welt und je nach Klimazone nimmt es eine andere Form und Zusammensetzung an. Auch die meisten Nutzpflanzen gehören zu den Süssgräsern, wie etwa Weizen, Roggen, Hafer oder Hirse. Gut möglich also, dass man beim Streifzug durch die Wiese auch einzelne solcher Halme antrifft.

Mit ihrer Farbenpracht stechen die Wildblumen zwischen den Gräsern richtiggehend hervor. Etwa die Gänseblümchen mit ihren charakteristischen Blütenrosetten, bestehend aus dem gelben Innenteil und den vielen weissen Hüllblättern.

Oder der Wiesenklee mit seinen vielen rosafarbenen Blättchen, die von Kindern gerne gepflückt und ausgesaugt werden. Auch beliebt bei Kräutersammlern ist der Sauerampfer, dessen Spitze in mehrere Schäfte aufgeteilt und mit lauter kleinen roten Blüten besetzt ist. Wildblumen sind nicht nur schön anzusehen, sie dienen vielen Bewohnern der Wiese als Nahrungsquelle: den Insekten.

Es kreucht und fleucht

Egal, ob am Boden oder in der Luft, Insekten machen den Grossteil der Fauna einer Frühlingswiese aus. Am Nektar der Glockenblume tut sich gerade eine Honigbiene zugute: Mit sanftem Brummen landet sie auf den violetten Blütenblättern und saugt die süsse Flüssigkeit mit ihrem Rüssel auf. Diese speichert sie in einem speziellen Magen, wo er zu Honig umgewandelt und in dieser Form in den Stock gebracht wird.

Auch Schmetterlinge gehören zu den Dauergästen auf der Blumenwiese. 226 verschiedene Tag- und Nachtfalter leben in der Schweiz, 78 von ihnen stehen auf der Roten Liste und gelten als gefährdet – etwa der Grünliche Dickkopffalter, das Rotbraune Wiesenvögelchen oder der Felsenfalter. Entsprechend nimmt ihre Präsenz immer mehr ab.

Ein Spaziergang zwischen Gräsern
Egal, ob am Boden oder in der Luft, Insekten machen den Grossteil der Fauna einer Frühlingswiese aus.

Am Boden bahnen sich mehrere Ameisen einen Weg zwischen den Pflanzen und Steinen hindurch. Es handelt sich hauptsächlich um Waldameisen, die ihren Hügel im nahegelegenen Dickicht verlassen haben, um zwischen den Blumen und Halmen nach Futter zu suchen. Neben Pflanzensamen und -säften gehören dazu auch verschiedene kleinere und grössere Insekten – insbesondere bereits tote.

Auch grössere Leichname wie jene von Säugetieren werden von den Ameisen nicht verschmäht, vorausgesetzt, sie sind noch frisch. Was bereits am Verwesen ist, wird liegengelassen. Für etliche andere Tiere und Insekten wiederum zählen die Ameisen selbst zu den Leckerbissen. Bei Spinnen, Wespen, Libellen, Echsen und auch Schlangen stehen die kleinen Krabbler auf dem Speiseplan. Und nicht zuletzt haben sie auch Feinde aus der Luft: Scheinbar aus dem Nichts schiesst plötzlich ein Specht herbei und schnappt sich eine Ameise vom Wiesenboden.

Die Wiese als Jagdgebiet

Auf konstanter Futtersuche befinden sich auch die grösseren Bewohner unserer Frühlingswiese. Die Feldmaus gehört zu den häufigsten Säugetieren Mitteleuropas. Sie wirft bis zu 13 Jungtiere auf einmal, und das mit einer Tragezeit von gerade einmal 21 Tagen.

Die kleinen Nagetiere, die in dichten Kolonien unter der Erde leben, mögen es zwar eher karg und bevorzugen offenes, meist landwirtschaftlich genutztes Gelände wie Äcker und kurz grasige Wiesen. Aber ab und zu verirrt sich auch eine Feldmaus in die Frühlingswiese, um nach essbaren Kräutern oder schmackhaften Samen Ausschau zu halten.

Das Mäuschen wiederum dient dem Rotfuchs als Beute. Ihn zieht es besonders nachts auf die Wiese, wo er neben der Feldmaus noch viele andere Leckerbissen auftreiben kann, etwa Regenwürmer oder Feldhasen. Sowohl beim Futter als auch bei der Wahl seines Lebensraums ist der Fuchs ein Opportunist: Er nimmt, was ihm zur Verfügung steht.

Ein gefundenes Fressen sind für ihn die Rehkitze, die von ihren Müttern im hohen Gras zurückgelassen wurden. Sind diese noch ganz klein, also weniger als eine Woche alt, besuchen sie die Mütter tagsüber ausschliesslich zum Säugen. Den Rest der Zeit liegen die Kleinen regungslos im Gras, getarnt durch ihre hellen Flecke. Die Rehmütter bleiben in der Nähe und halten nach Fressfeinden Ausschau, um diese im Fall der Fälle ablenken zu können. Diese kritische Phase endet nach etwa einer Woche: Dann verlassen die Kitze die Wiese und folgen ihren Müttern in den Wald.

Rücksichtsvoll mähen

Blumenwiesen sind eine Perle der Biodiversität. Um die Artenvielfalt zu unterstützen, gibt es einige Punkte zu beachten: • Mähen Sie die Wiese nur ein- bis zweimal pro Jahr. Insbesondere erst dann, wenn die Blumen verblüht sind und Zeit hatten, ihre Samen zu bilden. • Mähen Sie nicht die ganze Wiese auf einmal, sondern einzelne Abschnitte. So finden Insekten trotzdem noch Nahrung. • Mähen Sie kleine Flächen lieber mit der Sense als mit dem Rasenmäher. Sie ist schonender für die Insekten. • Lassen Sie Randbereiche stehen. Diese können den Tieren als Rückzugsort dienen. • Lassen Sie das gemähte Gras einige Tage liegen. So können sich die Insekten verkriechen und die Pflanzen ihre Samen ablegen.

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