Oft verläuft das Leben nicht so, wie wir es uns als Kinder fantasievoll ausgemalt haben. Wie bei Lea, die in ihren Semesterferien ein Praktikum in einer Werbeagentur absolviert und dabei manchmal an ihren Kindheitstraum zurückdenkt, als Tierforscherin durch die Regenwälder des Amazonas zu streifen. Diesen Traum muss sie jedoch nicht gänzlich begraben, denn Entdeckerin kann sie immer noch werden. Ganz ohne wissenschaftliche Ausbildung, aber im Ehrenamt.
Citizen Science, auf Deutsch auch Bürgerwissenschaft genannt, ist eine Methode der wissenschaftlichen Forschung, bei der sich engagierte Bürgerinnen und Bürger nicht beruflich, sondern auf freiwilliger Basis an verschiedenen Forschungsprojekten beteiligen. Die Welt der Wissenschaft hat schon vor längerer Zeit erkannt, dass sie sich nach aussen öffnen und die Gesellschaft miteinbeziehen sollte. Denn viele, vor allem gross angelegte Projekte könnten allein durch Berufswissenschaftler gar nicht durchgeführt werden, da sie zu kosten- und personalaufwendig wären.
Eines der berühmtesten Beispiele von Citizen Science war die Aufklärung des Rätsels, wo der Monarchfalter den Winter verbringt. Im Süden Kanadas und im Norden der USA beginnen Millionen der Schmetterlinge jedes Jahr im Herbst eine beschwerliche Reise gen Süden. Das Ehepaar Urquhart wollte 1952 das Rätsel des Überwinterungsortes des Schmetterlings lösen und startete ein Markierungsprojekt.
Nach einigen Jahren hatten die beiden Zoologen bereits Hunderte freiwillige Mitglieder für ihr Projekt gewinnen können. Die Ehrenamtlichen versahen die Flügel von Hunderttausenden Monarchfaltern mit einem winzigen Aufkleber, um den Flug der Tiere nachverfolgen zu können. Trotz aller Bemühungen blieb das Endziel der Schmetterlinge über Jahrzehnte ein Geheimnis und ihre Spur verlor sich irgendwo in Texas.
Erst 1975 entdeckten Amateurforscher den Überwinterungsort in einem Bergwald nördlich von Mexiko City. Im darauffolgenden Januar wurde unter den Tieren ein Exemplar gefunden, welches von Schülern aus Minnesota im Norden der USA markiert wurde. Citizen Science lieferte somit den Beweis, dass Monarchfalter eine mehrere Tausend Kilometer lange Reise von Nordamerika bis nach Mexiko zurücklegen.

Die Schweiz forscht
Auch in der Schweiz wird Citizen Science von Forschungsinstituten rege genutzt. Die von der Naturschutzorganisation BirdLife koordinierte «Stunde der Gartenvögel» lädt jährlich Vogelfreunde dazu ein, für eine Stunde Vögel im heimischen Garten zu zählen. Durch diese Mitmachaktionen können Daten gesammelt werden, die langfristig die Entwicklung der Bestandszahlen von Vögeln im städtischen Gebiet aufzeigen. Die Resultate werden dabei transparent mit den Teilnehmern und Interessierten geteilt.
Das Projekt «Wilde Nachbarn» will mithilfe von Naturinteressierten das Leben von Wildtieren in Städten untersuchen. Auf einer Meldeplattform und der eigens kreierten App können tierische Beobachtungen gemeldet werden. Dank Citizen Science kann somit das Vorkommen und die Verbreitung von Wildtieren in Städten erforscht werden, um Wissenslücken zu schliessen und Arten gezielt zu fördern.
Wer sich weniger für Tiere, sondern mehr für Umweltwissenschaften, Soziales oder ähnliches interessiert, wird in der Schweiz ebenfalls geeignete Citizen-Science-Projekte zum Mitmachen finden. Durch das Schmelzen von Gletschereis, bedingt durch den Klimawandel, werden in den Schweizer Bergen jährlich archäologische Überreste vom Eis freigelegt. Diese Artefakte liefern wertvolle Erkenntnisse über unsere Vergangenheit.
Das kantonale Amt für Archäologie des Wallis hat dazu eine App entwickelt, in die Bergsteiger und Bergprofis auf ihren Touren Funde von Artefakten und menschlichen Überresten direkt per Smartphone melden können. Die Fachhochschule Graubünden und die Université de Fribourg haben dagegen ein ganz anderes Anliegen. Mit ihrem Forschungsprojekt «Ein Bild verletzt mehr als 1000 Worte» möchten die Institutionen untersuchen, wie gross das Ausmass von Hassbildern in den sozialen Medien ist. Auch hier sind Bürger und Bürgerinnen aufgerufen, gefundene Bilder zu melden und einen Beitrag zur sozialen Forschung zu leisten.

Grenzen und Chancen
Citizen Science bietet Chancen, hat aber auch seine Grenzen. Menschen, die mit wissenschaftlichen Methoden nicht vertraut sind, können unabsichtlich Daten verfälschen, indem sie beispielsweise gewisse Arten falsch bestimmen.
Manche Projekte sind wegen komplexer Geräte oder fehlendem Fachwissen für Laien nur schwierig durchzuführen. Die Vorteile auf der anderen Seite liegen auf der Hand: Für wissenschaftliche Forschung müssen oft grosse Datenmengen gesammelt werden, denn je mehr Daten vorliegen, umso repräsentativer sind die Ergebnisse. Vor allem in unserer heutigen Zeit, die grossen Umweltproblemen entgegensieht, braucht es die ehrenamtliche Mithilfe von Interessierten, um das Vorkommen oder das Verschwinden von Arten global untersuchen zu können.
Netzwerke von Freiwilligen können dabei enorme Datenmengen sammeln, und das oft aus grossen Gebieten. Nur wenn weiterhin engagierte Bürgerinnen und Bürger mit ihrem Wissen die Forschung unterstützen, wird es einen Mehrwert für die Wissenschaft, für die Beteiligten und die Gesellschaft geben. Wenn auch Lea sich dazu entscheidet, ihren Kindheitstraum zu ihrem Hobby zu machen, kann sie sich an interessanten Citizen-Science-Projekten beteiligen. So setzt sie sich für eine transparente Forschung, für das Schaffen von neuem Wissen und für eine bessere Umwelt ein.
Digitaler Ausflug
Die Plattform «Schweiz forscht» ist von der Geschäftsstelle Citizen Science Schweiz ins Leben gerufen worden, mit dem Ziel, die Anerkennung und Sichtbarkeit von Citizen Science in der Schweiz zu erhöhen. Interessierte finden auf der Website viele Projekte aus verschiedenen Forschungsbereichen, an denen sie mitwirken können. Die Webseite finden Sie hier.

