Frau Passardi, 2021 unterschrieben an der UN‑Klimakonferenz mehr als 140 Länder, bis 2030 die globale Waldzerstörung zu stoppen. Doch die Rodungen gehen schier ungebremst weiter. Wie passt das zusammen?

Die Glasgow‑Selbstverpflichtung war politisch wichtig, aber sie war freiwillig, ohne harte Sanktionsmechanismen. Entsprechend hinkt die Umsetzung massiv hinterher. 2024 kam es mit 6,7 Millionen Hektaren sogar zu einem Rekordverlust an tropischem Urwald. Die weltweite Entwaldung belief sich 2024 auf insgesamt 8,1 Millionen Hektar. Das ist fast zwei Mal die Fläche der gesamten Schweiz. Damit blieb die Weltgemeinschaft ganze 63 Prozent hinter dem Ziel der Staats- und Regierungschefs zurück, die eine schrittweise Entwaldungsreduktion anstreben bis zum Stopp der Entwaldung 2030. 2025 zeigt insgesamt jedoch eine gewisse Verbesserung, und einige Länder erzielten Fortschritte. Die Massnahmen reichen aber bei weitem nicht aus.

Was muss passieren, damit wir noch auf Kurs kommen?

Es fehlt an verbindlichen Massnahmen in Politik, Finanzierung und an Transparenz in den Lieferketten. Nachhaltiges Waldmanagement wie es beispielsweise das FSC-Label vorschreibt, muss zum Standard werden. Die Prävention von Waldbränden muss besser werden. Statt Subventionen in die Landwirtschaft, die Rodungen fördern, braucht es Anreize für den Schutz der Wälder. Auch die Rechte der Indigenen sind entscheidend, da die Entwaldungsraten auf indigenem Land nachweislich sehr tief sind. Den Finanzsektor gilt es so weit zu regulieren, dass sich Investitionen in Entwaldungsprojekte nicht mehr lohnen.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass der neue Waldschutzfonds «Tropical Forest Forever Facility» (TFFF) endlich eine Trendwende herbeiführt?

TFFF ist ein vielversprechender Ansatz und signalisiert einen Paradigmenwechsel in der Natur- und Klimafinanzierung. Es ist das erste Finanzierungsinstrument, das den Fokus auf den Schutz bestehender Wälder richtet und nicht auf die Reduktion von Entwaldung. Bei TFFF sollen auch Länder profitieren, die historisch eher tiefe Entwaldungsraten hatten. Massnahmen wie die Einrichtung von Schutzgebieten, entwaldungsfreie Landwirtschaft und Waldschutz getragen von der lokalen Bevölkerung stehen im Zentrum. Im Rahmen von TFFF erhalten Länder, die ihre tropischen Wälder bewahren, jährliche leistungsabhängige Zahlungen, die sie in den Waldschutz reinvestieren können. Damit schliesst sich eine wichtige Lücke. Mindestens 20 Prozent dieser Zahlungen gehen direkt an indigene Völker und lokale Gemeinschaften.

Wie realistisch ist es, dass ärmere Länder mit wachsender Bevölkerung künftig nachhaltige Waldwirtschaft pflegen?

Essenziell ist ein funktionierender Rechtsstaat, gesicherte Landrechte für indigene und lokale Gemeinschaften sowie der Zugang zu Märkten für nachhaltig produzierte Produkte zu fairen Preisen. Wichtig sind auch faire Finanzierungsmöglichkeiten, etwa über Programme wie TFFF und klare Regeln auf der Nachfrageseite, wie es die EU mit der neuen Entwaldungsverordnung vormacht. Fehlen diese Voraussetzungen, hat die nachhaltige Waldwirtschaft kaum eine Chance gegenüber Agrarindustrie oder Bergbau.

Auch in Europa – das ein Vorbild sein soll – verliert der Wald weiter an Boden. Wie kann das sein?

Europas Wälder stehen durch intensive Holznutzung, Klimawandel, Brände und Schädlingsbefall zunehmend unter Druck. Besonders stark betroffen sind Wälder mit altem Baumbestand in Nordeuropa, deren Flächen in den letzten 20 Jahren deutlich zurückgegangen ist. In Südeuropa waren in den letzten Jahren zunehmende Waldbrände zu beobachten. In Deutschland hat Insektenbefall – vor allem Borkenkäfer in Fichtenmonokulturen – immer grössere Schäden verursacht. Die neue EU‑Verordnung zur Wiederherstellung der Natur sowie geplante Instrumente zur besseren Waldüberwachung und die EU‑Entwaldungsverordnung sollen alte Wälder besser schützen, die Biodiversität erhöhen und die Waldbewirtschaftung transparenter machen. Damit diese Massnahmen wirken, sind jedoch zusätzliche Anstrengungen und eine konsequente Umsetzung nötig.

Wie optimistisch sind Sie, dass das klappt?

Die Fakten zeigen klar, dass wir aktuell nicht auf Kurs sind, um bis 2030 die Entwaldung zu stoppen. Gleichzeitig gibt es viele Lösungsansätze und teilweise auch Fortschritte. Der Schutz der Wälder ist nicht nur eine Frage des Naturschutzes, sondern auch eine Investition in unsere eigene Zukunft: Gesunde Wälder stabilisieren das Klima, schützen die Böden und Gewässer und sind für Millionen Menschen eine Lebensgrundlage. Ob wir die Wälder weltweit erhalten können, ist eine Frage des politischen und wirtschaftlichen Willens und des entsprechenden Handelns. 

Wie viel nützen Baumpflanzaktionen, die sich Firmen wie Nikin oder Ecosia auf die Fahne schreiben?

Aus unserer Sicht ist eine ganzheitliche Betrachtung einer Waldlandschaft wichtiger als auf irgendeiner Fläche möglichst viele Bäume zu pflanzen. Es geht darum, die ursprünglichen ökologischen Funktionen wieder herzustellen. Aufforstung kann eine von verschiedenen Massnahmen sein. Weitere sind die natürliche Regeneration von Wäldern mit und ohne eingreifende Hilfe, gut verwaltete Waldschutzgebiete, Gewässerrenaturierungen und Bekämpfung der Ursachen von Waldzerstörung. Das Wichtigste ist bestehende Wälder zu erhalten und die Lebensbedingungen der dort lebenden Menschen zu verbessern. Deshalb arbeiten wir eng mit den lokalen Gemeinschaften und der indigenen Bevölkerung zusammen.