Der 72-jährige Unterwasserfotograf Michel Roggo war schon überall auf der Welt: In über 150 Reisen fotografierte der Fribourger in den vergangenen 40 Jahren die wildesten Süsswassergewässer auf allen sieben Kontinenten, von der Antarktis über Brasilien, Grönland nach China, Malaysia und Australien. Er fotografierte Bären im russischen Kurilensee sowie Krokodile im Okavango-Fluss in Botswana und hält als einer von nur wenigen Fotografen weltweit die Artenvielfalt in Süssgewässern fest. Dafür war er schon fünf Mal Finalist im Wettbewerb Wildlife Photographer des Jahres und seine Fotos erschienen in praktisch allen renommierten Naturmagazinen wie beispielsweise Geo oder National Geographic. Über zehn Fotografie-Bände hat er bereits veröffentlicht. Sein neustes Fotobuch widmete der umtriebige Schweizer Fotograf aber der vergleichsweise kleinen und gezähmten Aare – ein Projekt, das er so nicht geplant hatte.

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«Ich war eigentlich mitten in einem anderen Projekt im Amazonas», sagt Roggo bei einem Telefongespräch. Dort wollte er während vier Jahren fotografieren, aber Anfang 2020 warf auch bei ihm die Pandemie alle Pläne über den Haufen. Zurück in der Schweiz zog es ihn nach einer Weile aber wieder raus in die Natur. Er begann mit der Erlaubnis des Kantons Bern in der Aare bei Belp zu fotografieren und technische Neuerungen an seiner Kamera zu testen. «Ich war Tag für Tag draussen und habe fotografiert. Dabei habe ich eine unglaubliche Vielfalt in unseren Gewässern entdeckt», sagt Roggo begeistert. Die Fotos veröffentlicht er auf seiner Website.

«Alles im Fluss»

Eines Tages wird auch das Fischereiinspektorat des Kantons Bern darauf aufmerksam und beauftragt ihn, 15 natürliche und renaturierte Gewässer des Kantons zu fotografieren. Schliesslich hängte auch der Weber-Verlag ein, der bereits mehrere seiner Bücher veröffentlicht hat, und schlug vor, ein Buch daraus zumachen. «Innerhalb von nur sechs Wochen musste ich dann das Buch gestalten», sagt Michel Roggo und lacht.

Entstanden ist eine 280-seitige Sammlung über die Vielfalt der Aare, ihrer Seitenflüsse und -bäche. Der Fotograf erkundete mit seiner ferngesteuerten Kamera etwa den kleinen Jaunbach bei Abländschen oder die wilde Simme im Simmental und schnorchelte stunden- und tagelang im Naturschutzgebiet Häftli in Büren an der Aare. Seine Fotos reichen von klaren Unterwasserwelten, die aussehen, als hätte sie ein Aquarianer von Hand gestaltet, bis zu Unterwasser-Dschungeln, die dem Amazonas in nichts nachstehen. «Mir hat die Gefahr eines Bären im Busch schon ein wenig gefehlt hier», sagt er lachend. Aber seine Neugier trieb ihn voran. «Mich interessiert ein kleiner Wasserfloh ebenso wie ein grosser Wels», sagt der Naturfotograf. Ein konkretes Ziel habe er beim Projekt Aare aber nicht verfolgt, er folgte stattdessen seinem Instinkt. «Nach so vielen Jahren fühle ich mich langsam wie ein alter Jazz-Musiker, der auf die Bühne geht und improvisiert.»

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Trotz seiner 40-jährigen Erfahrung und mehrjähriger Reisen in internationale Süssgewässer habe er einschneidende Erlebnisse gehabt im Kanton Bern, die ihm klar werden liessen, dass Wildnis nicht nur im Ausland zu finden ist. Etwa in einem ehemaligen Maisfeld im Berner Mittelland, das renaturiert wurde und als kleiner Sumpf Lebensraum für Insekten und Amphibien bietet. «Ich habe mich zuerst gefragt, was ich dort fotografieren soll», erinnert sich Roggo. Dann aber wurde er Zeuge eines Naturschauspiels. Plötzlich blieben laichende Kröten vor seiner Kamera stehen, bäumten sich auf und prügelten miteinander auf das Kameragehäuse ein. Zu Michel Roggos Freude, denn so entstanden spektakuläre Fotos, die zu seinen Favoriten gehören.

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Darunter sind auch Fotos, die im Thunersee entstanden sind, wie er weiter erzählt. Ein Fischereiaufseher habe ihm einen Standort empfohlen, wo vier Tannen versenkt worden waren. «Er rief mich eines Tages an und sagte, dass nun Fische an den Bäumen seien», erinnert sich Michel Roggo. Als er dann mit einer Berufstaucherin abtaucht, findet er sich mitten in einem Schwarm von Eglis wieder, die sich rund um das Geäst der Bäume bewegten und dort Schutz suchten. «Es hat mich verblüfft, dass so einfache Massnahmen solch grosse Wirkung haben können», so Roggo. Und so habe er mittlerweile auch die Arbeit in der Schweiz schätzen gelernt. «Hier kann ich in der Beiz einen Kaffee trinken und bin in fünf Minuten wieder mitten in der Natur», sagt er. Im Amazonas aber lauern überall Gefahren wie beispielsweise Malaria. «Hier sind jedoch die Autobahnen das Gefährlichste», scherzt er. Auch mit seinen 72 Jahren denkt der Fotograf noch nicht ans Aufhören. «Ich sehe keinen Grund, nicht mehr zu arbeiten.» So werden wohl noch manche spannende Fotobände vom Fribourger «Fischfotografen», wie er sich scherzhaft nennt, folgen.