Es sei ihr vollkommen egal, ob das jetzt eine Schlange sei oder nicht, sagt die aufgebrachte Mutter auf dem Sonntagsspaziergang zum nahegelegenen Steinbruch. Ihr Sohn, vielleicht neun Jahre alt und ein biologisch belesener Besserwisser, hält aus irgendeinem Grund ein halbmeterlanges, dünnes Schlänglein in der Hand und findet, im Fall, das sei dann gar keine Schlange. Er hat das Tier unter einem Stein gefunden und präsentiert es jetzt stolz der Mutter, die nicht so recht weiss, ob sie davonrennen oder eingreifen soll. Ein «Lass sie runter, sofort!» tut es schliesslich. Der Bub gehorcht und lässt das Reptil behutsam zu Boden gleiten, wo es ohne grosse Eile zwischen zwei Steinen verschwindet.
Bei dem Reptil aus dieser Anekdote handelte es sich um eine Blindschleiche, und der Bub hatte Recht: Sie ist keine Schlange, auch wenn sie auf den ersten Blick aussieht wie eine, mit ihrem langen, schuppen-besetzten, dünnen Körper. Sie hat keine Beine, eine schlängelnde Fortbewegungsart und im Mund eine immer wieder hervorzuckende, gespaltene Zunge. In Wirklichkeit handelt es sich bei der Blindschleiche jedoch eher um eine Eidechse als um eine echte Schlange.
Bei genauerem Hinsehen wird das auch deutlich, insbesondere bei einem tiefen Blick in die Blindschleichenaugen. Anders als eine Schlange, sieht man eine Blindschleiche nämlich immer wieder blinzeln. Schlangen können das nicht, sie haben keine Augenlider. Ansonsten haben Blindschleichen im Evolutions-Lotto im Vergleich zu Schlangen aber nicht gerade den Sechser gezogen. Aufgrund ihrer Echsenherkunft haben sie etwa einen viel starreren Körperbau als ihre genauso beinlosen, aber hoch spezialisierten Cousins. Während Ringelnatter, Kreuzotter und Co. unheimlich wendig schlängeln können, ist die Blindschleiche tatsächlich eher eine Schleicherin. Grund dafür sind kleine Knochenplatten unter ihrer Haut, die das Tier zwar vor äusseren Einflüssen schützen, es aber gleichzeitig erheblich verlangsamen.
Sie beherrscht den Eidechsen-Trick
So kommt es durchaus vor, dass Blindschleichen Opfer von Raubtieren werden. Neben Störchen, Greifvögeln und Eulen haben es auch Fuchs, Dachs, Marder oder Igel auf sie abgesehen. Auch die Schlingnatter ist ihr Feind, genauso wie in der Zivilisation die Katze und der Mensch, wenn er sie überfährt oder für eine Giftschlange hält. Junge Blindschleichen stehen auch auf dem Speiseplan von Spitzmäusen, Eidechsen und sogar von grossen Laufkäfern. Sonderlich wehrhaft ist die Blindschleiche also nicht, auch wenn sie ziemlich spitze kleine Zähne hat. Sie zögert nicht, zuzubeissen, wenn sie den Feind denn zu packen bekommt.

Die bewährteste Strategie, um den Fängen eines Räubers zu entkommen, ist aber der Eidechsen-Trick: Die Blindschleiche lässt einfach den hinteren Teil ihres Schwanzes fallen und lässt diesen noch etliche Sekunden herumzucken und -zappeln, in der Hoffnung, er möge die Aufmerksamkeit des Fressfeindes lange genug auf sich ziehen, bis sich der Vorderkörper vom Acker gemacht hat. Nachwachsen tut dieser fehlende Schwanz nicht mehr, er verwächst in einen unschön anzusehenden Stumpf, aber immerhin überlebt das Tier.
Überhaupt ist die Blindschleiche, gemessen an ihrer Behäbigkeit, ziemlich gut im Überleben, wenn man sie mit anderen Reptilien vergleicht. Sie ist in der ganzen Schweiz zu Hause und ist damit das am weitesten verbreitete Reptil des Landes. Zumindest, wenn man die Westliche (Anguis fragilis) und die Italienische Blindschleiche (Anguis veronensis) zusammen nimmt, denn letztere ist der Platzhirsch im Tessin, erstere besetzt den Rest der Schweiz.
Vergleichsweise wenig Grund also, sich um die Blindschleiche zu sorgen, auch wenn sie deutlich heimlicher lebt und seltener zu sehen ist als eine Mauereidechse, die in der Sommersonne auf jedem Stein anzutreffen ist; die Blindschleiche sonnt sich zwar auch gerne, traut sich aber mangels blitzschneller Rückzugs-Reflexe nicht so oft raus. Ihr Lebensraum, da geht es ihr kaum anders als den restlichen wild lebenden Reptilien und Amphibien in der Schweiz, schrumpft. So schreibt die Koordinationsstelle für Amphibien- & Reptilienschutz in der Schweiz (Karch) über die Blindschleiche, sie sei das wohl häufigste Reptil der Schweiz. «Dennoch dürfte auch sie unter der immer intensiveren Landnutzung und Bautätigkeit der letzten Jahrzehnte gelitten haben.» Anders als Vögel und andere flug-fähige Tiere, so Karch weiter, seien Blindschleichen stark von ihren angestammten Lebensräumen abhängig. «Da vor allem im Mittelland viele Lebensräume kleinflächig geworden sind, müssen sie nicht nur vergrössert, sondern auch miteinander vernetzt werden.» Hecken, Uferstreifen oder Bahndämme mit einer Krautschicht seien gute Korridore. Das gilt auch für andere, bedrohtere Tiere. Wer Reh, Feldhase und Mauereidechse schützt, schützt die Blindschleiche also gratis mit.
Untermieter im Kompost
Blindschleichen können mehr als 40 Jahre alt werden. Alle zwei Jahre paaren sie sich im Frühling und werfen im Spätsommer bis zu einem Dutzend Junge. Anders als die meisten anderen Reptilien legen sie keine Eier, sondern sind lebendgebärend. Diese knapp zehn Zentimeter langen Wuselwürmer haben ab ihrer Geburt nichts mehr mit der Mutter zu tun und müssen erst einmal einen Winter überstehen. Dazu rotten sie sich oft in grossen Gruppen von bis zu hundert Tieren zusammen, die sich frostgeschützte Erdlöcher, Holzstapel oder Komposthaufen teilen.

Kein Vorwurf all jenen Hobbygärtnerinnen und -gärtnern, die nicht gerade frohlocken, wenn sie beim Kompostwenden auf ein Knäuel Blindschleichen stossen. Es sei ihnen aber geraten, die Tiere nicht nur am Leben, sondern auch in Ruhe zu lassen, denn Blindschleichen sind Nützlinge im heimischen Garten, die sich zu einem grossen Teil von lästigen Nacktschnecken ernähren. Die zweite Lieblingsspeise sind Regenwürmer. Die meisten anderen potenziellen Lecker-bissen sind einfach zu schnell für die Blindschleiche.
Blind, wie ihr Name es vermuten lässt, ist die Blindschleiche übrigens nicht. Im Gegenteil: Ihr Sehsinn ist vermutlich ihr ausgeprägtester. Wahrscheinlich heisst sie auch gar nicht so, weil unsere Vorfahren glaubten, sie sei blind. Immerhin hat sie gut sichtbare Augen, die, man erinnert sich, sogar blinzeln können. Das «Blind» in ihrem Namen stand wohl ursprünglich nicht fürs «Blindsein», sondern fürs «Blenden». Und das tut sie tatsächlich, die Blindschleiche, wenn ihr langgezogener, schuppiger Rücken das Sonnenlicht in hellem Glanz reflektiert.

