Herr Schreil, Sie sind in Bayern an der Grenze zu Tschechien, umgeben von einem riesigen Waldgebiet, aufgewachsen. Welche Rolle spielte für Sie der Wald in Ihrer Kindheit?

Wolgang Schreil: Eine sehr grosse Rolle. Meine Eltern waren bereits sehr waldverbunden. Er gehörte einfach zu unserem Leben. Auch die grosse Liebe zu den Tieren wurde mir in die Wiege gelegt. Rückblickend waren immer sie meine besten Freunde.

Als junger Mann gingen Sie dann dem Kraftsport nach, waren internationaler Deutscher Meister im Steinheben, wie kam es denn zur Sinneswandlung und dem Verlangen, Ihre Zeit mehrheitlich im Wald zu verbringen?

Ich denke, dass ich es heute eher umgekehrt sehen muss. In der Zeit als Sportler versuchte ich, jemand anderes zu sein. Das funktioniert nur eine gewisse Zeit. Irgendwann erkennt man, wer man wirklich ist, und dann lebt man dies auch aus.

Man kann also sagen, dass Sie dem Ruf der Wildnis gefolgt sind?

Ja, ich sehe den Wald als meinen Lebensraum an und dadurch prägt er auch mein ganzes Leben. Ein Leben in einer Grossstadt könnte ich mir so gar nicht vorstellen.

Wie viel Zeit verbringen Sie wöchentlich im Wald?

Das ist unterschiedlich. Aber am Tag sind es mindestens fünf Stunden. An manchen Tagen können es bis zu zwanzig Stunden sein – während der Brunft der Rothirsche zum Beispiel. Es kommt auch vor, dass ich sieben Stunden damit verbringe, Feuersalamander zu beobachten. Die Zeit vergeht für mich dabei wie im Fluge.

Können Sie uns Ihre Faszination für den Wald und seine Tiere beschreiben?

Die unglaubliche Vielfalt und die Zusammenhänge aller Lebewesen sind das Grösste, das wir auf unserer Erde erleben dürfen. Jeder sollte dies nicht nur schätzen, sondern bewundern und sogar verehren.

Wie versuchen Sie, diese Sichtweise anderen Menschen näherzubringen?

Indem ich ihnen bei meinen Führungen und Vorträgen das Verhalten von Natur und Tier verständlich mache. Die Natur macht immer Sinn, egal, wie seltsam sie manchmal für uns sein kann. Ich versuche, die Menschen mit Bildern, Videos und den Erzählungen meiner Erlebnisse abzuholen. Wenn ich bei jedem Event einen Menschen dazu bringe, Tiere nicht mehr in Schubladen zu stecken oder nicht mehr zu hassen, dann macht dies bereits den Sinn meines Lebens für mich aus.

Und welche Rolle nehmen Sie selbst im Wald für Tier und Natur ein?

Für Tier und Natur bin ich nicht wirklich wichtig. Zumindest nicht direkt. Wenn ich mittlerweile auch schon Hunderte Wildtiere aufgezogen und wieder in die Freiheit entlassen habe, sollte ich mich nicht zu wichtig nehmen. Ich denke, mit meiner Aufklärungsarbeit leiste ich einen Beitrag zum Verständnis und zum besseren Miteinander.

Wie darf man sich die Beziehung zu einem wild lebenden Tier vorstellen?

Im Laufe der vielen Jahre, die ich so intensiv im Wald und mit den Tieren verbringen durfte, gab es eine ganze Reihe von «Bekanntschaften». Tiere erkennen sehr schnell, ob man ihr Feind oder ihr Freund ist. Dabei ist ​das Wichtigste immer eine gewisse Passivität unsererseits. Den aktiven Teil muss man immer den Tieren überlassen. Ein Beispiel: Fehler wie Festhalten, Einsperren oder hektische Bewegungen werden mit Misstrauen und Flucht gekontert. Dies gilt für alle Tiere. Bei Lotta, einem Mardermädchen, war es nicht anders. Sie war schon Monate lang ein freies Wildtier, das sich selbst versorgte. Mit grosser Scheu vor allen Menschen, ausser mir. Jedoch entschied sie sich, mich an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Dies äusserte sich mit zahlreichen Besuchen bei mir am Bauwagen, ich durfte sie bei der Jagd begleiten und ihre Schlafplätze sehen. Sie führte mich geradezu zu ihren Lieblingsplätzen. Das alles ging aber nur nach Lust und Laune ihrerseits. Sobald sie kein Interesse mehr hatte, verschwand sie, ohne zurückzublicken. Manchmal für Tage oder gar Wochen. Doch wenn sie zurückkehrte, war sie wieder voller Freude, bei mir zu sein, und leckte mir stets das Gesicht zur Begrüssung ab. Ich bin ihr einfach unendlich dankbar und werde sie immer lieben.

Sie haben nun ein Buch über Ihre Beziehung zu Lotta geschrieben. Wie kam es dazu?

Mit dem Ludwig-Verlag arbeitete ich bereits beim Buch «Der mit den Waldtieren spricht» sehr erfolgreich zusammen. Nun bekam ich einen Anruf, ob ich noch ein weiteres Buch mit ihnen machen möchte und ob ich vielleicht eine ganz besondere Geschichte zu einem Tier hätte. Ich bekam sofort Gänsehaut. Denn zu dieser Zeit war Lotta mein fast täglicher Begleiter im Wald. Ich selbst dachte dabei nicht an ein Buch. Es war eine Geschichte zwischen uns beiden. Doch es sollte wohl so sein.

ZUR PERSONWolfgang Schreil, auch bekannt als «Woid Woife», ist selbstständiger Wanderführer, Wildtierfotograf und Buchautor. Er war Teil des erfolgreichen BR/Arte-Films «Vom Woife und dem Wald» und der preisgekrönten BR/Kika-Serie «Anna und der wilde Wald». Sein Buch «Der mit den Waldtieren spricht» schaffte es auf Anhieb in die Spiegel-Bestsellerliste. Zudem erhielt er den Rotary Respect Award 2022 und ist 2024 Wahre-Werte-Botschafter. Er lebt im niederbayerischen Bodenmais.

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