Blitzender Chromstahl, perfekte Ordnung, kein Stäubchen. So sieht es in der Igelstation des Vereins Igel-Hilfe Schweiz im solothurnischen Niedergösgen aus. In den Terrarien, die sich regalweise durch den Raum ziehen, regt sich nichts. Kein Wunder, denn ihre Bewohner sind hauptsächlich nachtaktiv. Nur Wölbungen der am Boden der Terrarien ausgelegten Zeitungen verraten die im Dunkel schlafenden Igel. Aus einem Plastikhäuschen schaut eine schwarze Nase, der Rest des Tiers ist mit Zeitungsschnipseln bedeckt.

«Wenn wir nicht mehr da sind, werden sie richtig aktiv», sagt Laura Sandmeier. Die Tiermedizinische Praxisassistentin leitet die 2024 eröffnete Igelstation des Vereins Igel-Hilfe Schweiz. Dort werden ver-letzte und hilfsbedürftige Igel angenommen, fachgerecht betreut und schliesslich gesund wieder an ihrem Herkunftsort ausgewildert. Der Igel habe ein sehr gutes Gedächtnis und erstelle bei jedem Spaziergang in seinem Kopf eine Karte. Darin eingezeichnet: seine Futterstellen. «Es ist notwendig, dass wir uns um Igel kümmern, denn sie werden immer seltener», sagt die Fachfrau. Die Tatsache, dass in den letzten zehn Jahren die Igel-Population in der Schweiz um etwa40 Prozent zurückgegangen ist, hat zur Gründung des Vereins Igel-Hilfe Schweiz geführt. Piet Umiker ist ehrenamtlicher Geschäftsleiter des Vereins. Er betreibt das Tierhotel 5 Sterne und will sich mehr für den Tierschutz engagieren. Die Igelstation befindet sich in einem separaten Teil des Tierhotels, welches die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung stellt. Innerhalb kurzer Zeit wurden Spender und Gönner mobilisiert.

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«Wir haben das ganze Jahr über Igel in Pflege», sagt Laura Sandmeier. Ihre Kollegin Patrizia Luchsinger ist derweil mit einem Patienten in der Intensivstation beschäftigt, dort, wo alle Neuankömmlinge untersucht werden und eine Erstversorgung erhalten. Diejenigen, die Beinprobleme haben oder wegen starkem Kokzidienbefall nicht mehr gut zu Fuss unterwegs sind, werden dort länger betreut. Sobald sie eine bessere Konstitution haben, kommen auch sie in die normale Abteilung. Kokzidien seien Parasiten, die Lähmungserscheinungen bei den Igeln hervorrufen könnten, erklärt Laura Sandmeier. «Wir bekämpfen den Befall medikamentös, verabreichen danach Vitamin B12 und lassen die Igel auch am Boden laufen.» Laura Sandmeier lacht, als sie anfügt: «Es sind nicht die kooperativsten Tiere.» Ist ihnen etwas nicht geheuer, kugeln sie sich ein und warten erst mal ab, bis die Luft rein ist. Ein gutes Zeichen, denn entkräftete Tiere zeigen dieses typische Verhalten nicht mehr.

Drohnenmilch wirkt Wunder

Damit Igel kräftig sind, brauchen sie eine artgerechte Fütterung. Getrocknete Mehlwürmer und Soldatenfliegenlarven gehören ebenso zur Ernährung in der Igelstation wie spezielles Trocken- und Nassfutter für Katzen und Katzenpellets. Doch aufgepasst! Das Katzenfutter dürfe kein Getreide, Gemüse, keine Früchte und Fische enthalten. «Katzenfutter mit nur wenig Fleischanteil schadet den Igeln», stellt Laura Sandmeier klar. Die engagierte Frau verrät: «Drohnenmaden sind absolute Leckerbissen.» Auch schwache Igel, die kaum Futter aufnähmen, tränken Drohnenmilch. So bezeichnet Laura Sandmeier die Flüssigkeit, die entsteht, wenn Drohnenmaden aus den Waben gelöst, in warmem Wasser leicht erwärmt und durch ein Sieb gepresst werden. Die Flüssigkeit, die durch diesen Prozess entsteht, wird dem geschwächten Igel schliesslich mit einer Spritze verabreicht. Wer fertiges Igelfutter im Zoohandel kaufen möchte, dem empfiehlt Laura Sandmeier das Produkt «Claus getreidefrei». Eine Zufütterung von Igeln im Frühling und Herbst sei auch für Privatpersonen sinnvoll, findet Laura Sandmeier. Sie rät auch dazu, den Igeln Wasserstellen einzurichten.

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2024 wurden der Igelstation durch Private und die Polizei etwa 400 Igel abgegeben, meist in Kartonschachteln. Laura Sandmeier betont: «Es ist wichtig, uns vorher anzurufen.» Grundsätzlich sollte nämlich ein Igel in der Natur nicht berührt werden. Der Einzelgänger geht seines Wegs. Doch wenn er zittert, einen unsicheren Gang hat oder eingefallene Seitenflanken aufweist, braucht er Hilfe. Fundort, Datum und das Gewicht des Igels sind entscheidende Informationen für jede Igel-Auffangstation.

«Die Igel, die zu uns kommen, haben fast immer einen Massenbefall an Parasiten. Wenn sie in der Natur nicht ausreichend Insekten finden, verzehren sie auch Schnecken und Würmer. So infizieren sie sich mit Lungen-, Haarwürmern und dem Darmsaugwurm.» Gerade letzterer sei ein schlimmer Feind. «Er schädigt die Darmschleimhaut und -zotten. Das führt zu Durchfall und Abmagerung.» Der Allgemeinzustand verschlechtere sich.

Externe Parasiten werden mechanisch mit Pinzetten, innere medikamentös bekämpft. «Wir setzen Spritzen direkt unter die Haut und geben Mittel oral ein.» Die Igel-Fachfrau warnt Finderinnen und Finder von Igeln vor Selbstversuchen mit Anti-Parasitenmitteln für Hund und Katze: «Sie sind giftig für Igel und dürfen keinesfalls verwendet werden!». Ob eine Igeldame trächtig ist, hat Einfluss auf die Medikamentenwahl. Deshalb werden zwischen Mai und September Igelweibchen mit Ultraschall untersucht, bevor sie mit Medikamenten behandelt werden.

Viele Igel werden mit Verletzungen eingeliefert. «Schlimme Wunden werden durch Veterinärinnen und Veterinäre einer Tierarztpraxis behandelt», sagt Laura Sandmeier. Meist entstünden die Verletzungen durch Fadenmäher und Mähroboter, aber auch bei Gartenarbeiten.

Massage für die ganz Kleinen

«Wenn ein oder mehrere Babyigel draussen herum-kriechen, dann haben sie ein Problem», warnt Laura Sandmeier. Jungigel verlassen nämlich erst im Alter von drei bis vier Wochen das Nest, um die Umgebung zu erkunden.

Die ganz Kleinen sind die aufwändigsten und sensibelsten Patienten der Igelstation. Sie werden alle drei Stunden von Hand gefüttert. «Wir nehmen sie über Nacht zu uns nach Hause», sagt die Igelpflegerin. Oder aber, ehrenamtliche Helferinnen und Helfer übernehmen die Aufgabe der Igelaufzucht. Es geht dabei nicht nur um das Füttern der Igel mit einer Futterspritze. «Babyigel können nur Kot und Urin absetzen, wenn sie am Bauch und den Genitalien massiert werden», erklärt Laura Sandmeier. Normalerweise würde die Igelmutter die Jungen lecken. «Wir setzen dafür Pinsel ein», sagt die Ersatz-Igelmutter.

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In einem der zahlreichen Terrarien dösen in einem Schlafhäuschen zwei von Hand aufgezogene Igel. «Sie werden bald in einem igelgerechten Garten an das Leben in der Natur gewöhnt, zuerst während einigen Wochen in einem Aussengehege mit Häuschen. Beides liefern wir mit dem Tier.» Die Igel-Hilfe Schweiz unterhält ein Kontaktnetz zu ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern der Region mit entsprechenden Gärten. Der Vorteil sei, dass von Hand aufgezogene Igel, einmal ausgewildert, nicht mehr zutraulich seien. Das Idealgewicht für einen jungen Igel liege bei 600 Gramm und mehr, bei Erwachsenen bei 800 Gramm und mehr. «Besonders im Herbst, kurz vor dem Winterschlaf», ergänzt die Igelpflegerin.

Gerade der Herbst ist eine sensible Zeit für Igel. «Junge, die spät geboren wurden, haben kaum noch die Möglichkeit, sich ausreichend aufzufuttern. Wenn es nach einer Kaltphase wieder warm wird, wachen Igel auf, finden dann aber nur wenig Nahrung. Ein Igel schläft in Ast- und Laubhaufen, ist aber auch dankbar für ein Häuschen. «Dieses kann ganz einfach auch aus Backsteinen konstruiert werden», rät Laura Sandmeier. Als Inhalt eignen sich Laub und Stroh.

Da der Lebensraum mit Strassen, Zäunen, Teichen mit hohen Rändern und aufgeräumten Gärten nicht mehr ideal ist für Igel, sind weitere tote Igel für die Population problematisch. Umso wichtiger sind Igelstationen wie diejenige in Niedergösgen.

Die Leiterin der Igelstation der Igel-Hilfe Schweiz,

Laura Sandmeier, mit einem Pflegeigel.

Das Igeljahr

  • November bis März = Winterschlaf
  • April und Mai = Futtersuche nach dem Gewichtsverlust von ca. 30 %
  • Mai bis August = Paarungszeit
  • Mai bis September = Jungenaufzucht nach einer Tragzeit von ca. 35 Tagen
  • Juni bis Oktober = Jungigel verlassen mit 3 bis 4 Wochen das Nest und suchen Futter
  • September bis Dezember = Winterspeck anfuttern. Bei 5 °C und kälter Winterschlaf