Mattia Turra ist Experte im Sezieren von Mehlwürmern. Eklig findet Turra die Larven aber schon lange nicht mehr, sind sie doch die Grundlage für den Brei, mit denen der 24-Jährige verletzte und geschwächte Fledermäuse aufpäppelt. Bereits das zweite Jahr in Folge hilft der Zivildienstleistende als einer von rund 900 Ehrenamtlichen beim Schweizer Fledermausschutz, und kümmert sich um das Wohlergehen von momentan sechs Pfleglingen. «Vorher habe ich mich noch nie so richtig mit Fledermäusen auseinandergesetzt. Aber beim näheren Betrachten sind sie wirklich herzige und faszinierende Tiere», schwärmt Turra, während er einer Fledermaus mit einem Wattestäbchen den Mund abwischt. Manche der kleinen Säuger sind äusserst chaotische Fresser, sodass einiges von dem mit einer Pinzette verfütterten Nahrungsbrei daneben geht und das feine Fell verkleben kann.

Findlinge in fachkundigen Händen

Katja Schönbächler kümmert sich am Tisch daneben unterdessen um einen ganz speziellen Gast. Vor ein paar Tagen haben Finder eine komplett weisse Fledermaus zur Station auf dem Zürichberg gebracht. «Das ist eine Albino-Fledermaus. So etwas habe ich in meiner ganzen Karriere bisher noch nie gesehen. Man sieht deutlich, dass sie starke Quetschungen an den Armen hat. Wahrscheinlich war sie irgendwo eingeklemmt. Bei Rollladenkästen passiert das leider schnell», erklärt die 29-jährige Tierärztin. Fledermäuse nutzen im Jahresverlauf ganz unterschiedliche Quartiere. Für die Aufzucht der Jungen im Sommer müssen die Verstecke warm und sicher sein, da bieten sich ein Rollladenkasten oder andere Spaltenquartiere am oder ums Haus sehr gut an. Oft würden Leute bei ihr auf dem Fledermaus-Nottelefon (siehe Box) anrufen, weil geschwächte oder verletzte Tiere unter einem Fenstern liegen oder bewegungslos an der Hausfassade hängen, erzählt Schönbächler. Sie lässt sich dann immer per Handy ein Foto von dem Tier schicken. «Darauf sehe ich sofort, ob ein Tier unterernährt oder gar verletzt ist.

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Dann kommt es auf jeden Fall zu uns, denn dann findet es nicht mehr genügend Kraft, um zu fliegen und nach Insekten zu suchen.» Auf der Fledermaus-Notpflegestation wurden dieses Jahr so bereits über 200 Fledermäuse aufgepäppelt, wenn nötig medizinisch behandelt und später wieder freigelassen. Ein ruhiges Jahr, laut Schönbächler, das vor allem dem warmen Frühling zu verdanken ist. Wäre dieser schlechter ausgefallen und hätten die Fledermäuse weniger Nahrung gefunden, so wären es auch mehr Jungtiere, die die Expertinnen und Experten des Schweizer Fledermausschutzes mit viel Geduld von Hand aufziehen müssten. Rund 60 Pflegestellen kümmern sich schweizweit darum, dass geschwächte Tiere eine Chance bekommen. Um selbst Fledermäuse pflegen zu dürfen, muss man einen 50-stündigen Lehrgang besuchen und mit dem ausgestellten Sachkundenachweis eine entsprechende Bewilligung einholen. «Es ist eine Menge Arbeit, die wir versuchen auf so viele Personen wie möglich zu verteilen. Zum Glück bleiben die Tiere meistens nur kurz bei uns und erholen sich recht schnell.

«Bei näherer Betrachtung sind Fledermäuse herzige Tiere.»

Mattia Turra, Zivildienstleistender, Fledermausstation

Dann dürfen sie wieder in die Natur zurück», erklärt Schönbächler. Sie ist auf dem Weg zum Flugtraining, in der Hand eine graue, mit Löchern versehene Plastikbox, in der eine Zwergfledermaus sitzt. In einer Voliere hinter der Station kann das Jungtier das Flattern üben. «Zum Glück müssen wir ihnen das Fliegen nicht beibringen», sagt Schönbächler mit einem Augenzwinkern. Die meisten Jungtiere würden irgendwann von selbst anfangen zu flattern und dann plötzlich innerhalb weniger Tage losfliegen. Die Tierärztin setzt die Zwergfledermaus aus der Box an die raue Wand der Voliere, wo sich das Tier erstmal aufwärmen muss, um überhaupt fliegen zu können. Wenige Minuten später flattert es los und navigiert mühelos durch den Raum. Katja Schönbächler ist zufrieden und versucht die Fledermaus mit einem Kescher wieder einzufangen. Geschickt weicht das Tier ihr aus. «Es wird wohl Zeit, dass du raus in die Natur kommst», lacht Schönbächler. Später am Tag wird sie das fitte Tierchen in eine Auswilderungsvoliere im Dachstock der Notpflegestation bringen. Dort kann die Fledermaus selber entscheiden, ob und wann sie losziehen und zurück zu ihren Artgenossen im Raum Zürich fliegen will.

Keine Angst vor Dracula

Mattia Turra und Katja Schönbächler haben ihre Fütterungs- und Flugtrainingsrunde beendet, und können die schwarzen Handschuhe und die Masken ausziehen. «Viele Menschen haben Angst, dass Fledermäuse in der Schweiz Corona übertragen könnten. Wir haben allerdings in Zusammenarbeit mit der Virologie in Zürich 7000 Tiere auf das Virus untersucht und nichts gefunden», so Schönbächler. Auch sei in keiner der Proben Tollwut nachgewiesen worden. Trotzdem sind alle Fledermaus-Pflegerinnen und -Pfleger des Schweizer Fledermausschutzes gegen Tollwut geimpft und tragen bei der Pflege immer Handschuhe. «Es gibt selten Fälle, in denen eine Fledermaus das Virus trägt. Wird man von ihr gebissen oder gekratzt, so kann dies schlimme Folgen haben», warnt die Tierärztin. Tollwut verläuft in den meisten Fällen tödlich, sollte man nicht rechtzeitig die erforderlichen Impfungen erhalten. «Flattert ein Tier aber einfach nur im Zimmer herum, so muss man wirklich keine Angst haben, denn Tollwut wird nicht über die Luft oder den Kot übertragen.» Die Masken tragen Fledermaus-Pflegenden, um die gegenseitige Übertragung von Krankheiten zu verhindern.

«Jungen Fledermäusen muss man das Fliegen nicht beibringen.»

Katja Schönbächler, Tierärztin, Fledermausstation

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«Noch wurde SARS-CoV-19 in der Schweiz nicht bei Fledermäusen nachgewiesen. Es wäre schlimm, wenn jemand von uns ein Tier damit infizieren und dieses es in die Schweizer Population tragen würde. Darum tragen wir die Masken, damit das nicht passiert.» Seit Beginn der Pandemie käme die Frage nach der Ansteckung bei Fledermäusen immer wieder auf. Die Stiftung Fledermausschutz hat dazu ein Merkblatt herausgegeben, in dem sie Entwarnung gibt. Auch dass Fledermäuse in die Haare fliegen oder Blut saugen würden, sei Quatsch (siehe Box). Generell setzt sich die Stiftung Fledermausschutz vermehrt dafür ein, dass mit solchen Vorurteilen aufgeräumt wird. Nachmittags finden darum jeweils bei der Notpflegestation, die an den Zoo Zürich angegliedert ist, öffentliche Fütterungen statt, während denen Interessierte den Fledermaus-Expertinnen Fragen stellen können. Oft werde sie dabei auch gefragt, warum sie sich überhaupt die Mühe machen würden, einzelne Tiere zu retten. «Wir betreiben hier aktiven Tierschutz», antwortet Schönbächler dann. «Jedes Tier hat eine Chance verdient.

Zudem sind Fledermäuse explizit geschützt. Und nicht zuletzt kann eine erfolgreich wieder ausgewilderte Fledermaus noch viele Jahre Jungtiere bekommen und damit zum Fortbestand der Schweizer Population beitragen.» Fledermäuse können je nach Art über 30 Jahre alt werden, bekommen jedoch jeweils nur ein bis zwei Junge pro Jahr. Entsprechend pflanzen sie sich nur sehr langsam fort, was die Populationen im Gegensatz zu denen ihrer ungeflügelten Namensvettern, der Mäuseartigen, sehr anfällig macht.

Populäre Irrtümer
«Fledermäuse fliegen in unsere Haare»
Manche Fledermäuse fliegen auf der Suche nach Insekten so bodennah, dass es erscheinen mag, als wollten sie uns an-greifen. Jedoch interessieren sich die kleinen Flatterer nicht für unsere Haare und weichen Menschen geschickt aus.
«Fledermäuse legen Eier»
Fledermäuse sind Säugetiere und bringen lebende Junge zur Welt, welche sie entweder am Schlafplatz (der sogenannten Wochenstube) zurücklassen oder an den Zitzen unter ihren Flügeln mit sich herumtragen. Manche Weibchen bekommen sogar Zwillinge.
«Blind wie eine Fledermaus»
Auch Fledermäuse besitzen Augen, mit denen sie in der Dämmerung gut sehen können. Die Tiere kombinieren je nach Lichtverhältnissen die Echoortung mit dem Sehsinn, um Hindernisse besser umfliegen zu können. Ihre grösseren Verwandten, die Flughunde, haben kein vergleichbares Echoortungssystem, aber sehr grosse Augen, damit sie auch in der Dämmerung gut sehen.
«Fledermäuse saugen Blut»
Unsere einheimischen Arten ernähren sich von Insekten und anderen Arthropoden. Lediglich in Mittel- und Südamerika gibt es Vampirfledermäuse, die Blut trinken. Dabei ritzen sie mit ihren scharfen Zähnen die Haut ihrer Beute, oft ohne dass diese es merkt, und lecken etwa einen Teelöffel austretendes Blut.

Vom Tier- zum Artenschutz

Tatsächlich befinden sich die Schweizer Fledermäuse seit den 1950er-Jahren in einer Krise. Viele Populationen der 30 hierzulande bekannten Fledermausarten sind Mitte des 20. Jahrhunderts regelrecht zusammengebrochen. Die Ursachen sind vielfältig, nachweislich wurden aber viele Fledermausquartiere in Gebäuden zerstört. Diese wurden entweder mutwillig oder durch unsachgemässe Renovationen für Fledermäuse unbewohnbar gemacht. Hinzu kommt der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft und dem damit verminderten Nahrungsangebot sowie der grundsätzliche Verlust von geeigneten Lebensräumen. Aktuell ist auch die immer stärker werdende Lichtverschmutzung durch Strassenlampen, Scheinwerfer und Garten-lichter, welche die Nacht zum Tag macht und den Fledermäusen ihre Deckung nimmt, ein Thema.

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Laut Bundesamt für Umwelt hat sich die Emission von nach oben gerichteten und reflektierten Lichtern zwischen 1994 und 2012 mehr als verdoppelt. Entsprechend nahm der Flächenanteil mit Nachtdunkelheit deutlich ab: Waren 1994 noch 28 Prozent der Schweiz natürlich dunkel, so waren es 2009 gerade noch 18 Prozent. Seit bekannt ist, dass viele Arten stark gefährdet sind, werden die Fledermauspopulation der Schweiz seit 1990 teilweise systematisch erfasst und Quartiere kontrolliert. Ähnlich wie bei der Notpflegestation engagieren sich auch hier hauptsächlich Ehrenamtliche, die durch kantonale Fledermausschutz-Beauftragte angeleitet werden. Dank der Massnahmen sind zum Beispiel die Mausohrbestände laut der Stiftung Fledermausschutz in den letzten 25 Jahren um 40 Prozent gewachsen.

«Fledermäuse ersparen der Landwirtschaft jährlich Millionen Franken.»

Ladina Thomasin-Kühne und ihr Mann Jörg Kühne sind zwei dieser Ehrenamtlichen. Sie überwachen die schweizweit grösste bekannte Fledermauskolonie von Mausohren. Diese befindet sich im Zwiebelturm der Kirche in Fläsch GR, wo Grosse und Kleine Mausohren im Sommerhalbjahr den Estrich nutzen, um ihre Jungen auszutragen und aufzuziehen. Solche Quartiere nennt man Wochenstuben. Der Ein- und Ausflug in Fläsch befindet sich direkt unterhalb des östlichen Ziffernblatts der Kirche und lässt sich in lauen Sommernächten gut beobachten. Interessierte Fledermausfreunde können dem sommerlichen Treiben im Estrich zudem auf einem Bildschirm an der Aussenseite der Kirche folgen, auf die mithilfe einer Infrarot-Kamera Bilder aus dem Inneren des Turms übertragen werden.

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Bis zu 1000 Weibchen sitzen dicht gedrängt an den Dachbalken, und mit etwas Glück kann man im Juni und Juli die Jungtiere erkennen, die sich bei der Geburt noch nackt und blind mit ihren kräftigen Hinterfüssen an der hölzernen Dachkonstruktion festhalten. Jedes Weibchen bringt jeweils pro Jahr nur ein Jungtier zur Welt, welches sie über sechs Wochen hinweg säugt und oft auch im Flug mit sich herumträgt. Die Jungen besitzen ein eigens dafür ausgebildetes «Klammergebiss», mit dem sie sich an den Zitzen unter den Achseln der Mutter festbeissen. Ein Knochenjob für die Weibchen. Auch im August, sobald die Jungen selbstständig auf Insektenjagd gehen können, bleibt den Mausohrdamen kaum Zeit, um sich zu erholen.

Sie müssen sich in den Herbstmonaten genügend Fettreserven anfressen, um den Winterschlaf gut zu überstehen. Ausserdem ist die Herbstzeit auch Paarungszeit. Die Weibchen speichern dabei die Spermien der Männchen in der Gebärmutter; die Befruchtung findet erst im Frühling statt. Den kalten und insektenarmen Winter überdauern die Tiere in frostsicheren unterirdischen Höhlen, Stollen und Kellern. Während des Winterschlafs sinkt die Körpertemperatur auf wenige Grad ab, das Herz schlägt viel langsamer und oft treten Atempausen von mehreren Minuten auf. Vollkommen bewegungslos sind Fledermäuse im Winterschlaf völlig hilflos und störungsempfindlich. Werden sie ungewollt aufgeweckt, bedeutet dies ein hoher Energieverlust, und nicht alle Tiere haben genügend Fettreserven, um den langen Schlaf zu überstehen. Wer gerne in Höhlen unterwegs ist, sollte diese also im Winter meiden, um Fledermäuse nicht unnötig zu stören.

«Bei Schweizer Fledermäusen wurde kein SARS-CoV-19 nachgewiesen.»

Fledermäuse im Haus

Finden Hausbesitzer Fledermäuse im eigenen Gebäude, so führt dies oft zu grosser Verunsicherung. Diese basiert jedoch meist auf falschen Annahmen. Fledermäuse meiden den direkten Kontakt mit Menschen und verkriechen sich lieber in Ritzen und Spalten, wo man sie kaum zu Gesicht bekommt. Wenige Arten hängen frei in Dachstöcken. Anders als ihnen oft vorgeworfen wird, machen sie keine Löcher, reissen keine Isolation heraus und bauen auch keine Nester.

Ein Ärgernis können die zahlreichen Kot-Chegeli sein, die die Fledermäuse unter ihr Versteck fallen lassen und die oft erst ihre Anwesenheit verraten. Die Hinterlassenschaften lassen sich einfach von denen anderer Tiergruppen unterscheiden, denn sie enthalten im Gegensatz zu Vogelkot keine weissen Anteile und lassen sich anders als der harte Kot von Nagetieren auch im trockenen Zustand leicht zerbröseln. Fledermauskot kann als wertvoller stickstoffreicher Dünger verwendet werden.

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Die Stiftung Fledermausschutz empfiehlt, den Kot unter einem Quartier mit einem mindestens einen Meter unter dem Ausflug angebrachten, etwa 30 Zentimeter breiten Brett aufzufangen. Somit gelangen die Krümel nicht auf darunter liegende Gebäudeteile und können einfach als Dünger für den Garten zusammengewischt werden. Befindet sich Kot auf einem Fensterbrett, so bietet sich ein Blumenkasten an, der hübsch bepflanzt nicht nur ein Hingucker ist, sondern auch direkt von den Hinterlassenschaften der Fledermäuse profitiert.

Fledermäuse sind sehr wählerisch, was ihr Schlafplatz oder gar den Ort der Jungenaufzucht betrifft. Umsiedeln lassen sich die Tiere nicht, und ein Versuch dessen ist wie jede andre mutwillige Störung verboten. Wer beobachtet, wie Tiere am eigenen Dachstock ein- und ausfliegen, sollte sich wirklich freuen, denn das Haus trägt nicht nur aktiv zum Schutz bedrohter Tierarten bei, sondern beherbergt auch nützliche Insektenvertilger. Es wird geschätzt, dass Fledermäuse der Schweizer Land- und Forstwirtschaft jedes Jahr so über hundert Millionen Franken ersparen. Damit sind sie äusserst wichtige Ökosystemdienstleisterinnen unseres Landes, ein weiterer Grund, die kleinen Säugetiere zu schützen.