Mit seinen leuchtend roten Federn am Steiss und dem puristischen schwarz-weissen Federkleid ist er nicht zu übersehen – ob in Parks, baumreichen Gärten im Stadtgebiet oder im tiefsten Wald. Eichen- und Buchenmischwälder mit viel Alt- und Totholz sind die eigentlichen Wohlfühlzonen des Buntspechts. Und obwohl er ein ausgesprochener Einzelgänger ist, darf er sich in guter Gesellschaft wähnen: Der Bestand in der Schweiz wird auf 70 000 bis 90 000 Paare geschätzt. Von Gefährdung im Moment also keine Spur. Wie schafft er das, während andere Spechtarten längst auf der roten Liste der Brutvögel der Schweiz stehen?

«Der Buntspecht ist das Multitalent unter den Spechten», sagt Stefan Bachmann, Mediensprecher von Birdlife Schweiz. «Als Generalist und dank mehreren spannenden Verhaltensweisen wie dem Ringeln oder dem Schmieden hat er sich viele Nahrungsquellen erschlossen.» Der Biologe ist vor allem beeindruckt von seiner Beharrlichkeit und der ungeheuren Kraft des Schnabels, der sich in vielerlei Hinsicht als nützlich erweist. [IMG 2]

Überlebenskünstler par excellence

Der bunte Vogel ist effektiv ein äusserst cleveres Kerlchen: Um an die Samen in Zapfen von Nadelbäumen zu gelangen oder Nüsse zu knacken, nutzt er eigens ausgehackte Löcher in Baumspalten, wo er sein Objekt der Begierde festklemmt. In diesen sogenannten Spechtschmieden hackt er mit dem Schnabel so lange auf den Zapfen ein, bis er die nahrhaften Samen mit der Zunge aus den zerspaltenen Schuppen mühelos herauszupfen kann. In einer Stunde entleert er so gut ein Dutzend Föhrenzapfen, wovon die zerzausten Überbleibsel rund um die Schmiede zeugen.

«Der Buntspecht ist ein wahres Multitalent.»

Stefan Bachmann Birdlife Schweiz

Und da ist noch dieses andere bemerkenswerte Talent: Wenn im Frühling in Nadelhölzern, Linden, Buchen und anderen Bäumen der Saft emporsteigt, ringelt der Buntspecht den Baum. Erst auf den zweiten Blick wird klar, was er im Schilde führt: Sind die Spiralen in der Rinde angelegt, kann er die aus den Saftbahnen austretenden süssherben Tropfen mühelos ablecken.

Unverkennbar auch sein Trommeln mit sagenhaften zehn Schlägen pro Sekunde, mit dem sich der Buntspecht Gehör verschafft. Dafür nimmt er einen schwingenden Gegenstand – oft einen dürren Ast – zu Hilfe. Wie laut das Trommeln und wie hoch der Ton effektiv ist, hängt von der jeweiligen Unterlage ab. Mit diesen perkussionistischen Einlagen finden Brutpaare zusammen und werden Revieransprüche laut und deutlich bekundet. So wie Amseln oder Mittelspechte ihren Gesang einsetzen, benutzt der Buntspecht das Trommeln als Signal: Hier bin ich zu Hause, jetzt suche ich ein Weibchen, so die unmissverständlichen Ansagen. Dieser Trommelwirbel, den der Specht bereits an warmen Februartagen erzeugt, unterscheidet sich allerdings klar vom Hämmern, wenn er nach Nahrung sucht.

Unermüdliche Baumeister

Der massive Hackschnabel hat aber noch einen weiteren Vorteil: Mit ihm kann der Buntspecht Brut- und Schlafhöhlen nach seinem Gusto zimmern. Stattliche zwei Wochen braucht ein Spechtpaar, das sich bei der Bautätigkeit jeweils abwechselt, bis das Heim bezugsbereit ist. Und – eine gute Nachricht für andere Tiere – Buntspechte sind eifrige Zimmerleute: Meist hämmern sie Jahr für Jahr eine neue Wohnung und mehrere Schlafhöhlen. In den leeren Behausungen machen es sich Meisen, Stare und viele weitere Höhlenbrüter gemütlich. Und auch Fledermäuse, Siebenschläfer und xylobionte Käfer, die auf Holzsubstrat angewiesen sind, gehören zu den «Nachmietern».

Doch die Idylle trügt, auch der Buntspecht steht vielerlei Bedrohungen gegenüber. Fallen Jungvögel vor allem Habichten, Mardern oder Sperbern zum Opfer, haben erwachsene Tiere mit menschengemachten Gefahren zu kämpfen. So zum Beispiel, wenn zu viel stehendes oder liegendes Totholz entfernt wird. Und auch Pestizide in der Landwirtschaft sind für den Specht eine Herausforderung, schmälern sie doch die Zahl der Insekten empfindlich. Auf Letztere sind vor allem auch die Jungvögel angewiesen. Eine weitere Gefahr sind spiegelnde oder durchsichtige Glasscheiben.

Bedrohter Grauspecht

Um einige andere Spechtarten ist es derzeit besonders schlecht bestellt. Als «besorgniserregend» bezeichnet Stefan Bachmann den extremen Rückgang des Grauspechts. «Noch wissen wir nicht genau, weshalb der Bestand hierzulande so dramatisch geschrumpft ist», sagt der Ornithologe von Birdlife Schweiz, der seine Diplomarbeit an der Universität Zürich über Bunt- und Mittelspechte geschrieben hat. Die melancholisch anmutenden Rufe des Grauspechts passen bestens zur wenig erfreulichen Lage dieses «Erdspechts», der die Nahrung vor allem am Boden sucht und eine Vorliebe für Ameisen und andere bodenlebende Insekten und Spinnen hat.

Die Lage ist durchaus brisant: Der Grauspecht ist aus einigen Gebieten der Westschweiz ganz verschwunden und auch in den übrigen Landesteilen gilt er laut der roten Liste der Brutvögel als stark gefährdet. Doch damit nicht genug: Auch der Weissrückenspecht wird als verletzlich eingestuft. Der sehr seltene Specht hat in ornithologischen Kreisen für freudige Momente gesorgt: «Er wurde in der Schweiz erst vor einigen Jahren entdeckt», so Stefan Bachmann. Wer ihn in der Ostschweiz in einem naturnahen Wald mit vielen absterbenden und toten Bäumen jemals zu Gesicht bekommt, gilt als echter Glückspilz.

«Der Weissrückenspecht besiedelt heute wieder Wälder in der Ostschweiz, Vorarlberg und Liechtenstein, weil man mehr Totholz stehen und liegen lässt», erklärt Romain Angeleri, Ökologe an der Berner Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften. Der junge Forscher hat mit seinem Team noch mehr herausgefunden: Der Weissrückenspecht ist für xylobionte Käfer eine «Schirmart». Konkret heisst das: Wo der Weissrückenspecht brütet, sind mehr Käferarten zu finden, die auf der roten Liste stehen, als in spechtfreien Gebieten. Von Bemühungen Richtung mehr Biodiversität in einem Wald profitieren beide Arten: «Ein besserer Schutz des Weissrückenspechts kommt auch den Totholzkäferarten zugute», führt der Waldökologe weiter aus.

Um herauszufinden, welche Beziehung zwischen dem Specht und xylobionten Käfern besteht, stattete die Schweizerische Vogelwarte Spechte mit Funksendern aus und identifizierte «spechtaktive» Waldgebiete. Die Forschenden um Romain Angeleri fingen in einem nächsten Schritt mit Fallen über 20 000 Käfer von mehr als 400 Arten, die sie untersuchten und bestimmten. Das Projekt ist noch in vollem Gange.

Mehr Natur

Was ist zu tun, damit die derzeit am stärksten gefährdeten Arten eine Zukunft haben? «Die Antwort hängt von der jeweiligen Art ab», betont Stefan Bachmann. Zwar sind viele Spechtarten – gerade auch der Weissrückenspecht – auf naturnahe Wälder mit viel Totholz angewiesen, doch für gewisse Arten müssen weitere Rahmenbedingungen erfüllt sein: So sind für Schwarz-, Grün- und Grauspechte Ameisen unverzichtbar, die sie mit ihren langen, klebrigen Zungen aus einem Haufen herausfischen. Der Wendehals wiederum braucht naturnahe Hochstamm-Obstgärten, Rebberge und Gärten, die mit Überbauungen und intensiver Landwirtschaft immer mehr aus unserem Ortsbild verschwinden. Die Zeit drängt. Birdlife Schweiz und weitere Naturschutzorganisationen engagieren sich an vielen Fronten für naturnahen Waldbau und in Artenförderungsprojekten. Damit wir in Zukunft vor lauter alter Bäume den Specht wieder sehen.