Das Geheimnis des Geruchs von Regen

Strasse bei Sommerregen

Der Geruch von Regen ist Teil eines mikroskopisch kleinen Kreises des Lebens.

Belozorova Elena/Shutterstock.com

Petrichor
Der Geruch von Regen hat auf viele eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Damit sind nicht nur Menschen gemeint –Forscher haben nämlich jetzt herausgefunden, was es damit auf sich hat und wem der Geruch wirklich nützt.

Wer liebt ihn nicht, den Geruch von Regen, wenn er auf die Erde fällt? Vor allem im Sommer, wenn es über längere Zeit heiss und trocken war? Petrichor heisst der Geruch in der Fachsprache, eine Wortschöpfung aus dem Griechischen petra (Stein) und Ichor, dem Blut der Götter.

Geradezu göttlich ist er also, der Geruch – obwohl er nicht vom Himmel kommt, sondern aus der Erde. Genauer gesagt von Bakterien der Gattung Streptomyces. Sie und einige andere Mikrooraganismen stellen die organische Verbindung Geosmin her, auf welche die menschliche Nase sehr sensibel reagiert. Aus gutem Grund, denn damit warnt uns unsere Nase vor verdorbenem und verschimmeltem Essen. Dann nämlich sendet der erdige Geruch die Botschaft ans Gehirn, doch besser die Finger davon zu lassen. Zusammen mit andern Stoffen im Boden jedoch, zum Beispiel solchen aus Pflanzen, verwandelt er sich in den wohlriechenden Duft des Sommers.

Im Gesamtgefüge des Lebens tut ein Organismus selten etwas ohne guten Grund. Warum also die Strepomyceten das Geosmin produzieren, wollten Forscher nun genauer wissen. Wenn es von Menschen so gut wahrgenommen werden kann, dann wahrscheinlich auch von anderen Tieren, zum Beispiel kleinen Bodenlebewesen, dachte sich ein internationales Forscherteam um Paul Becher von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften in Alnarp. «Um die Rolle von Geosmin im Bodenökosystem zu untersuchen, fragten wir uns, ob der Geruch von Streptomyces bodenbewohnende Gliederfüsser anzieht», schreibt das Team in seiner letzte Woche in «Nature Microbiology» veröffentlichten Studie.

Springschwänze angelockt
Diese Frage konnten sich die Forscher selbst mit Ja beantworten. In einer Reihe von Feld- und Laborexperimenten zeigten sie, dass Springschwänze Geosmin direkt über ihre Fühler wahrnehmen können. Springschwänze lieben Geosmin, denn es zeigt ihnen, wo ihre Nahrung liegt, denn die mit den Insekten nah verwandten Tierchen haben einen Appetit auf Streptomyceten. Anders als anderen Lebewesen können die von den Bakterien produzierten Toxine den Springschwänzen nichts anhaben – für sie ist Geosmin keine Warnung, sondern ein Lockruf.

Den Streptomyceten wiederum macht es nichts aus, gefressen zu werden, denn sie haben nur das Beste für ihre Kolonie im Sinn. Streptomyces-Bakterien wachsen ähnlich Pilzen fadenförmig durch den Boden und bilden Sporen aus (lesen Sie hier, wie ein Pilz genau funktioniert). Sie werden von den Springschwänzen mitgefressen und  später wieder ausgeschieden. Ebenso bleiben die Sporen an den Springschwänzen haften. Die urtümlichen Tierchen helfen den Bakterien, sich weiterzuverbreiten und neue Kolonien zu bilden. «Gliederfüsser im Boden formen die mikrobiellen Gemeinschaften im Boden mit», schreiben Paul Becher und sein Team.

Zweifellos sei das Ökosystem viel komplexer und die Interaktion zwischen den Bakterien und den Springschwänzen müsse noch in einem grösseren Zusammenhang untersucht werden. Doch der Geruch von Regen ist Teil eines Kreislaufs des Lebens, der sich seit Jahrtausenden unbemerkt im Boden abspielt. Und das macht ihn grad noch ein bisschen göttlicher, als er ohnehin schon ist.

Autor

Meret Signer

Meret Signer

Meret Signer ist «Tierwelt»-Online-Redaktorin, Biologin und Ornithologin. Genau so sehr wie Vögel liebt sie aber ihre flauschige Katze Redi, weswegen sie oft im Dilemma ist. Während Redi jedoch lieber zuhause faulenzt als auf die Jagd zu gehen, wandert Meret durch die Gebirge dieser Welt. Immer mit dabei: ihr Feldstecher.

Kommentare (1)