«... sonst wird das Mittelland irgendwann von Lärm überflutet»

Olten von oben

Olten ist eine der vielen lauten Städte des Mittellands – aber es gibt auch Orte der Ruhe.

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«Tranqullity Map»
Auch im lärmgeplagten Mittelland gibt es noch Orte der Ruhe. Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) hat sie gemeinsam mit Forschern der ETH Zürich gefunden und eine Karte erstellt – die «Tranquillity Map». SL-Geschäftsleiter Raimund Rodewald erklärt, warum man die Ruhe schützen sollte.

Verdichtete Städte, zersiedelte Vororte, Autobahnen, Nebel und vor allem: viel Lärm. Das Schweizer Mittelland geniesst einen doch eher zweifelhaften Ruf – auch bei seinen Bewohnerinnen und Bewohnern.

Dabei gibt es auch im Mittelland durchaus noch Orte der Ruhe. 53, um genau zu sein. Das sagt zumindest die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, die diese 53 Orte in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich ausfindig gemacht und eine «Tranquillity Map» für das Mittelland erstellt hat. Ihr Geschäftsleiter Raimund Rodewald erklärt, was es damit auf sich hat und warum die Ruhe ein schützenswertes Gut ist.

Herr Rodewald, wie ruhig muss man es sich in den «Tranquility-Gebieten» vorstellen?
Wir haben die Gebiete in Bezug auf akustische und visuelle Ruhe gestützt auf Kriterien aus einer englischen Vorgängerarbeit evaluiert. Das heisst, es ist dort auch für das Auge ruhig. Es gibt keine dominanten störenden Eingriffe der Zivilisation, keine Industrie, die Gebiete sind sehr naturbetont. Fast wie ein Stillleben.

Wie steht es um die akustische Ruhe?
Die Gebiete sind mindestens fünf Quadratkilometer gross und weisen einen Mindestabstand von 300 Metern zur nächsten Verkehrsachse oder zum nächsten Baugebiet aus. Es gibt natürlich auch keine grossen Strassen durch das Gebiet. Den Fluglärm allerdings haben wir bewusst aus unseren Berechnungen rausgenommen.

Wieso das?
Der Flugverkehr ist in diesem Jahr ohnehin vermindert. Das Corona-Jahr zeigt uns aber auch, dass der Tourismus die falsche Botschaft vermittelt. Man vermittelt Natur als Eventorte. Das Thema Ruhe ist im Tourismus inexistent. Es könnte sein, dass es in den Tranquiliy-Gebieten nördlich von Zürich im nächsten Jahr wieder lauter wird, wenn der Luftverkehr wieder zunimmt. Damit wollen wir auch zeigen, dass es beim Fluglärm um das Wohnen und die Erholung geht.

Raimund Rodewald

Nur ein Drittel der 53 Ruhegebiete liegt in einem Schutzgebiet. Gibt es Bestrebungen, auch die übrigen zu schützen?
Uns geht es erst einmal darum, die Qualität dieser Gebiete und die Ruhe in den Köpfen zu verankern. In ausgewählten Gebieten geht es auch darum, die Ruhe in der Ortsplanung zu sichern. Dabei arbeiten wir mit den jeweiligen Gemeinden zusammen. Da geht es aber nicht um Verbote, sondern um Sensibilisierung, zum Beispiel beim Bauen. Wir müssen diese Gebiete sichtbar und hörbar machen, sonst wird das Mittelland irgendwann vom Lärm überflutet. Längerfristig hoffen wir, dass es auch einmal eine nationale Schutzstrategie für die Ruhe geben wird.

Haben Sie keine Angst, dass die Ruhegebiete nun überrannt werden?
Diese Gefahr besteht natürlich immer. Allerdings ist das Mittelland kein Ort des Massentourismus. Wir wollen den Menschen jetzt zeigen, dass es vor ihren Haustüren Orte gibt, die ein wunderbares Landschaftserlebnis bieten und grosses Erholungspotential aufweisen. Dann sehen sie das Mittelland vielleicht auch mit etwas anderen Augen und schützen es besser.

Weitere Informationen zur «Tranquillity Map» gibt es hier. Details zu den Gebieten finden Sie unter «Tranquillity Map – Legende».

Autor

Meret Signer

Meret Signer

Meret Signer ist «Tierwelt»-Online-Redaktorin, Biologin und Ornithologin. Genau so sehr wie Vögel liebt sie aber ihre flauschige Katze Redi, weswegen sie oft im Dilemma ist. Während Redi jedoch lieber zuhause faulenzt als auf die Jagd zu gehen, wandert Meret durch die Gebirge dieser Welt. Immer mit dabei: ihr Feldstecher.

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