Wandern auf dem Passwang: Voll durch die Suppe

Wandern im Chasseral

Fernsicht ist sowieso überbewertet: Bei Nebel entdeckt der Wanderer alle paar Meter etwas Neues. Zum Beispiel die Teufelsküche, wo Höhlen und Kletterklötze auf Erkundung warten.

Matthias Gräub

Chasseral
Der Hochnebel treibt den Wanderer bergwärts. Aber der Jura ist nicht ganz hoch genug, um ihm zu entkommen. So verzaubern zumindest ein verwunschener Wald und eine teuflische Felsen­küche.

Ein paar Sonnenstrahlen sehen. Das war das Ziel des Wanderers an jenem Vormittag Mitte November. Gar kein so einfaches Unterfangen bei der Wetterlage, die zu dieser Zeit über der gesamten Schweiz liegt. «Halb Europa unter dickem Hochnebel»  titelt SRF Meteo an diesem Tag sogar. Der Fall ist klar: Es geht ab in die Höhe. Frühmorgens macht sich der Wanderer im Internet schlau, konsultiert über MeteoSchweiz die Prognosen und lernt in der «Meteocentrale» alles über die «potenzielle Hochnebelobergrenze». Die soll heute bei 900 – 1100 Metern liegen. Alles klar.

Klar könnte der Wanderer nun auf Nummer sicher gehen, mit dem Bähnli auf die Rigi oder den Niesen tuckern und von dort aufs Nebelmeer blicken. Aber er entscheidet sich für den Drahtseilakt knapp über der Nebelgrenze. Für die Gratwanderung auf dem Passwang.

Alle paar Schritte etwas Neues

Grund zur Skepsis bietet sich schon, als das Postauto den Passwang hinaufkurvt und erst kurz vor der Passhöhe die Nebellichter einschaltet. Als er den Wanderer entlässt, auf knapp 1000 Metern Höhe, fängt der Nebel gerade erst an. Das mit den 900 Metern Obergrenze wird heute nichts. Und zum Vogelberg, dem höchsten Punkt der geplanten Strecke, sind es nur noch 200 Höhenmeter weiter hinauf. Ob das reicht, um über die Nebeldecke zu kommen?

Bei einer Luftfeuchtigkeit von quasi 100 Prozent geht es mitten in die Suppe. Es ist, als würde es nieseln, nur von allen Seiten statt nur von oben. Der Autoparkplatz, der bestimmt für fünfzig Ausflüglerfamilien reichen würde, ist bis auf ein Hündelermobil leer. Rasch beginnt der Wanderer Gefallen am dichten Nebel zu finden. Von ihm geht etwas Mystisches aus, wenn er durch die nackten Äste der Buchen zieht. Vielleicht dreissig Meter weit ist die Sicht, so gibt es für das Auge alle paar Schritte etwas Neues zu entdecken. Etwa die drei Pferde auf der Weide, die genauso überrascht scheinen, plötzlich einem Menschen gegenüberzustehen.

Zielstrebig führt der Weg bergan, ohne unnötige Schlenker an einer Reihe Ahorn­skelette vorbei. Auf dem Feld beschimpfen sich unsichtbar ein paar Krähen. Irgendwo rattert ein Traktor, unmöglich zu sagen, wie weit weg. Der Nebel schluckt die Töne nicht, er dämpft sie. Auch die Schritte auf dem schütteren Asphaltsträsschen.

Es reicht nicht ganz

Bald taucht eine Antenne aus dem Nebel auf, nur noch fünfzig Höhenmeter bis zum Vogelberg. Der Wanderweg biegt ab auf eine Kuhweide, wo er sich verliert. Auch ohne Weg findet der Wanderer problemlos weiter; einfach immer bergauf, so schwierig ist das nicht. Noch ein Drehkreuz, dann ist der Grat erreicht. Ein Bänklein lädt zum Rasten ein, doch es ist nass und bietet heute keine Aussicht. Wenige Meter weiter geht es fast senkrecht hinunter und eine Kerze brennt für jemanden, den der Nebel hier verschluckt hat.

Hundert Meter weiter ist der höchste Punkt erreicht. Vogelberg, 1204 Meter. Der Nebel ist hier etwas dünner, bildet sich der Wanderer ein. Vielleicht blendet ihn sogar die Sonne ein kleines Bisschen hinter dem grauen Vorhang. Aber, um es in den Worten des einzigen entgegenkommenden Menschen zu sagen, der mit seinem Hund dasselbe vorhatte wie der Wanderer: «Es reicht nicht ganz.»

Die Melancholie, die mit der Gewissheit kommt, ist rasch überwunden. Die Wanderung auf dem Juragrat hat auch im Nebel ihre ganz eigene Faszination. Es geht jetzt im Wald bergab. Nicht besonders steil, aber rutschig ist das nasse Laub, das zentimeterdick am Boden liegt. Zum Glück ragen Tausende von Steinzacken aus dem Boden, die von der Jura­faltung zeugen. Winzige Panzersperren in einem 60-Grad-Winkel, die den Schuhen etwas Halt geben.

Zwischen den beiden Aufstiegen steht eine kleine Steinkapelle am Waldweg. Sie ist dem Heiligen Rochus gewidmet, dem Schutzpatron gegen Viehseuchen. Von unten, aus Mümliswil, hört man ein Schaf blöken und ein paar Kuhglocken läuten. Rochus scheint gute Arbeit zu leisten.

Route Passwang

Die Route:

Passwang – Vogelberg – Langenbruck. 13 Kilometer, rund 600 Höhenmeter, Niveaux T1 (bei Nässe recht rutschig, jedoch keine Absturzgefahr). Machbar in rund 4 Stunden (ohne Pausen).

Auf Route 32: «Via Surprise» bis Abzweigung «Chellenchöpfli». Danach den Wegweisern zu «Tüfelschuchi» folgen und letztlich hinunter nach Langenbruck.

Gleich zweimal in Teufels Küche

Noch einmal geht es aufwärts, diesmal steil und in Serpentinen. Dann ist auch das «Chellen­chöpfli» erreicht und mit ihm die Grenze zwischen den Kantonen Solothurn und Basel-Landschaft. Eine Panoramakarte mit Gipfelzeiger scheint sich über den Wanderer lustig zu machen, indem sie ihm verrät, was er hier alles sehen könnte, wäre er nicht heute hier: Mont Blanc, Jungfrau, Pilatus, Glärnisch.

Fünf Minuten und eine Kuhweide später steht der Wanderer auf der Hinteren Egg, mit 1169 Metern immerhin der höchste Punkt im Baselbiet. Dann geht es recht rasch wieder in Richtung Zivilisation. Ein Weg biegt rechts ab in Richtung des Weilers Sool. Der schlammige Boden vor einem grossen Bauernhaus schmatzt unter den Wanderschuhen. Ein Rotkehlchen stiebt aus dem Misthaufen, als wäre es beim Naschen ertappt worden. Es hat darin wohl Wärme und Insekten gesucht. Zuoberst auf dem Hügel steht eine einsame Windturbine und macht keinen Wank.

Etwas weiter, am Hauberg, lädt die «Tüfels­chuchi» zum Verweilen ein. Halb Hofladen, halb Partyraum für Teenager, so wirkt sie. Mit Festgarnitur und Ledersessel, mit ausgestopften Vögeln und Kässeli auf Vertrauensbasis, damit man hauseigene Bratwürste, Kafi­schnaps oder Veloschläuche kaufen kann. Nachdem der Nebel jedes Geräusch leiser gemacht hat, ist Bon Jovi aus dem Radiolautsprecher ein ziemlicher Kulturschock für den Wanderer, der sich deshalb rasch eine Trockenwurst ergattert und sich dann rasch wieder auf den Weg macht – auf den Weg in die wahre Teufelsküche.

Zehn Fussminuten weiter steht die nämlich im Wald: Eine Ansammlung von grossen Steinblöcken mit Höhlen, Ritzen und Furchen. Gut vorstellbar, dass der Teufel persönlich auf einer der Feuerstellen hier seine Suppe aufkocht – bestimmt ist es eine ganz besonders zähe Nebelsuppe.

Die Teufelsküche ist denn auch der Abschiedsgruss an die kantigen Juraklötze. Ab da wird das Land lieblicher. Immer waldabwärts führt der Pfad hinunter, ein letztes Mal über die Kantonsgrenze. Mit dem Slogan «Top of Baselland» begrüsst das Ziel der heutigen Route, Langenbruck,, den Wanderer. Auf Salutschüsse wartet er jedoch vergebens, obwohl mitten im Dorfkern eine Weltkriegs-Kanone steht. Sie gehört zum hiesigen Armeemuseum und zielt direkt über die Bushaltestelle hinweg. Der Wanderer duckt sich und hofft auf keinen plötzlichen Fehlschuss, zumindest bis das Postauto vorbeikommt.

Nützliche Tipps:

Wann? Wer die Nebelsuppe erleben möchte, tut gut daran, die Wanderung im Winter zu unternehmen. Idealerweise aber noch vor dem ersten grossen Schnee. Zu allen anderen Jahreszeiten ist das Panorama von Vogelberg und Chellenchöpfli toll.

Variante: Statt hinunter nach Langenbruck ab Vogelberg der Route 470 «Wasserfallen-Rundweg» folgen und anschliessend zurück zur Haltestelle «Passwang». 14 Kilometer, 800 Höhenmeter.

Anfahrt / Rückfahrt: Von Basel über Zwingen in einer Stunde auf den Passwang (07:37 oder 09:37). Von Solothurn via Oensingen und Balsthal in 45 Minuten (07:34 oder 09:34). Rückreise ab Langenbruck, Dorf alle 30 Minuten in beide Richtungen.

Verpflegen: Bergrestaurant Vogelberg (Mittwoch bis Sonntag), etwas abseits der Route: Berggasthaus Obere Wechten, Berggasthaus Hintere Wasserfallen (Ferien bis 6.12.). Rund um die Uhr offen: Hofladen «Tüfels­chuchi», Hauberg.

Autor

Matthias Gräub

Matthias Gräub

Matthias Gräub kümmert sich bei der «Tierwelt» um die Wildtiere. Wenn er nach Feierabend davon noch nicht genug hat, geht er seinen Tierlidrang mit Zoobesuchen, Waldspaziergängen und Wanderungen in der Natur nach. Könnte er auswählen, bestünden seine Berner Stadtmusikanten aus Alpaka, Luchs, Laufente und Nacktmull. Das gäb ein Konzert!

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