Ohne die Landwirte hätten wir keine Ackerflora in der Schweiz», stellt Jessica Käser unmissverständlich klar. Die Projektleiterin des Ackerflora-Projekts bei «wildform gmbh», gestartet vom Verein Hot Spots, ist keine Theoretikerin, die vom Schreibtisch aus Verordnungen erlässt. Für die Wald- und Landschaftsmanagementexpertin ist der Acker ein hochdynamischer Lebensraum, in welchem Produk-tion und Biodiversität kein Widerspruch sein dürfen. Seit 2018 setzt sie sich dafür ein, dass Pflanzen, die über Jahrtausende den Rhythmus des Pflügens begleitet haben, nicht endgültig aus der Landschaft ver-schwinden.
Der Anstoss für das aktuelle Engagement war ein Weckruf aus einem Ressourcenprojekt des Bundes-amtes für Umwelt (BAFU). Zwischen 2012 und 2017 wurden im Kanton Zürich gezielt ursprüngliche Populationen kartiert. Die Ergebnisse waren zweigeteilt: Einerseits gab es erfreuliche Funde wie den Frühen Roten Zahntrost, andererseits offenbarte die Suche, wie dramatisch es um die Ackerflora steht. «Sehr viele früher häufige Arten konnten kaum mehr gefunden werden, trotz der spezifischen Suche», erinnert sich Käser. Doch die Natur ist zäh. In ihrem Projekt hat Käser 46 Zielarten definiert – und bis auf zwei konnten alle tatsächlich wieder nachgewiesen werden. Besonders eine Entdeckung liess das Herz der Botanikerin höherschlagen: der Acker-Waldmeister (Asperula arvensis). Diese Art gilt in der Schweiz als vom Aussterben bedroht, und auch international steht es schlecht um sie. Ob und was auf einer Fläche wieder zum Vorschein kommt, hängt gleich von mehreren Faktoren ab: von der Samenbank im Boden, von der Nutzungsgeschichte – und davon, wie die Fläche heute bewirtschaftet wird. Besonders vielversprechend sind Standorte mit einer langen, aber unterbrochenen Ackertradition: Flächen, die bis etwa in die 1950er-Jahre als Acker genutzt wurden, seither als Wiese bestehen – also nicht mehr umgebrochen wurden – und nun erneut gepflügt werden. Sind die Samen im Boden noch vorhanden, zeigen sich die ersten Arten oft schon im ersten Jahr. Oder wie der Blaue Gauchheil erst vier Jahre nach der Extensivierung.
Doch solche Flächen sind selten geworden. Und selbst wenn es sie gibt, lassen sie sich nicht beliebig nutzen. «Viele Wiesen, die seit Jahrzehnten bestehen, haben heute einen hohen ökologischen Wert. Sie einfach umzubrechen – aus reiner Neugier, was sich im Boden verbirgt – verbietet sich.» Gerade das macht sie für die Forschung so interessant – und zugleich so schwer zugänglich.
Landwirte als Experten auf Augenhöhe
Der Erfolg des Projekts, das mittlerweile zahlreiche Flächen in den Kantonen Zürich und Schaffhausen umfasst, fusst auf der engen Kooperation mit den Bewirtschaftenden. «Betriebe, die noch Ackerflora auf ihren Flächen haben, sind oft offen dafür, spezifische Massnahmen zum Erhalt dieser besonderen Blumen auf ihren Feldern umzusetzen.» Käser sieht sich dabei eher als strategische Begleiterin: «Wir besprechen alles auf Augenhöhe. Ich leite zwar das ganze Projekt, auf den jeweiligen Flächen ist aber der Bewirtschafter oder die Bewirtschafterin die Fachperson.» Während Käser weiss, welche Bedingungen die Zielarten benötigen, erkennt hingegen der Landwirt sofort, wenn die Hauptkultur wie Weizen, Raps oder Dinkel eine Intervention benötigen, zum Beispiel eine Hofdüngergabe. Wirtschaftliche Einbussen werden durch Biodiversitätsbeiträge, etwa im Rahmen von Ackerschonstreifen und Vernetzungsbeiträgen, abgefedert. Denn: «Die Arten bleiben erhalten, solange die Betriebe mitmachen. Ohne das Engagement der Bewirtschaftenden sind sie sofort wieder weg.»
Dieses Engagement erfordert Mut zur Lücke – im wahrsten Sinne des Wortes. Entscheidend ist nämlich vor allem eines: Licht am Boden. Damit Licht an den Boden gelangt, muss lückiger gesät, weniger gedüngt und auf Herbizide verzichtet werden. Viele Arten finden sich deshalb bevorzugt an Feldrändern, wo die Vegetation lichter ist und genügend Helligkeit bis zur Bodenoberfläche gelangt. «Die klassische Ackerflora ist seit Jahrtausenden an die Bewirtschaftung mit dem Pflug angepasst – an den regelmässigen, jährlichen Umbruch. Sie ist darauf angewiesen. Bleibt diese Störung aus, schliesst sich die Vegetationsdecke rasch, es wird zu dunkel – und die Arten verschwinden», erklärt Käser. Genau deshalb lassen sich viele dieser Pflanzen auch nicht dauerhaft in Buntbrachen oder Säumen erhalten. Was auf den ersten Blick nach mehr Natur aussieht, entspricht nicht unbedingt ihren ökologischen Ansprüchen. «Eine zentrale Rolle spielt zudem die Fruchtfolge: Sie entscheidet darüber, wie sich Boden und Artenvielfalt langfristig entwickeln. Doch eine ausgewogene Fruchtfolge zu planen, ist anspruchsvoll – zu vielfältig sind die Anforderungen von Boden, Kulturpflanzen und Biodiversität.»
Ein Motor für Nützlinge
Die Ackerbegleitflora ist weit mehr als nur ein optischer Aufputz. Sie erfüllt handfeste ökologische Funktionen. «Sie sind die Basis für die Stabilität des Nahrungsnetzes», erklärt Käser. Die Pflanzen bedecken den Boden, schützen vor Erosion und unterdrücken invasive Arten. Viel entscheidender ist jedoch ihre Rolle für die Fauna. Insekten, die als Nützlinge fungieren, finden hier Nahrung und Lebensraum. Viele Hauptkulturen – allen voran Getreide – sind zwar windbestäubt. Für ihre Bestäubung spielen Insekten daher kaum eine Rolle. Doch sind Nützlinge alles andere als nebensächlich: Sie tragen dazu bei, Schädlinge in Schach zu halten und die Stabilität des Systems insgesamt zu fördern – ein oft unterschätzter, aber entscheidender Faktor in der landwirtschaftlichen Praxis.
Ein konkretes Beispiel ist das Zusammenspiel zwischen dem Kohlweissling und einer Schlupfwespenart. Letztere ist ein natürlicher Gegenspieler des Schädlings und hält sich bevorzugt auf Kornblumen auf. Auch bedrohte Tierarten der Agrarlandschaft wie die Feldlerche, die Wachtel oder der Feldhase profitieren. Die Pflanzen dienen ihnen als direkte Nahrungsquelle oder als Habitat für Insekten, die für die Aufzucht der Jungtiere essenziell sind. Studien zeigen, dass Gebiete mit einer reichen Ackerflora eine deutlich höhere Dichte an Feldlerchen aufweisen.
Die Herausforderung der Zukunft
Trotz der Erfolge bleibt die Förderung der Ackerflora ein Drahtseilakt. Ein grosses Problem ist der Konflikt zwischen Ackerfloraförderung und modernem Bodenschutz. Während Letzterer oft auf minimale Bodenbewegung setzt, benötigt die Ackerflora den jährlichen Umbruch durch den Pflug, um nicht im Dunkeln zu ersticken. Auch die Untersaat mit Klee bedeckt den Boden, um ihn vor Wind und Wetter zu schützen – nur bleibt so kein Raum für die oft eher zarten Ackerblumen. «Ohne eine wendende Bodenbewegung wird es oft schnell zu dunkel», so Käser. Deshalb funktionieren diese Arten auch nicht in Buntbrachen, die über mehrere Jahre stehen bleiben.
Ein weiteres Hindernis ist das schwindende Wissen. Selbst unter Fachbotanikern ist die Artenkenntnis dieser speziellen Pflanzengruppe oft lückenhaft. Wer das Potenzial für Ackerflora nicht erkennt, kann sie auch nicht fördern. Käser setzt daher auf Überzeugungsarbeit und das Erlebnis vor Ort. Skeptischen Landwirten rät sie, die Massnahmen einfach einmal für zwei Jahre auf einer geeigneten Fläche auszuprobieren. Denn am Ende ist es die emotionale Komponente, die zählt: «Es macht doch auch einem Skeptiker Freude, wenn plötzlich spannende Arten in den eigenen Flächen beobachtet werden können».
Auf einen Blick: Die Funktion der Ackerflora
- Bodenschutz: Die Pflanzen bieten eine natürliche Bodenbedeckung, die vor Erosion schützt und das Aufkommen invasiver Arten erschweren kann.
- Nahrungsquelle: Samen und Pflanzenteile sind wichtig für Feldhasen, Wachteln, Feldlerchen und weitere Lebenwesen.
- Nützlingsförderung: Ackerbegleitarten ziehen Insekten wie Schlupfwespen an, welche die Populationen von Schädlingen wie dem Kohlweissling regulieren können.
- Samenbank: Viele Arten können Jahrzehnte im Boden überdauern, benötigen aber Licht und regelmässigen Bodenumbruch, um wieder zu keimen.

