Frau Sturzenegger, Sie fotografieren vor allem Stadtlandschaften, Foodlandschaften und auch Alplandschaften. Wie unterscheidet oder ähnelt sich die Herangehensweise?
Dazu muss ich sagen, dass durch die sehr strickten Einreisekonditionen die Aufträge für Stadtfotografie momentan leider wegfallen. Denn ich habe hauptsächlich in asiatischen Städten gearbeitet, wo das Risiko noch immer zu hoch ist, wegen eines positiven Coronatests wochenlang festzusitzen. Was aber auch seine positiven Seiten hat – so erübrigen sich die langen klimaschädlichen Flugreisen. Allgemein kann ich sagen, dass bei den Stadt- und Foodproduktionen der Vorlauf viel grösser ist, da viel Konzeptarbeit im Zusammenspiel mit Agenturen oder Stadtführern notwendig ist. Bei Fotos im Bereich der Landwirtschaft kann ich viel spontaner agieren. Ich führe jeweils mit den Landwirten ein Vorgespräch und arbeite dann mit den Konditionen, die vor Ort anzutreffen sind.
Ihre Foodfotos sind meist knallbunt und verspielt, bei den Bildern mit landwirtschaftlichem Hintergrund scheinen Sie eher Ruhe und Harmonie vermitteln zu wollen. Stimmt dieser Eindruck?
Ja, das haben Sie ganz richtig erkannt. Ich selber mag es bunt und gestalte deshalb Produktionen, die ich selber konzipiere, gerne in den wildesten Farbkombinationen. Bei Aufträgen im Bereich der Landwirtschaft muss ich mit den vorhandenen Gegebenheiten arbeiten – hier bin nicht ich es, die gestaltet, sondern die Natur. Ich empfinde es als tollen Ausgleich, mich in diesen komplett unterschiedlichen Welten zu bewegen.
Wieso ist es Ihnen ein Anliegen, den Bezug der Tiere zu ihrem Lebensraum und den Menschen zu zeigen?
Meist bin ich auf Höfen unterwegs, die landschaftlich fantastisch gelegen sind. Deshalb finde ich es schön und wichtig, aufzuzeigen, wo die Tiere und Menschen, um die es geht, zu Hause sind. Mit meinen Fotos möchte ich die Betrachterinnen gluschtig machen, den Betrieben selber einen Besuch abzustatten und deren Produkte vor Ort zu geniessen.

Der Eingriff des Menschen als Nutzer des Tieres wird in Ihren Bildern thematisiert – jedoch auf eine sehr wertschätzende Weise.
Innovative Höfe finde ich spannend, wo man sehen kann, dass ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen den Haltern und ihren Tieren besteht. Man sollte nur Tiere halten, wenn man sie wirklich gerne hat und ihre Leistung schätzt. Sie nur als Produktionsmittel anzusehen, ist für mich nicht vertretbar.
Hier scheint ein Exkurs zur Massentierhaltungsinitiative angezeigt. Welche Position vertreten Sie?
Eine Änderung muss es geben, und zwar nicht nur in Bezug auf die Produktion von Lebensmitteln, sondern ganz allgemein in der Haltung unserer Gesellschaft zu fair hergestellten Produkten, für die es unbedingt einen angemessenen Preis zu bezahlen gilt. Wer Tiere isst, muss auch die Verantwortung für artgerechte Lebensbedingungen und einen ethisch korrekten Umgang mit ihnen übernehmen, bin ich der Meinung. Nur schon, dass durch diese Initiative der Diskurs eröffnet wurde, darüber, wie wir uns in Zukunft auf nachhaltige und möglichst tierfreundliche Weise ernähren wollen, ist ein wichtiger Schritt.
Zur Person
Tina Sturzenegger schloss ein Studium in Business Management ab und wandte sich danach als Autodidaktin der Fotografie zu. Mittlerweile ist sie eine international gefragte Werbe- und Reportagefotografin, die schon verschiedenste Auszeichnungen erhielt. Ihre Bilder finden sich in zahlreichen Buchpublikationen und werden öfters an Ausstellungen präsentiert. Für Aufträge im Bereich Foodfotografie kreiert sie in ihrem Zuger Studio knallbunte Welten. Genauso gerne besucht sie Höfe, um die dort lebenden Tiere und Menschen zu porträtieren. tinasturzenegger.com

Weshalb ist es Ihnen bei der Abbildung von Lebensmitteln wichtig, deren Herkunft und den Produktionsweg miteinzubeziehen?
Ich stehe ein für regionale Produkte mit einem kurzen Produktionsweg. Tiere Hunderte von Kilometern zu transportieren, um sie in einem grossen Schlacht-betrieb zu töten, finde ich wirklich verwerflich. Die Konsumentinnen sollen sehen, wie nachhaltig und wertschätzend der Natur und den Tieren gegenüber die Produkte hergestellt sind, die ich zeige.
Auf Ihren Fotos weiden Kühe vor traumhafter Bergkulisse, Landwirte kuscheln mit Ziegen – zeichnen Sie nicht ein gar romantisches Bild vom Landleben?
Die Szenerien, die ich antreffe, sind halt meistens einfach surreal schön. Mit meinem geschulten Auge weiss ich dann durch den gewählten Ausschnitt und die Bildkomposition den optimalen Effekt herauszuarbeiten. Die Bilder dürfen meiner Meinung nach ruhig die kitschig-schönen Momente wiedergeben, wie ich sie selber erlebe. Fotos jedoch für Werbezwecke zu manipulieren und zu instrumentalisieren, um dadurch Schönfärberei zu betreiben, käme für mich nie infrage.

Was für einen Bezug haben Sie selbst zu Tieren?
Tiere bedeuten mir schon seit Kindesbeinen unglaublich viel. Mich begleitet meine Hündin Finchen durch den Alltag, die ich vor Jahren aus dem Tierheim zu mir geholt habe. 2016 konnte ich erstmals mit dem renommierten Essensforscher Dominik Flammer zusammenarbeiten, der für seine Projekte jeweils einen engen Austausch zu Landwirten und Produzentinnen pflegt, und bin so Schritt für Schritt in diese Welt eingetaucht. Nicht nur die Zusammenarbeit mit den Tieren finde ich wunderschön, sondern auch der Austausch mit den Landwirtinnen ist für mich jeweils unglaublich wertvoll – das sind immer sehr spannende Persönlichkeiten, die ich kennenlernen darf und mit denen ich dann inspirierende Gespräche über ihre Tätigkeit führen kann.
Auf diesen Bezug zu den fotografierten Tieren und Menschen zielt meine nächste Frage ab. Einerseits erstellen Sie Porträts von Menschen, andererseits von Tieren. Wo liegen jeweils die Herausforderungen?
Zu den Menschen kann ich gut über Gespräche ein Verhältnis aufbauen. Meist treffe ich wie gesagt auf sehr offene Persönlichkeiten, mit denen ich meine Ideen austauschen kann. Mit Tieren ist es da etwas komplizierter. Hat eine Kuh keinen Bock, vor meine Kamera zu stehen, dann hat sie wirklich null Bock, da lässt sich dann nicht viel machen. Mit Tieren klappt ein Fotoshooting daher nicht immer wie geplant. Diesen Sommer wollte ich festhalten, wie eine Ziegenherde übermütig aus dem Stall hüpft. Doch es war so heiss, dass sich kein einziges Tier nach draussen bewegte, die wollten viel lieber im kühlen Stall verweilen. In der Zusammenarbeit mit Tieren sollte niemals etwas erzwungen werden; wenn sich nicht das geplante Motiv realisieren lässt, bietet sich sicher ein anderes Sujet für tolle Bilder an.
Die mit Blumenkränzen geschmückten Kühe, Schafe und Ziegen scheinen sich zu gefallen. Wie haben Sie das Verhalten der Tiere bei dem Shooting wahr-genommen? Können Sie uns etwas über Vorbereitung und Ablauf dieses Fotoprojekts verraten?
Ich arbeite immer eng mit den Tierbesitzern zusammen. Diese helfen mir bei der Auswahl der Tiere, die gerne für solche Spässe zu haben sind. Die Tiere tragen zwar kein Halfter, sie werden aber von zwei Personen links und rechts mit einem Führstrick, der um die Brust gelegt ist, festgehalten. Einige Tiere finden das Setting mit einem Kränzchen auf dem Kopf lässig, andere nerven sich schnell darüber, etwas auf dem Kopf zu tragen. Sobald ich bemerke, dass ein Tier genervt oder gestresst ist, brechen ich sofort ab. Das Shooting findet jeweils im Stall, also in der gewohnten Umgebung der Tiere statt, und ihre Kollegen sind in Sichtweite. Da die Aufmerksamkeitsspanne der Tiere nur kurz ist, muss das Bild jeweils in fünf bis zehn Minuten im Kasten sein. Danach mache ich mich ans Bearbeiten der Bilder, etwa, indem ich alle Staubkörnchen raus retuschiere. Das sind dann nochmals gut fünf Stunden Arbeit. Ich liebe diese Tätigkeit, mit etwas Musik im Hintergrund ist das wie Zenmeditation.

Gibt es Aufträge im Bereich Tiere/Lebensmittel, die sie nicht realisieren würden, etwa aus ethischen Gründen?
Für ein Fotoprojekt zum Grossschlachter zu gehen, würde ich nicht übers Herz bringen. Und für Biozide eines Grosskonzerns Werbeaufnahmen zu machen, ginge mir auch komplett gegen den Strich. Mit meinen Fotos präsentiere ich Demeter- oder Bioprodukte, und in dieser Aussage möchte ich mich nicht widersprechen. Würde ich nun plötzlich für einen Hersteller werben, der völlig entgegengesetzte Werte vertritt, erschiene meine Arbeit auch nicht mehr glaubhaft. Die Aspekte Tierwohl und Nachhaltigkeit müssen für mich erfüllt sein, sonst nehme ich einen Auftrag sicher nicht an. Glücklicherweise bin ich in der komfortablen Lage, so entscheiden zu können.
Sie fotografieren Ziegen, Schafe und Kühe. Was fasziniert Sie an Nutztieren mehr als an Heim- oder Wildtieren?
Oft werden Nutztiere wie Produkte betrachtet. Dabei ist eine Bündner Strahlenziege oder ein Rätisches Grauvieh doch so wunderhübsch. Natürlich sind Katzen oder Zebras auch sehr schön. Doch diese Tiere haben eine genügend grosse Bühne. Ich möchte mich lieber für die Sichtbarkeit und Wertschätzung unserer Nutztiere einsetzen.


