Im ostaargauischen Dreieck von Brugg, Turgi und Klingnau befindet sich ein natürliches Mosaik aus Flussarmen, Kiesflächen, Wäldern, extensiven Wiesen und Weihern. Geformt wurde diese Auenlandschaft durch den Zusammenfluss der drei grossen Schweizer Flüsse Aare, Reuss und Limmat. Seit den 1970er-Jahren, als Bemühungen aufkamen, diese so einzigartige Landschaft unter Schutz zu stellen, hat sich für das Gebiet der Begriff «Wasserschloss der Schweiz» etabliert. Die insgesamt 392 Hektaren grosse Naturoase ist im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung aufgenommen und steht unter dem Schutz des Kantons Aargau und der Naturschutzorganisation Pro Natura.
Dank Renaturierungsprojekten, die 1994 starteten, entwickelte sich das Feuchtgebiet zu einem Lebensraum mit enormer Artenvielfalt. Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung sind hier angesiedelt, etwa eine intakte Population des stark gefährdeten Laubfrosches. Die Nassmulden sind Standorte für viele bedrohte Pflanzenarten, wie etwa der Eiförmigen Teichbinse. Die Strömung und die Uferbeschaffenheit bei der Vereinigung der drei Flüsse bieten vielen Fischen günstige Fortpflanzungsbedingungen, und seltene Libellen-arten, wie die Grüne Flussjungfer, finden hier einen idealen Lebensraum.

In den Auen sind selten gewordene Waldgesellschaften wie der Silberweidenauenwald anzutreffen und auf diese Habitate spezialisierte Vogelarten. So findet der Mittelspecht ideale Brutmöglichkeiten und der Eisvogel baut in die Uferanrisse seine Brutröhren. Auf den trockenen Wiesen finden Schmetterlinge wie die Italienische Schönschrecke und verschiedene Reptilienarten ein optimales Umfeld. Und auch wir Menschen dürfen diese eigentümliche Landschaft, die teils an einen Urwald erinnert, für Spaziergänge, ein erfrischendes Bad oder eine Kajaktour nutzen.
Nutzung des Rohstoffes Wasser
Früher wurde das Wasserschloss nicht als Erholungsgebiet angesehen. Das Flussnetz diente von der Römerzeit bis ins 19. Jahrhundert als Transportweg und bildete wichtige Handelsrouten von Bern und Zürich nach Norden bis zum Rhein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren hier sogar riesige Hafenanlagen und Schifffahrtswege vorgesehen, denn man wollte die Binnenschifffahrt ausbauen. Aufgrund der horrenden Projektierungskosten sowie des fehlenden Nutzens wurde diese Vision aufgegeben.
Flüsse bieten nicht nur zum Transport von Waren, sondern auch zu deren Herstellung gute Bedingungen. Fabrikkanäle mit Schwellen und Wehren, die mittlerweile allerdings renaturiert wurden, und historische Fabrikanlagen zeugen davon, wie stark die Wasserkraft im Wasserschloss zu Beginn des Industriezeitalters genutzt wurde. Und die fruchtbaren Böden in der Ebene boten sich an für eine intensive landwirtschaftliche Inanspruchnahme.

Der Mattenhof gehört zu den Bauernhöfen, die vom ertragreichen Land in dieser Gegend profitieren. Etwas nördlich des Wasserschlosses, in der Reussebene zwischen Jonen und Oberlunkhofen, liegt der von Claudia Stohler und Michael Rüttimann in dritter Generation geführte Familienbetrieb. Seit jeher ist der 57 Hektaren umfassende Hof auf Milchwirtschaft, Futter- und Ackerbau ausgelegt.
Zwischen den Hofgebäuden bis zur ebenmässig dahinfliessenden Reuss erstreckt sich eine weite Ebene.Regelmässig, also etwa alle fünf bis sieben Jahre, tritt jedoch der Fluss über die Ufer und überflutet die Felder des Mattenhofes. Auch der schwere und undurchlässige Boden machte die Nutzung als Ackerfläche nicht einfach. Wertvolles Getreide ging buchstäblich den Bach hinunter. Den Humor verlor Michael Rüttimann indes nicht. «Irgendwann witzelten wir, dass unsere gefluteten Felder ideal wären, um darauf Nassreis anzubauen. 2021 setzen wir diese verrückte Idee erstmals um.» Bestärkt durch die Faustregel: Je schlechter ein Boden für den Ackerbau geeignet ist, desto besser eignet er sich für den Reisanbau.
Die Allerersten mit dieser unorthodoxen Idee waren die Mattenhof-Betreiber allerdings nicht. Insgesamt gibt es schweizweit momentan 14 Reisproduzenten. Sechs davon, also rund die Hälfte, befinden sich im Aargau. Jeweils in Gewässernähe, die meisten an der Reuss. Auch im Bereich zwischen Bieler- und Neuenburgersee gibt es einige Produzenten und dann noch im Wallis und verstreut in der übrigen Schweiz.
Mit Reis zum Erfolg
«Wir hier in der Deutschschweiz sind der nördlichste Punkt für den Reisanbau», so Michael Rüttimann.Trockenreis würde bei diesen niedrigen Temperaturen nicht reifen. Nur im sonnigen Tessin kann diese Reisvariante angebaut werden. Auch der Nassreis ist sehr wärmeliebend. Das Wasser fungiert bei dieser Anbauvariante als Energiespeicher. Es heizt sich über den Tag auf und gibt während den kälteren Nächten dann die gespeicherte Wärme an die Pflanzen ab. Somit kann relativ konstant ein mildes Klima beibehalten werden.
Ein weiterer Vorteil von Nassreisanbau ist, dass der Unkrautdruck allein durch die Flutung der Felder gut gemanagt werden kann. So können unerwünschte Konkurrenten der Reispflanze erst gar nicht wachsen. Wichtig ist aber, die Felder konstant unter Wasser zu halten und nicht nur temporär zu fluten. Denn die Hirse, der ärgste Feind des Reises, kann auch im Wasser wachsen, jedoch nicht spriessen.

Voraussetzung ist ein topfebenes Feld, denn der Boden muss auf einen Zentimeter genau nivelliert werden. Nur so kann die Wasserhöhe durchgängig gleich hoch gehalten werden. Auch die unmittelbare Nähe eines Gewässers sollte gegeben sein. «Wir müssen das Wasser nämlich in die Felder hineinpumpen»,erklärt Michael Rüttimann. Die Reussebene ist deshalb der ideale Standort für Nassreisfelder. «Aktuell bauen wir auf einem Feld mit der Grösse von 70 Aren Reis an. Natürlich auf unserer allerschlechtesten Ackerfläche», sagt der Hofbesitzer mit einem Schmunzeln.
2023 ist das dritte Jahr, in dem die Betreiber des Mattenhofes auch auf Reis setzen. «2022 reifte eine Rekordernte heran dank des milden Sommers. Doch 2021 mussten wir die Ernte fast komplett abschreiben. Der Sommer war viel zu kalt und zu nass.» Der Reis-ertrag war 2022 fast viermal höher als im ersten Jahr.
Hoch genug kann die Ernte indes fast nicht ausfallen. «Die Nachfrage nach unserem Reis ist wirklich gross.Wir verschicken ihn quer durch die ganz Schweiz», so der Aargauer Landwirt. Die Ernte 2023 sei bereits zu 50 Prozent vorreserviert. Im ersten Jahr waren es ausschliesslich Privatpersonen, die den Reis der Sorte Loto erwarben. Vergangenes Jahr wurde auch die Spitzengastronomie auf den Reusstaler Reis aufmerksam. «Wir bekommen sehr gutes Feedback von Spitzenköchen wie Fabian Fuchs. So sind wir mit unserem Reis in die Sterneküche reingerutscht», sagt Michael Rüttiman.
Erstaunen und eine grosse Portion Stolz schwingen in seiner Stimme mit, wenn er vom fast schon kometenhaften Erfolg seiner Schnapsidee erzählt. In einer Dorfbeiz wird man den Reis aus dem Aargau allerdings nicht finden, dafür ist er zu hochpreisig. Der Geschenkbeutel mit einem Kilogramm des Risottoreises wird auf der hofeigenen Website für 18 Franken angeboten. «Unser Reis wird auch von tollen Wiederverkäufern vermarktet, etwa vom Globus oder von der neu eröffneten Markthalle in Luzern.»
«Spannend finde ich am Reisanbau die Zweinutzung: Wir haben die Ernte und können die Biodiversität erhöhen.»
Herausfordernd war das Abenteuer Reisanbau aber schon. «Schwierig war, dass wir mit null Erfahrung gestartet sind», so der innovative Betriebsleiter. «Weder in der Veredelung, also dem Trocknen, Entspelzen, Polieren und Abpacken, noch in der Vermarktung hatten wir Kenntnisse. Wir konnten aber die wenigen Personen mit Erfahrung ausfindig machen und gemeinsam die Verarbeitung angehen.» In der Interessengemeinschaft (IG) Aargauer Reis bestehe eine sehr wertvolle Austauschplattform für die sechs Aargauer Produzenten. Über die IG wurden auch die Maschinen zur Aussaat und Ernte angeschafft. Diese mussten aus Asien importiert werden. Der Reisanbau wird zudem von einem Forschungsprojekt von Agroscope begleitet. Dieser Austausch sei sehr fruchtbar, so Rüttimann.
«Besonders schön und spannend finde ich am Reisanbau die Zweinutzung: Einerseits haben wir die Ernte und andererseits können wir auf der gleichen Fläche die Biodiversität erhöhen.» Bereits im ersten Jahr konnten sie zahlreiche Libellen, Frösche und Enten auf dem Reisfeld beobachten, erzählt Michael Rüttimann. Das unter Wasser gesetzte Feld liegt zwischen zwei Naturschutzflächen und ist daher optimal gelegen für die Biodiversitätssteigerung. Die Standorte wurden gemeinsam mit der Stiftung Reusstal bewusst gewählt.

Tierische Auenpfleger
In den Auen des Wasserschlosses tummeln sich noch weitaus grössere Tiere. Auch sie verhelfen dem Gebiet zu mehr Artenvielfalt. Bei den asiatischen Wasser-büffeln, die zwischen Anfang Mai und Ende Oktober die Wiesen mit dem struppigen Gras durchstreifen, handelt es sich jedoch nicht um Wildtiere, sondern um landwirtschaftliche Nutztiere. Ihr Winterquartier haben die schwarzen Büffel auf dem Brunnenhof an erhöhter Lage in Sins mit Blick auf ihre sommerliche Wirkungsstätte, den Auenpark Sins-Reussegg.
Als ein Kollege vor 15 Jahren nicht die üblichen rot-weissen oder grauen Kälber zur Aufzucht auf den Brunnenhof brachte, sondern kleine schwarze Büffel, kamen Josef und Edith Villiger erstmals mit dieser Art von Rindern in Kontakt. Sie fanden Gefallen an den dickhäutigen und auch ganz schön dickköpfigen Tieren und sagten sich: «Der Grossteil des Mozzarellas wird aus Italien importiert, wo es um die Haltung der Büffel oft nicht zum Besten steht.
Dieses Produkt können wir auch bei uns herstellen und dazu den wasserliebenden Rindern optimale Bedingungen bieten.» Wasserbüffel brauchen ab einer Temperatur von 25 Grad Celsius eine Abkühlung, da ihre Haut kaum Schweissdrüsen aufweist. Diese finden sie auf dem Brunnenhof in einem speziell für die Tiere angelegten Büffelpool oder unten im Feuchtgebiet rund um das Wasserschloss.

Ihrem Bedürfnis, sich im Wasser und Schlamm zu suhlen, können die Büffel dort bestens nachgehen und somit fühlen sie sich in den Auen puddelwohl. Mit ihren breiten Klauen können sie sich gut im Schlamm fortbewegen, schädigen den Boden aber nicht. Indem sie die rauen Schilfgräser abweiden, sorgen die dunklen Rinder mit den massiven Hörnern für die Erhaltung der Auenlebensräume, gewähren eine angepasste Pflege und schaffen zusätzliche Strukturen.
Eine Verlandung der Auen kann durch diese Art der Beweidung verhindert werden. «Auf Anfrage vom Kanton Aargau und Pro Natura weiden beim Klingnauer Stausee jeweils acht unserer Wasserbüffel, im Gebiet des Flachsees eine Gruppe von bis zu 25 Tieren und im Auenpark Sins-Reussegg nochmals acht Büffel», erzählt Josef Villiger. Rund 40 Hektaren Auengebiet beweiden so jeweils 40 von Villigers insgesamt 100 Tieren.
Auf einem Spaziergang durchs Wasserschloss kann es also durchaus sein, dass man von neugierigen Büffeln beäugt wird. Sie bewegen sich jedoch immer in einer eingezäunten Weide. «Selbst gegen das Wasser hinmüssen wir jeweils gut zäunen, denn für die Wasserbüffel wäre es ein Leichtes, die Reuss zu durchqueren – sie sind sehr gute Schwimmer», so der Besitzer.Wasserbüffel sind sehr robust und können, anders als unsere einheimischen Rinder, mit dem rauen Futterangebot in den Auen auszukommen. Die Schilfgräser vermögen sie zu verwerten und in Milch oder Fleisch umzuwandeln.
«Wasserbüffel können, anders als einheimische Rinder, mit dem rauen Schilfgras in den Auen auskommen.»
«Die Milchleistung ist dreimal tiefer als bei einer Milchkuh, dafür hat die Milch die doppelte Menge an Inhaltsstoffen», so Josef Villiger. Verschiedene lokale Kleinkäsereien verarbeiten die Büffelmilch zu Spezialitäten wie Mozzarella, Aargauer Büffelkäse oder Buffolino-Weichkäse. Auch die Mastdauer ist mit zwei Jahren länger als bei gewöhnlichen Fleischrindern. Rund 50 Büffel bringt Villiger jährlich in eine Spezialmetzgerei. Dreiviertel des Fleisches wird dann über die Metzgerei verkauft und der Rest der Steaks, Burger, Salamettli und Landjäger werden direkt im Hofladen angeboten.
Optimale Kombination von Nutzung und Schutz
«Die Vermarktung der Büffelprodukte ist eine Herausforderung, gerade weil sie aufgrund der sehr extensiven Haltung in eine hohe Preiskategorie fallen», sagt Josef Villiger. Und die Nachfrage nach Mozzarella ist sehr saisonal. Derzeit gibt es in der Schweiz 25 Landwirte, die eine grössere Herde halten, und nochmals ebenso viele Hobbyhalter mit einigen wenigen der schwarzen Büffel. 1996 wurden die ersten Wasserbüffel aus Rumänien und Italien in die Schweiz importiert. In Europa ist diese Rasse jedoch bereits seit 600 Jahren anzutreffen. Er würde den Umstieg auf seine Büffel keinesfalls bereuen, erklärt der Sinser. «Mich fasziniert ihr neugieriger und freundlicher Charakter und ihr toller Ausdruck.» Zudem sind die Büffel sehr langlebig und haben kaum gesundheitliche Probleme.

Und auch die Kinder, welche den Brunnenhof jeweils im Rahmen des Angebotes «Schule auf dem Bauernhof» besuchen, sind den mächtigen dunklen Rindern nach einer anfänglichen Skepsis meist richtiggehend verfallen. «Im Sommer, wenn sich die Wasserbüffel abkühlen, kommt es hin und wieder sogar vor, dass besonders mutige kleine Zweibeiner sich kurzum ihrer Kleider entledigen und zu den Büffeln in den Pool springen», sagt Josef Villiger und kann ein Schmunzeln kaum unterdrücken. Die Anwesenheit der Charakterköpfe erfreut somit nicht nur uns Menschen, sondern auch die Fauna und Flora der Auenlandschaft.
Diese zwei innovativen Projekte beweisen, dass Landwirtschaft und Naturschutz im Wasserschloss Hand in Hand gehen. Die extensive Weidelandschaft bietet eine spezielle Atmosphäre und vor allem können die typischen Lebensräume des Auengebietes wie zum Beispiel Riedwiesen und Weiherlandschaften erhalten und gefördert werden.

