Lockenkopf ohne Schottenrock
Schottische Rinder und ihre vielfältige Nutzung in der Schweiz
Schottische Rinder – da schlendern bei den meisten die zotteligen Hochlandrinder vor dem inneren Auge umher. Es gibt aber noch weitere Rinderrassen von der britischen Insel, die nicht nur hübsch anzusehen, sondern auch vielfältig in der Nutzung sind.
Die Atemluft, die aus den Nüstern des braunen Kalbes strömt, vermischt sich mit dem Herbstnebel. Doch weder die Kälte noch der Nieselregen des Novembermorgens scheinen das Tier zu stören. Gemeinsam mit einem guten Dutzend gleichaltrigen Kollegen wuselt es zwischen den Mutterkühen umher. Die Herde aus schwarzen (black), blonden (dun) und braunen Galloways geniesst den Auslauf auf der Weide auch an diesem trüben Morgen. «Unser Ziel ist es, die Rinder möglichst an 365 Tagen im Jahr ins Freie zu lassen», sagt Jonathan Kobel. Die Schotten seien sich garstiges Wetter gewohnt und fühlten sich selbst bei Schnee pudelwohl draussen. Die Nacht verbringen die insgesamt 92 Galloways jeweils im simpel und offen konstruierten Freilaufstall.
Von Schottland nach Kleinhöchstetten
Auf zwei Standorten in Kleinhöchstetten (BE) und im hügeligen Emmental halten Jonathan und seine Frau Michèle Kobel die hornlosen Rinder aus dem Südwesten Schottlands mit dem gelockten Fell, das sogar die Ohren ausfüllt. Dafürstehen ihnen 40 Hektaren Grünland zur Verfügung. Ackerbau betreiben die Berner keinen. Doch ein ökologischer Strohersatz steht hier am Ufer der Aare zur Verfügung – Kobels nutzen das Schilf des nahen Naturschutzgebietes als Einstreu.
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«Die Robustheit und das friedliche Wesen überzeugen uns an der Rasse», so Jonathan Kobel. Galloways können ganzjährig draussen gehalten werden, sie benötigen nur eine ganz einfache Infrastruktur, die Fütterung ist extensiv und selbst an steilen Hängen bewegen sich die nur rund 120 Zentimeter hohen Tiere behände, ohne grosse Schäden in der Grasnarbe zu hinterlassen. Mit Galloways sei eine naturnahe Rinderhaltung möglich, hinter der sie stehen können. Aber natürlich habe auch der freundliche, schöne Ausdruck und das ruhige Wesen dieser Rinder dafür gesorgt, dass sie sich keine andere Rasse mehr auf ihrem Hof vorstellen können, sagt der Landwirt mit einem Schmunzeln. Der Name Galloway bedeutet übrigens «fremde Gaelen», womit die Kelten gemeint sind, mit denen die Ahnen dieser Rinder nach Schottland kamen.
Simple Haltung – anspruchsvolle Vermarktung
So simpel die Haltung der Schotten ist, die auch inattraktiven Färbungen, mit einem weissen Band in der Körpermitte bei sonst braunem oder schwarzem Fell (belted), mit schwarzen Ohren und schwarzem Flotzmaul bei sonst weissem Fell (white) oder gesprenkelt (riggit) daherkommen, rentabel mit ihnen wirtschaften zu können, sei dennoch nicht einfach, so Jonathan Kobel. Viele der schweizweit 709 im Herdebuch eingetragenen Kühe (Stand 2020) werden hobbymässig gehalten. Die Tiere wachsen bei der für sie passenden extensiven Fütterung nur langsam und werden deshalb erst mit rund zwei Jahren schlachtreif. Dafür überzeugt das Fleisch mit einem gehaltvollen Aroma. «Galloways werden eine Nischenrasse bleiben. Sie haben ein riesiges Potenzial, aber vermarkten muss man die Tiere selber können.»
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Die Eltern von Jonathan Kobel haben das noch nicht mit einem so ausgefeilten Konzept umgesetzt, wie es heute sein Sohn und dessen Frau tun. Bis 1995 standen noch Milchkühe auf dem Hof in Kleinhöchstetten. Dann hätten seine Eltern eine Dokumentation über die schottischen Rinder im Fernsehen gesehen und sich sofort in die Wuschelköpfe verguckt. Als sie noch im selben Jahr nach Deutschland reisten und eine Herde von rund 20 Tieren importierten, gehörten sie zu den allerersten Galloway-Haltern in der Schweiz. Sukzessive bauten Jonathan Kobels Eltern die Herde aus, handelten viel mit Zuchttieren und setzten für den Fleischverkauf auf die Direktvermarktung.
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Diese hat die junge Generation stark ausgebaut, seit sie 2015 den Betrieb übernahmen. Das Ehepaar Kobel legt viel Wert auf ein professionelles Marketing und ein attraktives Erscheinungsbild all ihrer Produkte. Aus dem Kobel’s Hof wurde ein Brand, dessen Design vom Flyer über die Fleischverpackung bis hin zum Hofladen in einer Linie gehalten ist.
Die finanziell beträchtlichen Investitionen ins Marketing zahlen sich nun aus. «Wir haben viele regionale Privat- und Gastronomiekunden, und selbst ins Wallis oder nach Basel versenden wir unsere Mischpakete, Einzelstücke und Trockenwürste», sagt Jonathan Kobel.
Ganzheitlich und divers
Den Kobels ist es wichtig, transparent zu zeigen, wie sie ihre Tiere halten, und sie wollen nicht nur die Edelstücke, sondern das ganze Tier verwerten. Das brachte sie auf die Idee, auch das Fell sowie das Leder ihrer Galloways zu nutzen. Im Winter wird das dichte und lange Fell zu Teppichen, Sitzkissen oder Taschen verarbeitet und im Sommer entstehen aus dem Leder Schreibtischunterlagen, Portemonnaies, Gürtel oder Schlüsselanhänger. Das Gerben übernimmt eine Gerberei im nahen Steffisburg, die Lederstücke werden von verschiedenen lokalen Sattlerinnen oder in der Strafanstalt Thorberg verarbeitet. «Wenn ich die ganze Geschichte hinter einem Produkt erzählen kann und die gesamte Produktion in der nächsten Umgebung stattfindet, sind die Kunden auch bereit, etwas tiefer in die Tasche zu greifen.»
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Galloways als Biodiversitätsförderer
Noch ein weiterer Betriebszweig haben sich die Landwirte mit ihren Galloway-Rindern eröffnet: denjenigen als Biodiversitätsförderer. An rund sieben Standorten beweiden die lockigen Schotten private Grünanlagen, Naturschutzgebiete oder Flächen, die dem Kanton gehören. So kann die Landschaft natürlich, schonend und kostengünstig gepflegt werden und die unkomplizierten Rinder verputzen sogar Neophyten. Die Kobels wiederum profitieren von der zusätzlichen Futtergrundlage und dem Werbeeffekt, wenn die Galloways auswärts auf sich aufmerksam machen.
Damit die Rinder an die verschiedenen Standorte gelangen, müssen sie im Anhänger fahren. «Da wir von Anfang an daran arbeiten, dass unsere Tiere zahm und zutraulich sind, funktioniert der Transport auf die Grünflächen oder zum Schlachthof absolut ruhig und stressfrei», so Jonathan Kobel. Der menschenbezogene und gutmütige Charakter sei für ihn ein grosser Pluspunkt. Allerdings ist der Mutterinstinkt bei dieser Robustrasse gut ausgeprägt. Es ist also klüger, wenn wir uns nicht zu den umhertollenden Kälbern und ihren Müttern auf die Herbstweide begeben, sondern das friedliche Treiben hinter dem schützenden Zaun beobachten.
Weitere Schottenrinder
Highland Cattle
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Die zotteligen Rinder mit den ausladenden Hörnern gehören zu den auffälligsten Exportschlagern der britischen Insel. Seit mehr als 150 Jahren wird die Rasse aus dem Norden Schottlands und den vorgelagerten Inseln in unveränderter Form gezüchtet und ist heute weltweit verbreitet. Die spätreifen Hochlandrinder sind bestens an ein karges Futterangebot und auch nass-kalte Witterungsbedingungen angepasst.
Native Aberdeen Angus
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Sehr raschwüchsig und frühreif gehören die Angus heute zu den beliebtesten Fleischrinderrassen. Nicht nur in der Schweiz und in Europa, vor allem auch in den USA trifft man die schwarzen oder roten, immer hornlosen Angus sehr häufig an. Ihren Siegeszug traten die Native Aberdeen Angus von Ostschottland aus an, wo sie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gezüchtet werden.
Luing
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Die Luing-Zucht wurde 1947 auf der westlich von Schottland vorgelagerten, gleichnamigen Insel gegründet. Luing-Rinder sind eine Kreuzung von Beef Shorthorn mit Highland Cattle, 1965 wurden sie als eigenständige Rasse anerkannt. Die Tiere sind meist rot-bräunlich gefärbt, von kleiner bis mittelgrosser Statur und hornlos. In der Schweiz sind (Stand 2020) nur 165 der robusten und ruhigen Luing eingetragen.
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