Ausflugstipp
Wanderung mit Geschichte: Jakobsweg und Beatushöhlen erleben
Der Jakobsweg entlang dem sonnseitigen, milden Thunerseeufer ist ein Wanderweg für alle, die ein Stück eines Europaweges, Spuren eines kulturellen und religiösen Erbes und alte Sagen kennenlernen möchten.
Keine Sorge, auch ohne Pilgerhut und -stab, ohne priesterliches Empfehlungsschreiben und ohne dass Sie zuvor Ihr Testament abfassen, sind Sie auf dem Jakobsweg am Thunersee willkommen und sicher. Wir leben glücklicherweise nicht mehr im 15. Jahrhundert, der Blütezeit der Jakobspilger, als jede Reise ein recht entbehrungs- und risikoreiches Unternehmen war, wo Krankheiten und Räuber lauerten, schmuddelige Herbergen kein sicheres Dach bedeuteten und keine Wanderwege von Betreuern kontrolliert, beschildert und unterhalten wurden.
Wir können unbeschwert aufbrechen, zum reinen Genuss oder wie ehemals zu einer ernst gemeinten Pilgerwanderung. Doch ist nicht jedes Wandern immer auch ein wenig Pilgern? Sind wir denn bloss unterwegs von Interlaken nach Merligen, oder sind wir nicht auch unterwegs zu uns selbst, zu etwas Besinnung und Beruhigung, weg von Alltagstrott und Routine, vielleicht zu etwas mehr Lebenssinn?
Von der Stadt ins Naturschutzgebiet
Aussteigen am Bahnhof Interlaken West. Eigentlich ein amüsantes Detail, dass die Stadt auf dem sogenannten Bödeli zwischen Thuner- und Brienzersee zusätzlich einen Ost-Bahnhof besitzt. Aber warum nicht, schliesslich ist Interlaken eine Stadt von internationalem Rang, und wer hier in einen Zug steigt, kann beispielsweise bis Berlin sitzen bleiben.
Da könnte man fast etwas Fernweh bekommen. Doch heute beschränken wir unsere Reiselust auf einen Tag bis Merligen. Wen das Reise- oder Pilgerfieber gründlich packt, der kann weiterwandern, durch die Westschweiz und ganz Frankreich in den warmen Süden, durch Spanien bis nach Santiago de Compostela beim Kap Finisterre.
Aber dazu sind schon ein paar Monate Zeit und beschwerdefreie Füsse nötig. Ein verlockender Gedanke, der sich heute ruhig ein bisschen im Kopf drehen darf. Noch stehen wir aber am Bahnhof Interlaken, wo unser Wanderweg beginnt.
Wir können gleich die Unterführung benützen, zwischen der Schiffstation und dem Schaltergebäude hindurch und eine Treppe hinauf zur Kanalpromenade gehen. Dieser Promenade entlang dem Schiffkanal folgen wir in Richtung Thunersee.
Später wechselt der Weg durch ein Wäldchen ans Ufer des zweiten Aarekanals und führt über einen Steg zur Weissenau. Wo heute nur noch eine Ruine steht, befand sich im Mittelalter die Anlegestelle für Thunerseeschiffe.
Weissenau heisst aber auch das Naturreservat, das sich von hier bis Neuhaus dem Thunerseeufer entlang erstreckt. Diese Stecke ist ein besonders schöner Abschnitt der Wanderung, obwohl das Naturreservat eigentlich nur einen schmalen Streifen zwischen Golfplatz und See ausmacht.
Der Weg mit Holzstegen durch renaturierte Zonen bietet herrliche Blicke auf See und Berge. Hin und wieder bleibt zwischen hohem Schilf und knorrigen Waldföhren auch nur der Blick zum Himmel frei.
[IMG 4]
Beatus – eine sagenhafte Gestalt
Nach Neuhaus und Manorfarm, wo sich im Mittelalter ein Weinlager des Klosters Interlaken befand, treffen wir auf den ursprünglichen Pilgerweg, der von hier weg auch mit «Jakobsweg»-Schildern und dem Muschelsymbol markiert ist.
Nach einigem Auf und Ab führt der Weg nach Sundlauenen und auf das Delta des Sundbachs, das mit einem besonders schönen Wald, aber auch mit mächtigen Geröllablagerungen überrascht.
Der Grossteil dieser Felsblöcke wurde während eines unheimlichen Unwetters im Jahr 1856 vom anschwellenden Sundbach mitgerissen und im Delta angehäuft.
[IMG 3]
Nach der Schiffstation folgt wieder ein Aufstieg. Über die sogenannte Luktreppe, einen ausgebauten Felsweg, erreicht man bald die St. Beatus-Höhlen. Bis Mitte April sind die Höhlen nur an Wochenenden offen. Unter der Woche ist es an diesem geheimnisvollen Ort dafür viel ruhiger.
Auch ohne Begehung der Höhlen lohnt sich ein Besuch der Parkanlage mit den eindrücklichen Wasserfällen, die während der Schneeschmelze mit besonders hoher Wucht aus den Felswänden schiessen. Und im Restaurant lässt sich auch unter der Woche eine genussvolle Pause machen.
Die Sage erzählt, dass irgendwann in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung die fremden Pilger Beatus und Justus über den Brünig bis nach Sundlauenen kamen, wo sie freundlich aufgenommen wurden.
Die Sundlauener erzählten von einem schrecklichen Drachen, der in der benachbarten Höhle hause. Beatus beschloss, den Drachen zu vertreiben.
[IMG 2]
Bei der Höhle angekommen, fuhr der Drache grausig zischend heraus. Doch Beatus hob seinen Pilgerstab und beschwor den Drachen im Namen Gottes. Mit Getöse und Geheul schoss der Drache die Felswand empor und verschwand auf immer.
Beatus aber nahm die Höhle zu seiner Wohnstätte und verkündete den Leuten die Botschaft von Jesus Christus.
Die BeatushöhlenWährend Jahrmillionen schuf das Wasser im Kalkuntergrund des Beatenbergs ein kompliziertes System von Gängen und Hallen von rund zwölf Kilometern Länge. Vermutlich hängen die Beatushöhlen jedoch mit einem weit grösseren Höhlensystem zusammen, dem Siebenhengste-Hohgant-System, das mit 156 Kilometern Länge und 1340 Metern Tiefe das achtlängste Höhlensystem der Welt darstellt.
Für die Besucher ist der erste Kilometer der Beatushöhlen individuell oder während Führungen begehbar. Auf diesem Kilometer erleben die Gäste eine Wunderwelt von Gängen und Hallen, unterirdischen Wasserläufen und kristallklaren Seen, Formen und Farben von einer buchstäblich anderen Welt.
Weiter locken Höhlenmuseum, Fabelhäuschen, Spiel- und Picknickplatz, Parkanlage mit Wasserfällen, die nachgebaute Klause des heiligen Beatus und ein Restaurant.
[IMG 5]
Abstieg mit Ausblick
Es folgen weitere Abschnitte durch die bewaldeten Hänge des Beatenbergs, einmal eine riesige Kiesgrube umgehend, immer wieder um aussichtsreiche Ecken und auch mal durch eine enge Waldschlucht führend bis nach Beatenbucht und Merligen mit dem perfekten Blick auf die Niesenpyramide.
Die Palmen, die hier am Seeufer gedeihen, lassen sogar etwas südländisches Flair aufkommen.
Gut zu wissen
- Anreise: Mit dem Zug bis Interlaken West.
- Rückreise: Ab Merligen mit dem Bus oder Schiff bis Thun oder Interlaken.
- Route: Interlaken – Weissenau – Neuhaus – Sundlauenen – Beatushöhlen – Beatenbucht – Merligen
- Wanderzeit: 3 Std. 45 Min.
- Karte: Wanderkarte 1:50 000 254T Interlaken
- Einkehren/Übernachten: Restaurants und Hotels in Interlaken, Unterseen, bei Neuhaus und Manorfarm, in Sundlauenen und Merligen. Bei Beatenbucht und den Beatushöhlen nur Restaurant.
Bitte loggen Sie sich ein, um die Kommentarfunktion zu nutzen.
Falls Sie noch kein Agrarmedien-Login besitzen:
Jetzt registrieren