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Das zweite Leben von Zirkustigern, Rettungshunden und Sportpferden

Tiere sind im Alltag oft unverzichtbare Helfer und uns mit ihren Fähigkeiten in vielen Belangen eine Wellenlänge voraus. Doch was passiert mit den Supernasen, Sprint- und Manegen-Stars, wenn sie älter werden und sich ihre «Karriere» zu Ende neigt?

Nico Müller hat Philosophie und Soziologie studiert und an der Universität Basel mit einer Doktorarbeit zur Tierethik promoviert. Zurzeit leitet er ein Projekt innerhalb des Nationalen Forschungsprogramms «Advancing 3R», welches vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert wird. Dabei beschäftigt er sich mit ethischen und begrifflichen Aspekten der Reduktions- und Ausstiegsplanung aus Tierversuchen.

Status: aussortiert

Marc Zihlmann, Leiter des Sikyparks, ist ein Mann der klaren Worte. «Es ist erschreckend, welchen Preis Tiere für das Vergnügen der Menschen bezahlen», so seine Bilanz acht Jahre nach Gründung des Tierrettungsparks im bernjurassischen Crémines. Viele der fast 1250 hier untergebrachten Tiere haben strapaziöse Zeiten hinter sich: «Eine Geschichte ist erschütternder als die andere», so Zihlmann. Im Sikypark erhalten diese vom Leben gezeichneten Kreaturen auf einer Fläche von über 50 000 Quadratmetern ein neues Zuhause.

Bis zu 20-mal rückt der Parkleiter mit seinem Team pro Jahr aus, um Tiere in Not zu retten: Darunter sind geschmuggelte Tiere, die am Zoll konfisziert wurden, Wildtiere wie Erdmännchen oder Waschbären, die Menschen unbefugt als Haustiere hielten, Kreuzungen aus Hobbyzuchten, viele exotische Vögel, Reptilien, aber auch grosse Raubkatzen aus dem Showbusiness.

Wenn Manegen-Stars in Rente gehen

Wer hierher kommt, ist meist zu alt, zu teuer oder zu wild. Es sind Lebewesen, die zur Bürde geworden sind, die überfordern oder angeblich nicht mehr attraktiv sind. «Der Sikypark ist ein Spiegel unserer Gesellschaft», findet Marc Zihlmann. «Viele Tiere werden wie Wegwerfprodukte behandelt, wenn sie ihren Zenit überschritten haben oder nicht mehr ins Lebenskonzept der Besitzer passen.» Ebenso problematisch: Menschen, die Tiere anhäufen wie andere Briefmarken oder Porzellanengel. Bestände solcher «Tiermessies», wie sie Zihlmann nennt, werden oft vom Veterinäramt konfisziert, manchmal aber auch schweren Herzens freiwillig abgegeben.

Die Tiere vor Ort sollen nicht nur einen sorglosen Lebensabend verbringen, sondern auch Botschafter für ihresgleichen sein: «Mit unserem Tierschutzzentrum möchten wir Menschen wachrütteln und zeigen, welch desaströse Folgen Tierhandel, Tierschmuggel und Tierquälerei haben», so Zihlmann. Im Sikypark wird die oftmals leidvolle Erfahrung der Senioren, Findlinge und Verschmähten in menschlicher Obhut publik.

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Marc Zihlmann ist Leiter des Sikyparks.

Vom Schock zur Therapie

Ausser den verletzten Wildtieren, die in der Auffangstation «Mami» gesund gepflegt und für eine erneute Auswilderung fit gemacht werden, bleiben fast alle bis ans Ende ihrer Tage im Park. Zum Beispiel in der «Seniorenresidenz», wie das Refugium für Tiger, Löwen und andere Grosskatzen hier heisst. Sie waren einst die Stars in der Manege, wurden mit Applaus bedacht, sorgten für volle Zelte. Doch der jahrelange Drill hat Spuren hinterlassen: Viele kommen in einem gesundheitlich bedenklichen Zustand hier im Sikypark an. Einige kämpfen mit dem Leben oder mit schweren Verhaltensauffälligkeiten, weil ihre Haltung wenig tiergerecht war, und sie der harte Alltag im Showbusiness über Gebühr strapaziert hat.

Wenn die ehemaligen Manegen-Stars im Sikypark eintreffen, geht für Marc Zihlmann und sein Team die Arbeit erst richtig los. Denn Tiere, die während vielen Jahren intensivem Training ausgesetzt waren und von ihrer Bezugsperson getrennt werden, stehen erst einmal unter Schock. «Sie sind plötzlich arbeits- und führungslos und kämpfen mit grossem Stress und Angst», so der Parkleiter. Die jahrelangen Routinen, die ihr bisheriges Leben bestimmten, ihnen aber auch eine gewisse Sicherheit gaben, sind weggebrochen. Und da ist die ungewohnte, neue Entourage: Einige haben Mühe, auf Gras oder unter freiem Himmel zu laufen, weil sie bisher nur enge Gehege mit hartem Boden kannten.

Erfolgsgeschichte einer weissen Tigerdame

«Die neue Freiheit ist erst einmal vor allem eine Überforderung. Wenn wir die Tiere in diesem Stadium sich selbst überlassen, werden sie rastlos oder lethargisch. Zirkus-Raubkatzen brauchten auch nach ihrer aktiven Zeit ein menschliches Gegenüber, das sich intensiv mit ihnen beschäftigt», ist Zihlmann überzeugt. Der gelernte Wildtierpfleger geht hierfür direkt in die Gehege der Tiere. Mit seinem Team unterstützt er die einstigen Show-Tiere mit engmaschiger, intensiver Therapie dabei, die «Basics» eines Raubkatzenlebens zu erlernen und sich an die neuen Freiheiten und ein selbstbestimmteres Leben Schritt für Schritt zu gewöhnen.

Ein zeit- und personalintensives Unterfangen, das seine Wirkung aber nicht verfehlt: «Seron zum Beispiel, eine weisse Tigerdame, war ein seelisches Wrack, als sie vor sieben Jahren bei uns im Park ankam. Heute ist sie mit ihren zehn Jahren eine aufgeweckte, lässige Seniorin, die ihren Ruhestand sichtlich geniesst», bilanziert Zihlmann. 28 europäische Länder haben das Mitführen von Wildtieren im Zirkus mittlerweile erheblich eingeschränkt oder verboten.

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Der Alltag im Showbusiness hat bei vielen Raubkatzen, die im Sikypark leben, Spuren hinterlassen.

Die Schweiz hinke im internationalen Vergleich stark hinterher, monieren Tierschutzorganisationen wie Vier Pfoten, ProTier und der WWF, die auf ein Verbot pochen. Ihre Argumente: Die Haltung in Zirkussen entspreche nicht den Bedürfnissen von Wildtieren, sei nicht mehr zeitgemäss und auch aus ethischer Sicht nicht vertretbar, weil sie die Tierwürde verletze. Viele schweizerische und internationale Zirkusunternehmen verzichten jedoch heute freiwillig auf Vorführungen mit Raubtieren oder Elefanten. So auch der Zirkus Knie, wo die Elefanten-Nummern im Jahr 2016 und die Raubtier-Shows bereits vor über 20 Jahren eingestellt wurden. Heute treten im grössten Zirkus der Schweiz nur noch Pferde auf.

Zoo: keine Pensionierung

Was geschieht mit älteren Tieren, die im Rahmen von Zuchtprogrammen helfen, Populationen bedrohter Arten zu erhalten und die genetische Vielfalt zu sichern? Laut Zoo Basel hat das Alter bei Tieren keinen Einfluss auf die Reproduktionsfähigkeit. Ausser bei gewissen Walen tritt bei ihnen keine Menopause auf. Die Empfänglichkeit geht mit dem Alter in der Regel jedoch etwas zurück. Was sich im Laufe der Zeit verändert: Ältere Tiere werden intensiver überwacht und regelmässig einem sogenannten Welfare Assessment unterzogen. Der Zoo trifft keine lebensverlängernden Massnahmen, sondern behandelt Senioren palliativ. Ist ein altes Tier krank, leidend oder nicht fit, entscheiden Tierärzte und Kuratoren gemeinsam darüber, ob es euthanasiert wird.

Pferde brauchen mehr als Gras

Wie gestaltet sich bei ihnen der Übergang von der aktiven Karriere in den Ruhestand? Die Frage geht an Fredy Knie junior, der unzählige Pferde für die Manege ausgebildet hat. «In erster Linie entscheidet die körperliche Verfassung darüber, ob ein Tier weiterhin am Zirkusbetrieb teilnimmt oder in den Ruhezustand versetzt wird», hält der Tiertrainer fest. Routinen und eine feste Tagesstruktur bleiben aber auch für die Senioren wichtig: «Unsere Pferde leben nach ihrer Zirkuskarriere in Rapperswil, wo sie auf der Weide viel Auslauf haben, beschäftigt und gut betreut werden.»

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Routinen und eine feste Tagesstruktur sind für Zirkuspferde nicht nur während der Aktivzeit wichtig.

Individuell auf jedes Pferd eingehen

Gerade bei Pferden sei es wichtig, Langeweile zu vermeiden, weshalb ihr Alltag auch nach ihrer Aktivzeit abwechslungsreich gestaltet werde. «Für sie geht das Leben eigentlich normal weiter», bilanziert Fredy Knie junior. Dass ehemals sehr aktive Pferde im Ruhestand nicht einfach auf einer Weide sich selbst überlassen werden sollten, deckt sich mit der Erfahrung von Natalie Friberg, Präsidentin des Vereins Zweites Leben für Sportpferde: «Ein erfülltes Leben bedeutet mehr als Gras unter den Hufen – es braucht Abwechslung, soziale Kontakte, Zuwendung und Aufgaben, die den Pferden Freude bereiten.»

Die derzeit zehn Pferde des Vereins, die einst auf Rennbahnen oder beim Dressur- bzw. Springreiten mit Tempo, Agilität und Präzision brillierten, werden auf dem weitläufigen Anwesen des Vereins unweit der Schweizer Grenze auch im höheren Alter noch gefördert und beschäftigt. «Wir gehen auf jedes der Pferde individuell ein», erklärt Friberg. Denn ihre Bedürfnisse seien sehr unterschiedlich. Obwohl sich fast alle Tiere in der Herde mittlerweile wohl fühlen, gibt es auch Ausnahmen.

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Nathalie Friberg, Präsidentin des Vereins Zweites Leben für Sportpferde, schenkt ihren Schützlingen bis zuletzt viel Aufmerksamkeit

Vom Müssen zum Dürfen

Bambi etwa, eine 21-jährige Stute, die früher im Galopprennsport aktiv war, ist sehr auf Menschen fokussiert und geniesst deren Fürsorge. «Sie hat Mühe, sich in der Pferdegruppe zurechtzufinden und will manchmal einfach allein sein», sagt Natalie Friberg, die früher intensiv Pferdesport betrieben hat und heute neben ihrem Lehrberuf als Pferdeosteopathin tätig ist. Was sie auch feststellt: Bei älteren Pferden treten die Charakterzüge deutlicher zutage. «Jedes unserer Pferde hat ein eigenes Verhalten. Wenn sie mit uns kommunizieren, zeigen wir ihnen, dass wir sie wahrnehmen und auf ihre Bedürfnisse reagieren», beteuert sie.

Ein Ansatz, der stressbedingte Symptome oder stereotypes Verhalten lindert, die einige der Pferde in ihrer Aktivzeit oder bei der Ankunft zeigten. Auf der Weide in Weisweil/Klettgau lernen die Tiere, dass man sich um sie kümmert. «Wir vermitteln ihnen, dass sie wichtig sind und weiterhin die Nummer eins sein dürfen. Denn ein Leben ohne Struktur und Beschäftigung wird weder Sport- noch Freizeitpferden im fortgeschrittenen Alter gerecht», ist die Vereinspräsidentin überzeugt.

Beim Verein Zweites Leben für Sportpferde dürfen die Tiere bis ans Ende ihrer Tage bleiben und sich nach und nach in die Herde integrieren. Ob bei der Bodenarbeit, der Freiheitsdressur oder in anderen sanften Disziplinen: Die Senioren vor Ort werden nach der Ankunft behutsam an ihr neues Leben und neue Herausforderungen herangeführt. «Das Dürfen steht jetzt über dem Müssen – die Zeiten für Hochleistungen sind vorbei», erklärt Natalie Friberg. Dass Tiere nach der Aktivzeit links liegen gelassen werden, sieht sie kaum. Im Gegenteil: Vielen Haltern sei es ein grosses Anliegen, dass es ihrem Pferd auch im Ruhestand gut ginge.

Ein Arbeitshund braucht Arbeit

Bis zum letzten Atemzug darf auch Billou in seinem gewohnten Umfeld verbleiben. Der Border Collie ist der erste Hund, den die Familie von Markus Willi vor 15 Jahren zu sich geholt hat. Und dabei schnell merkte: Ein Arbeitshund braucht eine Arbeit. Nachdem weder «Agility»-Training noch «Obedience»-Kurse das sichtlich unterforderte Tier richtig auslasteten, stiess Markus Willi auf REDOG, den Verein für Such- und Rettungshunde, bei dem schweizweit über 800 Personen und rund 500 Hunde aktiv sind.

Für Billou und Markus Willi ein Glückstreffer. Denn beim Orten von Vermissten zeigte sich: «Die Nasenarbeit ist genau jene Aktivität, die Billou richtig auslastet und erfüllt», sagt Willi. Die beiden durchliefen eine intensive dreijährige Ausbildung, um dann einen Einsatz nach dem andern zu absolvieren. Fast 25 Einsätze hat Billou während seiner sechsjährigen Aktivzeit geleistet und die alle drei Jahre fälligen Rezertifizierungen immer gemeistert. Als er neun Jahre alt wurde, galt er nach REDOG-Richtlinien als Senior: Ab jetzt wurde die Einsatztauglichkeit einmal jährlich überprüft. Fixe Regeln, wann es Zeit für einen Ausstieg ist, stellt der Verein nicht auf.

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Die anspruchsvolle Suche nach Vermissten stärkt die Bande: Markus Willi mit Bilou.

Pensionär mit ungebrochenem Willen

Entscheidend ist, ob der Hund noch Freude an dieser anspruchsvollen Arbeit hat und ob der körperliche Etat solch intensive Einsätze weiterhin erlaubt. Für Billou ist der Ernstfall vorbei. «Für ihn hat sich jedoch wenig geändert. Er darf weiterhin trainieren, wenn es seine Gesundheit zulässt», so Markus Willi. Und Billou will. Immer wieder, obwohl er mittlerweile mit seinen 15 Jahren und einer Arthrose in der Hüfte kaum mehr laufen kann, und auch das Hör- und Sehvermögen eingeschränkt ist.

Wenn Blindenhunde in Rente gehen

Den körperlichen Gebrechen zum Trotz: «Wenn ich die REDOG-Ausrüstung packe, rennt Billou hinter das Auto und will sofort in die Box», sagt Markus Willi lachend. Auch als Pensionär gehöre er noch zum Team, werde von allen beim Training freudig begrüsst und fühle sich in seiner gewohnten Entourage noch immer sichtlich wohl. Nur bei Sprüngen von einem Baumstamm oder anderen etwas riskanteren Vorhaben ist jetzt mehr Vorsicht angezeigt. Zu hoch könnte das Sturzrisiko für den einst so agilen Hund sein, zu hoch die Belastbarkeit für sein Sportlerherz, das eine tägliche Medikamenteneinnahme erfordert.

«Es ist ein ständiges Abwägen, was noch möglich ist und wo es einen Gang runterzuschalten gibt. Im Kopf ist Billou immer noch topfit und die Lebensqualität intakt. Wir nehmen jeden Tag als einen geschenkten Tag», bilanziert der Familienvater, der nach wie vor eine sehr intensive Beziehung zu seinem Hund unterhält: «Die Arbeit beim Suchen nach Vermissten ist sehr intensiv und mitunter belastend – das schweisst enorm zusammen.» Klar ist: Billou hat dank seines exzellenten Riechsinns und seiner einst hohen Belastbarkeit nicht nur viele Spuren verfolgt, sondern auch einige hinterlassen.

Der Hund: dein Freund und Helfer

Hunde gelten als zuverlässig und lernfähig und eignen sich für viele Aufgaben. Weit verbreitet sind Assistenzhunde, die Menschen mit Behinderung im Alltag unterstützen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Dazu zählen Blindenführhunde, Assistenzhunde für Personen mit Mobilitätseinschränkung, Diabetes- und Epilepsiewarn-, Vertrauens- sowie Autismusbegleithunde. Doch auch in tiergestützten Therapien vermögen Hunde Menschen mit besonderen Bedürfnissen zu unterstützen. Mit ihren feinen Spürnasen sind sie zudem im Einsatz gegen Kriminalität und bei Notfalleinsätzen. Rettungshunde wie Vermisstensuch- oder Lawinenhunde nehmen die Fährte von vermissten Menschen auf, vor allem in schwer zugänglichen Gebieten. Auch Artenspür-, Zoll-, Polizei-, Drogen-, Herden- und Jagdhunde profitieren von ihrer feinen Nase. So genannte Archäologiehunde können dank ihres exzellenten Geruchssinns uralte Knochen und Relikte aufspüren und sogar bei der Aufklärung von Mordfällen helfen.

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Heute führen, morgen ruhen: Die Pensionierung von Blindenhunden wird von langer Hand geplant.

Anpassungen für die Seniorenzeit

Etwa bei Moorley, dem mittlerweile siebenjährigen zweiten Hund der Familie, dessen Mentor und Lehrmeister er war. Während Moorley – auch er ein Border Collie – als Geländesuchhund noch voll im Einsatz ist, nimmt es Billou heute gemütlicher, folgt seinem Halter aber immer noch auf Schritt und Tritt. Die Frage, wann es Zeit ist, kürzerzutreten, stellt sich auch bei Blindenhunden und wird von langer Hand geplant. «Dank des regelmässigen Austauschs mit unseren Klientinnen und Klienten wissen wir, wie es den Hunden geht und können gemeinsam entscheiden, wann ein Hund pensioniert wird», sagt Peter Kaufmann, Geschäftsführer von Blindenhunde Liestal.

Bereits ab dem achten Lebensjahr des Blindenhundes werde die Pensionierung zusammen mit dem Klienten thematisiert. Die meisten der Hunde treten nach rund achtjährigem Einsatz im Alter von zehn oder elf Jahren in den Ruhestand und leisten ab dann keine Führarbeit mehr. Wo sie ihre letzten Lebensjahre zubringen, hängt von der jeweiligen Situation ab: «Oft finden unsere Klienten zusammen mit uns passende Pensionsplätze», so Kaufmann. Manchmal bleibt der Hund auch am bisherigen Ort, wenn er nicht mehr zu führen braucht und sich seine Bedürfnisse im Alter decken lassen.

Die unterschätzte Dankbarkeit alter Tiere

Unabhängig von der Anschlusslösung: Blindenhunde im Ruhestand benötigen wie andere ältere Hunde eine Entourage, die auf ihr Alter und ihre Gesundheit Rücksicht nimmt. Denn die vierbeinigen Senioren ermüden in dieser Lebensphase schneller, brauchen häufiger Pausen und schlafen mehr. Es können Gelenkprobleme auftauchen, die Sinne lassen nach, Reizschwelle und Belastbarkeit verändern sich. Nicht nur bei der Infrastruktur, der Ernährung und der medizinischen Versorgung sind Anpassungen erforderlich, sondern auch bei der Tagesgestaltung: «Ältere Hunde benötigen unter Umständen etwas mehr Betreuung und auch das Alleinsein kann in dieser Lebensphase problematisch werden», erläutert Peter Kaufmann.

Spaziergänge statt langer Wanderungen, Lifte statt Treppen, Rampen statt kühner Sprünge ins Fahrzeug: Mit gezielten Interventionen können die einstigen Blindenhunde noch viele Jahre am Leben teilnehmen. «Der Gesundheitszustand unserer Pensionäre ist sehr unterschiedlich. Wichtig ist es, ihre Bedürfnisse gut wahrzunehmen und sie weiterhin körperlich und geistig zu fordern», resümiert die Blindenhundeschule Liestal. Während sich für Tiere in Spezialmission für ihren Lebensabend fast immer ein Plätzchen finden lässt, ist es für andere ältere Tiere ungleich schwerer. Nicht selten bleiben sie in Tierheimen Gäste auf ewig.

Grunderziehung nicht mehr notwendig

Eine repräsentative Umfrage zum vergangenen Welttierschutztag am 4. Oktober hat gezeigt: Adoptionen gewinnen in der Schweiz zwar zunehmend an Bedeutung und über die Hälfte der Befragten würde ein Tierheimtier aufnehmen. Doch die Ansprüche steigen: Fast jeder Zweite wünscht sich eine Rückgabemöglichkeit und besonders ältere oder kranke Tiere haben einen schwierigen Stand. Rund 40 Prozent der Befragten befürchten bei ihnen Verhaltensprobleme oder auch schwierige Vorgeschichten. Zu Unrecht findet Simon Hubacher, Kommunikationsleiter beim Schweizer Tierschutz STS: «Ältere Tiere sind oft sehr dankbar, bescheidener im Anspruch und benötigen weniger Aktivität, was sie für viele Menschen zu idealen Gefährten macht.»

Hinzu kommt: Bei älteren Semestern ist eine Grunderziehung nicht mehr notwendig – sie sind gefestigte Persönlichkeiten mit reichlich Lebenserfahrung, die so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringt. Mit ausgewogener Ernährung, gezielter Aktivierung, regelmässigen Kontrollen beim Tierarzt und viel Zuwendung können auch Tiere im Ruhestand ein Leben führen, das trotz körperlichen Einschränkungen von vielen wonnigen Momenten durchsetzt ist.

Ein Blick zurück: die Geschichte der Arbeitstiere

Arbeitstiere waren im 19. und 20. Jahrhundert allgegenwärtig. Nebst Pferden standen auch Esel, Maultiere, Kühe, Stiere, Ochsen und Hunde im Einsatz für Menschen. Sie arbeiteten im Gewerbe, in der Landwirtschaft, im Bergbau oder im Militär und zogen Fuhrwerke, Karren, Postkutschen, Brauerei-, Kehricht-, Leichenwagen oder Schiffe entlang von Kanälen. Hunde galten als Zugtiere der «kleinen Leute» wie Hausierer oder Händler. Eine Kehrtwende brachte die Industrialisierung: Die Arbeitskraft von Tieren wurde nun zu weiten Teilen überflüssig. Nicht jedoch in der Landwirtschaft, wo Kühe und Ochsen die Pflüge auch weiterhin über die Äcker zogen und Pferdefuhrwerke die Ernte von den Feldern zu den Bauern- oder Bahnhöfen transportierten. Erst ab den 1940er-Jahren wurden Tiere auch in der Landwirtschaft zusehends durch Traktoren ersetzt. Heute spielen Arbeitstiere in der Schweiz nur noch eine marginale Rolle. [IMG 8]

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