Der Regenwaldkiller

Palmöl-Plantage
Ölpalmen soweit das Auge reicht: Eine Palmöl-Plantage in der Nähe von Bogor auf der indonesischen Insel Java.
Achmad Rabin Taim/CC BY 2.0
Palmöl
Ob Pizza, Fertigsuppe oder Seife: Ein Blick auf das Etikett verrät, Palmöl steckt fast überall drin. Das weltweit wichtigste Pflanzenöl ist zwar billig, dafür verlangt seine Produktion einen hohen Preis von Fauna und Flora.

Leisen Schrittes schleichen sie durch den Urwald auf der Suche nach den scheuen Waldmenschen. Diese, besser bekannt unter dem Namen Orang-Utan, kennen die Touristengruppen im Reservat zwar, lassen sich aber nicht immer blicken. Die Besucher selbst schauen abwechselnd nach unten und nach oben. Auf der einen Seite die Skepsis vor dem ungewohnt lebendigen Waldboden, auf der anderen Seite die Neugier auf Menschenaffen. Und tatsächlich, diese Gruppe hat Glück. Es raschelt, Baumkronen verbiegen sich und plötzlich läuft ein riesiger Affe direkt über sie hinweg. Ein unvergessliches Erlebnis, das bald unmöglich werden könnte. 

Geht die Rodung der Regenwälder weiter wie bisher, werden die imposanten Tiere wohl bald nur noch im Zoo zu sehen sein. Schon jetzt leben auf Sumatra und Borneo höchstens 60'000 Orang-Utans – ein Rückgang um über 90 Prozent seit 1900! Dafür wachsen die Palm­öl-Plantagen – sie sind einer der wichtigsten Gründe, weshalb Regenwald abgeholzt wird. Allein Indonesien erntet 30 Millionen Tonnen Palmöl auf 13 Millionen Hektaren, was mehr als dreimal der Fläche der Schweiz entspricht, und plant die Produktion in den nächsten Jahren um zehn Millionen Tonnen zu erhöhen. Damit ist es neben Malaysia der grösste Palm­ölproduzent der Welt. Die Rodung für Palmölplantagen setzt nicht nur extrem viel Kohlendioxid frei, das zur Klimaerwärmung beiträgt, sondern vernichtet auch viele Kohlendioxid-speichernde Torfmoore. Dazu kommt, dass die Palmöl-Plantagen Monokulturen sind. Rund um den Stamm der Bäume wächst nichts mehr. Und sie brauchen viel Dünger und Pestizide – eine grosse Belastung für andere Pflanzen, den Boden und die Gewässer.

Überall drin und nicht wegzudenken
Wer sich nun fragt, was die ferne Schweiz damit zu tun hat, muss nur einen Blick in den Kühlschrank werfen. Denn egal ob Margarine, Aufschnitt oder Schokolade, Palmöl steckt fast überall drin. Und nicht nur in Lebensmitteln, sondern ebenso in zahlreichen Kosmetika wie Lippenstiften oder Shampoos. Immerhin gibt es seit Anfang Jahr eine Deklarationspflicht, sodass man zumindest weiss, wo genau es sich versteckt. Insgesamt importiert die Schweiz jedes Jahr mehr als 30'000 Tonnen, und die Industrie hält daran fest. 

«Es gibt keine Alternative, welche die gleichen günstigen Eigenschaften im Hinblick auf Gesundheit und technische Verarbeitung aufweist. Palmöl kommt vor allem zum Einsatz, weil damit auf eine als ungesund eingestufte Härtung von Fetten und Ölen für Lebensmittel verzichtet werden kann», sagt Ramón Gander, Mediensprecher von Coop. Zudem seien die Kosten gering im Vergleich zur Anbaufläche. Soll heissen: Andere pflanzliche Öle würden noch mehr Natur zerstören. Auch die Migros betont die vermeintlich gute Ökobilanz im Vergleich zu Raps, Sonnenblumen und Co. und setzt ebenfalls auf einen nachhaltigen Anbau.

Seit 2004 sind beide Schweizer Detailhändler Mitglieder des Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO), einer Vereinigung, die unter sozialen und umweltgerechten Bedingungen produziertes Palmöl fördern soll. Die Eigenmarken beider Häuser werden laut eigenen Angaben mittlerweile fast ausschliesslich mit nachhaltigem Palmöl hergestellt. Die Migros weist ausserdem auf die Zusammenarbeit mit The Forest Trust (TFT), einer unabhängigen Kontrollorganisation, hin. 

Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace bleiben skeptisch. Yves Zenger von der Schweizer Medienstelle wird deutlich: «Es gibt derzeit kein Label, das garantiert, dass das Palmöl nicht aus Regenwald- oder Torfmoor-Zerstörung kommt. Auch das häufig zitierte RSPO-Label ist von der Industrie dominiert. So wie es sich heute präsentiert, ist es ein Etikettenschwindel.» Noch immer stünden wirtschaftliche Interessen über ökologischen und sozialen, noch immer sei die ganze Liefer- und Produktionskette keineswegs transparent und noch immer fehlen seriöse und unabhängige Kontrollmechanismen. Dennoch anerkenne man die Bemühungen der Firmen, sagt Zenger, sowie die Kooperationen mit TFT. Ebenfalls zwar kein Garant für den Umweltschutz, aber ein guter und richtiger Schritt.

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