ABO

Dark Diversity erklärt: Warum viele Pflanzenarten verschwinden

Biodiversität nimmt weltweit ab, viele Pflanzen fehlen dort, wo sie wachsen sollten. Die «Dark Diversity» misst genau diese verborgene Artenlücke. Im Interview erklärt Jürgen Dengler von der ZHAW, was dies für unsere Ökosysteme bedeutet und welche Wege es gibt, um dem Artenverlust entgegenzuwirken.

Herr Dengler, Sie waren einer von über zweihundert Forschenden, die im Rahmen der internationalen DarkDivNet-Studie an fast 5500 Standorten auf der ganzen Welt Pflanzen untersucht haben. Ziel war es, die sogenannte «Dark Diversity» zu messen. Was genau versteht man darunter?

Jürgen Dengler: Die Dark Diversity bezeichnet den Anteil einheimischer Pflanzenarten, die an einem bestimmten Ort eigentlich vorkommen könnten – also von den Standortbedingungen her dort wachsen könnten – aber derzeit fehlen. Es geht also nicht nur darum, welche Arten vorhanden sind, sondern auch um diejenigen, die fehlen, obwohl sie unter natürlichen Umständen dort existieren sollten. So lässt sich die Vollständigkeit einer Pflanzengemeinschaft erfassen, also wie «ausgedünnt» oder intakt ein Ökosystem tatsächlich ist.

Wie lief die Erhebung konkret ab – zum Beispiel in der Schweiz?

In der Schweiz haben wir die sogenannte «Site D095» untersucht – eine von vier Sites in der Schweiz, und zwar im Umkreis von zehn Kilometern um Preda in Graubünden. Wir haben dort insgesamt 32 Vegetationsaufnahmen gemacht, also Probeflächen von jeweils zehn mal zehn Metern. Auf jeder Fläche haben wir alle vorkommenden Gefässpflanzen dokumentiert. Ziel war es, möglichst viele verschiedene natürliche und halbnatürliche Lebensräume zu erfassen – von alpinen Schuttfluren über subalpine Weiden bis hin zu Bergwäldern. Dafür waren teils längere Wanderungen nötig, vor allem, weil wir nicht nur Strassenränder erfassen wollten, sondern auch abgelegene Gebiete über Höhenstufen hinweg.

Und wie gross waren die Unterschiede zwischen den Flächen?

Sehr gross. Die artenärmste Fläche lag in einem Föhrenwald, durch den ein Murgang gerollt war – die ganze Bodenvegetation war mit Kalkschutt bedeckt, da standen effektiv nur noch die Bäume. Gerade einmal vier Arten haben dort überlebt. Die artenreichste Fläche war eine subalpine Hochstaudenflur mit nährstoffarmen Bedingungen – dort haben wir 97 Arten gezählt. Insgesamt war die Artenvielfalt stark vom Zusammenspiel vieler Faktoren abhängig: Höhenlage, Nährstoffversorgung, Bodenfeuchtigkeit, Störungshäufigkeit. In der Schweiz ist generell die subalpine Stufe zwischen 1600 und 1800 Metern am artenreichsten.

Die Studie zeigt, dass in stark vom Menschen beeinflussten Regionen im Schnitt weniger als 20 Prozent der potenziell möglichen Arten tatsächlich vorkommen – in wenig gestörten Gebieten dagegen über 35 Prozent. Wie erklären Sie diesen Unterschied?

Zunächst muss man verstehen, dass die «fehlenden» Arten in der Regel nicht komplett verschwunden, sondern noch irgendwo in der Region vorhanden sind – sie fehlen nur lokal. Der Grund, weshalb sie an bestimmten Orten nicht mehr wachsen, ist oft unklar. Sicher ist aber: Je stärker der menschliche Einfluss in der Umgebung, desto unvollständiger sind die Pflanzengemeinschaften. Dies konnten wir nun statistisch belegen.

Welche Faktoren spielen beim Einfluss des Menschen konkret eine Rolle?

In der DarkDivNet-Studie haben wir dies über den sogenannten Human Footprint Index gemessen. Dieser berücksichtigt unter anderem Bevölkerungsdichte, Landnutzung, Infrastruktur oder Zerschneidung der Landschaft. Die Ergebnisse zeigen, dass menschliche Einflüsse nicht nur lokal wirken, sondern über grössere Distanzen hinweg die Artenzusammensetzung negativ beeinflussen. Sogar Schutzgebiete bleiben davon nicht verschont.

Sie forschten auch in einem Projekt, welches historische Vegetationsdaten der Schweiz nutzte. Was konnten Sie dort herausfinden?

Wir haben einen weltweit einzigartigen Datensatz mit 590 Vegetationsaufnahmen aus der Zeit zwischen 1883 und 1931 herangezogen. Damit konnten wir zeigen, dass die Artenvielfalt im Grasland stark zurückgegangen ist, teils dramatisch. Die Ursachen sind dabei die intensive Landnutzung, Nährstoffüberschuss aus Landwirtschaft und Verkehr sowie schwindende Kleinstrukturen – all das hat zum Verlust der Biodiversität geführt. Der Klimawandel spielt ebenfalls eine Rolle, wobei er bislang eher zu einer leichten Zunahme der Artenzahlen geführt hat, insbesondere in höheren Lagen, wo es nun wärmer wird. Aber dies ist kein Ausgleich für den Gesamtverlust.

Welche Folgen hat dieser Biodiversitätsverlust?

Biodiversität ist nicht nur ein ethisches Anliegen, sondern auch aus ganz praktischen Gründen entscheidend. Artenreiche Ökosysteme sind stabiler, resilienter gegenüber Störungen und produktiver über längere Zeiträume hinweg. Sie können besser auf Klimaveränderungen reagieren, Schädlinge abwehren, liefern gesündere Lebensgrundlagen – etwa durch vielfältigeres Futter im Grünland für Weidetiere. Wenn Arten verloren gehen, verliert das System auch seine Anpassungsfähigkeit.

Was müsste aus Ihrer Sicht konkret getan werden, um gegenzusteuern?

Der wichtigste Hebel ist die Reduktion des Nährstoffeintrags – durch Düngung, aber auch durch Stickstoff aus Verkehr und Industrie. Viele Lebensräume sind regelrecht überdüngt, was artenarme Vegetation fördert. Erste Verbesserungen sind sichtbar, aber der Weg zurück zu mehr Vielfalt ist lang. Ein zweiter Punkt ist die Nutzung bis auf den letzten Quadratmeter – selbst in den Bergen. In Studien hat sich gezeigt, dass im Grenzgebiet von Frankreich und Deutschland deutlich mehr Kleinstrukturen in der Agrarlandschaft erhalten geblieben sind als in der Schweiz. Diese Strukturen sind entscheidend für Feldvögel, weshalb hier weniger vorkommen. In der Schweiz – wie in ganz Europa – fliesst zwar Geld in die Biodiversitätsförderung, etwa für Biodiversitätsförderflächen. Doch die höheren Summen gehen weiterhin in die Subventionen, die eine intensive Landwirtschaft belohnen. Dies ist natürlich kontraproduktiv für die Biodiversität.

Würde denn die Landwirtschaft auch von mehr Biodiversität profitieren?

Durchaus. Die Tiergesundheit etwa kann durch artenreiches Futter verbessert werden. Auch die Resilienz gegenüber dem Klimawandel steigt. Aber kurzfristig bedeutet mehr Artenvielfalt oft weniger Ertrag – und das steht natürlich in Konflikt mit wirtschaftlichen Interessen einzelner Betriebe. Hier liegt ein Zielkonflikt zwischen dem allgemeinen Nutzen für die Gesellschaft und dem individuellen Gewinn des Betriebes.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Vor allem, dass der Bezug zur Natur nicht weiter verloren geht. Viele Menschen haben heute kaum noch Wissen darüber, was da draussen eigentlich wächst und lebt. Auch existiert nicht das Bewusstsein für die Konsequenzen des Biodiversitätsverlustes. Ich wünsche mir daher, dass Natur und Artenkenntnis wieder einen höheren Stellenwert bekommen – in der Gesellschaft und vor allem in der Bildung.

Dr. Jürgen Dengler
Prof. Dr. Jürgen Dengler ist Biologe und Professor für Vegetationsökologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Frage, wie sich Artenvielfalt räumlich verteilt und welche ökologischen Gesetzmässigkeiten dahinterstecken. Zudem befasst er sich mit dem Schutz und der Wiederherstellung von Biodiversität und entwickelt sowohl theoretische Grundlagen als auch konkrete Ansätze für Naturschutz und Landschaftsmanagement.

Weiterlesen