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Mit dem Amateur-Entomologen auf Streifzug durch die Welt der Rüsselkäfer

Amateur-Entomologen leisten mit ihrer ehrenamtlichen Forschung zu Insekten einen beachtlichen Beitrag an die Wissenschaft. Leider mangelt es an interessiertem Nachwuchs und die Vereine bangen um ihre Zukunft. Stefan Wartmann ist Insektenkundler aus Leidenschaft und ermöglicht einen Blick in seine vielfältige Arbeit.

Sein Leben widmet Stefan Wartmann den Kleinsten der Tierwelt, den Insekten. Seine besondere Leidenschaft jedoch gilt den pflanzenfressenden Käfern, im Speziellen den Rüsselkäfern. «In der Regel sind sie eindeutig zu erkennen an ihrem charakteristischen Rüssel», erklärt der Experte. Wartmann ist ein Amateur-Entomologe, seine Forschung findet denn auch nebenberuflich und rein ehrenamtlich statt.

Heute ist der Insektenexperte unterwegs, um sich in einem Naturschutzgebiet auf dem ehemaligen Rangiergelände der Deutschen Bahn bei Basel auf die Suche nach Rüsselkäfern zu begeben. Dass die meisten Arten nur wenige Millimeter gross sind, erschwert die Suche. So fallen dem aufmerksamen Betrachter als Erstes nicht die Käfer auf, sondern ihre Frassspuren, die sie an den Pflanzenblättern hinterlassen. «Manche Rüsselkäferarten haben sogar ganz artspezifische Frassbilder», erklärt Wartmann. Fachmännisch betrachtet er die kleinen Löcher in den Blättern einer Traubenkirsche.

Mit dem Amateur-Entomologen auf Streifzug durch die Welt der Rüsselkäfer
Mit einer Stange wird auf Pflanzen gehauen, wodurch die an der Vegetation lebenden Insekten auf den Stoff des Klopfschirmes fallen.

Frisbees als Werkzeug

Ausgestattet ist der Amateur-Entomologe mit einem Klopfschirm, einem auf einen runden Rahmen gespannten hellen Stück Stoff. In der anderen Hand hält er eine kurze Metallstange. Mit dieser haut er mehrmals schwungvoll auf eine am Boden wachsende Pflanze, wobei unzählige Tierchen auf dem darunter gehaltenen Klopfschirm landen. Auf dem hellen Stoff lassen sie sich leichter erkennen. «Ist der nicht reizend?», ruft Wartmann und zeigt auf einen für den Laien kaum sichtbaren winzigen Rüsselkäfer. Trotz Lupe kann der Käferexperte nicht alle Arten vor Ort bestimmen. Manche Tiere müssen unter dem Mikroskop betrachtet werden, da sie nur anhand ihrer Genitalform einer Art zugewiesen werden können. Geschickt packt der Entomologe die flüchtenden Käfer mit einer Pinzette und befördert sie in verschliessbare Plastikröhrchen.

Mit dem Amateur-Entomologen auf Streifzug durch die Welt der Rüsselkäfer
Durch den hellen Stoff des Klopfschirmes lassen sich Insekten leichter ausmachen.

Neben dem Klopfschirm gehören auch ein Kescher und ein Frisbee zur Ausstattung eines Insektensammlers. «Ohne Frisbee läuft gar nichts», erklärt Wartmann. «Man kann ihn einfach säubern und trockenreiben und er ist eine vorzügliche Auffangschale für Insekten.» Das Zweckentfremden von Gegenständen kann zu kurios anmutenden Situationen führen, wie Wartmann lachend erklärt. Besonders dann, wenn an entomologischen Exkursionen vornehmlich ältere Herren und vereinzelt auch Damen miteinander am Fachsimpeln sind, aber jeder von ihnen ein Frisbee in der Hand hält.

Seine Faszination für Rüsselkäfer ist für den Insektenkenner einfach begründbar: «Die Tiere sind spannend, weil es so viele Arten gibt und sie einen enormen Anteil an der Biomasse ausmachen. Sie bilden wiederum die Nahrungsgrundlage für andere Tiere wie Vögel.» Zudem sind die Käfer reine Pflanzenfresser. Ein Drittel von ihnen lebt streng monophag, ernährt sich also von nur einer einzigen Pflanzenart. «Botanik und Rüsselkäfer hängen eng zusammen», erklärt Wartmann. «Wenn ich bestimmte Arten finden möchte, dann suche ich in erster Linie deren Futterpflanzen.» Stefan Wartmanns Begeisterung für Wirbellose war schon in jungen Jahren stark ausgeprägt. «Seit ich zehn Jahre alt bin, erforsche ich Insekten.» Zudem züchtete er Schmetterlinge und war als der Junge mit den vielen Raupen in seinem Zimmer bekannt. Später kamen Skorpione hinzu. Ein Kosmos-Insektenführer war sein steter Begleiter, bevor er mit vierzehn Jahren der Entomologischen Gesellschaft Basel beitrat. Die Initiative kam jedoch nicht von ihm aus, er wurde aktiv angeworben. Junge Leute mit einem Interesse an Insekten werden von den Vereinen geschätzt.

Mit dem Amateur-Entomologen auf Streifzug durch die Welt der Rüsselkäfer
Die kleinen Rüsselkäfer kommen in ein kleines Plastikgefäss und können so nach Hause transportiert werden, wo sie Stefan Wartmann unter dem Mikroskop bestimmen kann.

Die Entomologie vor dem Aus

Das Ziel der Entomologischen Gesellschaft Basel ist es, mit Vorträgen und Exkursionen den Kontakt zwischen Amateur- und Berufs-Entomologen zu fördern, aber die Welt der Insekten auch für neugierige und interessierte Menschen zu öffnen. Bereits 1905 gegründet, kann die Gesellschaft auf eine lange Geschichte zurückblicken. «Leider haben wir jedoch Nachwuchsprobleme», sagt Wartmann, der als Vorstandsmitglied der Entomologischen Gesellschaft Basel die Auswirkungen des fehlenden Interesses bei den jungen Leuten spürt. «Es findet immer mehr im Digitalen statt, der Austausch unter den Generationen fehlt», führt der Insektenkundler aus. Angebote wie beispielsweise eine umfassende Bibliothek sind kaum bekannt. Die Sorge besteht, dass Amateur-Entomologen aussterben könnten. «Ich möchte gerne einen Weg finden, um Nachwuchs zu mobilisieren.» Eine Projektwoche für Kinder zwischen neun und zwölf Jahren war eine der Initiativen von Wartmann und Thomas Hauck, Primarlehrer und ebenfalls Mitglied der Entomologischen Gesellschaft. Zusammen im Wald nach Insekten zu suchen und diese zu bestimmen, war für die Kinder ein grossartiges Erlebnis. «Das war eine der tollsten Wochen meines Lebens.»

Tausende Rüsselkäfer aus verschiedenen Arten finden sich in Stefan Wartmanns Sammlung.
Stefan Wartmanns Insektensammlung ist umfangreich. Alle Tiere kann er nicht behalten.

Käfer im Arbeitszimmer

Mit den gesammelten Käfern in der Tasche schliesst Stefan Wartmann die Tür zu seinem Zuhause auf. Man würde nicht vermuten, welche Schätze sich hinter den Wänden der Altbauwohnung im ruhigen Basler Quartier verbergen. Ein Mikroskop im Arbeitszimmer ziert den Bürotisch, daneben stehen verschiedene Utensilien und Käfer in kleinen, durchsichtigen Plastikröhrchen. In den Schränken stapeln sich Fachbücher über Insekten, ein grosses Wandregal mit vielen Schubladen verbirgt eine umfangreiche Insektensammlung. Fein säuberlich ist jeder der Tausenden von präparierten Käfern mit mehreren Etiketten beschriftet. Darauf finden sich unter anderem das Funddatum, die Art, Fundort, Höhenmeter, Koordinaten, Längen- und Breitengrade, das Wetter am Fundtag und der Name der Person, die das Tier bestimmt hat.

Mit dem Amateur-Entomologen auf Streifzug durch die Welt der Rüsselkäfer
Manche Rüsselkäfer-Arten können nur anhand der Form ihres Genitals bestimmt werden. Ein Mikroskop ist also unverzichtbar zur genauen Bestimmung.

Die Rüsselkäfer, die später Wartmanns Sammlung bereichern werden, legt der Sammler in Essigäther ein und bestimmt, präpariert und beschriftet die Tiere. Belege für Ort und Datum helfen, das Verbreitungsgebiet der einzelnen Arten zu erfassen. Den Überblick darüber, wie viele Exemplare er bereits gesammelt hat, hat er schon längst verloren. Behalten kann der Insektenkundler jedoch nicht alle Tiere. «Ich habe so viele Rüsselkäfer, das explodiert irgendwann.» Die Käfer, mit denen sich Stefan Wartmann im Moment nicht beschäftigt, gibt er an Museen oder an andere Insektenkundler weiter. Zwischen den Amateur- und Berufs-Entomologen herrscht ein ständiger Austausch. Die Museen sind dankbar für die Insektensammler, die ihre Kollektionen zur Verfügung stellen. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie viele Arbeitsstunden in das Bestimmen und Präparieren der Individuen fliessen. Allein das Naturhistorische Museum Basel ist laut Wartmann im Besitz von etwa 26 000 Kästen mit Millionen von Insekten darin. Viele der Exemplare stammen aus Privatsammlungen. Solche Sammlungen sind wichtig für die Erforschung der Tiere. «Damit wir Veränderungen in der Fauna und das Auftauchen oder Verschwinden der verschiedenen Arten feststellen können, braucht es ein Inventar mit gesicherten Daten. Erst auf dieser Basis macht es Sinn, nach möglichen Ursachen zu forschen», erklärt der Insektenkundler. Tatsächlich würde ohne die Arbeit von Amateur-Entomologen viel Wissen verlorengehen oder gar nicht erst zustande kommen.

Mit dem Amateur-Entomologen auf Streifzug durch die Welt der Rüsselkäfer
Jeder einzelne Käfer ist mit allen wichtigen Informationen wie Artname und Fundort ausgestattet.

Wie mit Perlen besetzt, wirkt der Panzer eines Rüsselkäfers, den Wartmann nun unter dem Mikroskop betrachtet. Erst diese Vergrösserung durch die Linsen offenbart die Schönheit des kleinen Insekts. Die Faszination, die der Amateur-Entomologe für die kleinen Krabbler empfindet, wird verständlich. Genug hat er jedenfalls noch lange nicht von seinen Käfern. Schliesslich gibt es noch so einige wissenschaftliche Fragestellungen rund um die Insekten zu beantworten. «Leider reicht ein Leben nicht aus, um alle Rüsselkäfer zuerforschen», erklärt Wartmann mit einem Schmunzeln und widmet sich wieder dem hübschen Tier unter dem Mikroskop.

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