Eher gewinnen wir im Lotto, als dass wir unseren Traumhof für eine Übernahme finden.» Diese verzweifelte Aussage kommt Josephin Spinelli über die Lippen, als sie davon erzählt, wie schwierig sich für sie und ihren Mann Simone die Suche nach einem eigenen Bauernhof gestaltet. Der Wunsch, selbstständig einen Hof zu bewirtschaften, sei bei ihm bereits vorhanden gewesen, bevor er seine Zweitausbildung zum Biolandwirt in Angriff genommen hätte, sagt der gebürtige Italiener Simone Spinelli. 2020 hängte er seinen Bürojob bei einer Versicherung an den Nagel und folgte seinem Wunsch, Tiere und die Natur zu seinem Lebensmittelpunkt zu machen. Josephin Spinelli stand sofort hinter dieser Entscheidung. Auf einem Hobbylandwirtschaftsbetrieb gross geworden, sehnte sie sich danach, Sohn Leon ein ebensolches Aufwachsen in ländlicher Umgebung zu ermöglichen. Als Simone Spinelli seine Ausbildung zum Landwirt EFZ, die für den Kauf oder die Pacht eines landwirtschaftlichen Betriebes Voraussetzung ist, erfolgreich abgeschlossen hatte, begannen die beiden Mittdreissiger, nach einem passenden Hof Ausschau zu halten. «Wir dachten uns, jetzt haben wir das Papier in der Tasche, nun kann es losgehen mit dem eigenen Betrieb», so Josephin Spinelli. Nach dem ersten Kontakt mit einem Treuhänder, der auf Hofübergaben spezialisiert ist, wurde der Ernst der Lage erkannt: Er winkte bei der Suche für eine ausserfamiliäre Hofübernahme sofort ab. Da hätten die beiden das erste Mal bemerkt, dass ihr Ansinnen wohl nicht ganz so einfach zu realisieren sei. Dies, obwohl der finanzielle Background dank Josephin Spinellis Tätigkeit als Managerin im Finanzbereich auf sehr stabilen Füssen steht.

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Idealvorstellung bekommt Risse

«Als wir in einschlägigen Medien wie der «BauernZeitung» und der «TierWelt» Inserate für die Hofsuche schalteten und null Rücklauf erhielten, realisierten wir zum zweiten Mal: «Oh, das scheint wirklich extrem schwierig zu sein, an einen Hof zu kommen», sagt die umtriebige Bernerin mit deutschen Wurzeln. Die Vorstellung, wie ihr zukünftiger Hof bewirtschaftet werden soll, ist bereits ausgereift. «Ich möchte nach Demeter- oder Biostandard Mutterkühe und Ziegen halten, zudem Futterbau betreiben und Gemüse sowie Beeren kultivieren», erklärt Simone Spinelli, und seine Frau ergänzt, dass auch der Agrotourismus und die Vermittlungstätigkeit im Sinne einer Schule auf dem Bauernhof Standbeine bilden sollten.

Ein kleiner Lichtblick: Seit sie sich bei der Anlaufstelle für ausserfamiliäre Hofübergabe der Kleinbauern-Vereinigung angemeldet hätten, seien einige Kontakte zu Landwirten, die auf Nachfolgersuche sind, zustande gekommen. «Nur schon Kontakte zu generieren, ist schwierig, es besteht so gut wie gar kein Markt», beklagt sich Josephin Spinelli. Bei der Besichtigung eines stillgelegten Hofes in Langnau im Emmental seien sie vom grossen Andrang an Interessenten überrascht worden, da der Betrieb in einem nahezu baufälligen Zustand war und sich noch dazu an sehr abgelegener Lage befand. «Dennoch gaben wir uns grosse Mühe und erstellten einen detaillierten Geschäftsplan, nur um dann zu erfahren, dass das Haus zum Umbau ausgezont und das Land an umliegende Betriebe verpachtet wurde»,erzählt Josephin Spinelli mit leicht genervtem Unterton.

Die nächste Möglichkeit für eine Hofübernahme präsentierte sich auf den ersten Blick vielversprechender. «In der Ajoie (JU) konnten wir einen schönen Betrieb ansehen, für den wir Konzepte geschrieben und einen Finanzierungsplan ausgearbeitet haben», erzählt Simone Spinelli. Diese stiessen auf Anklang. Mit zwei weiteren Bewerbenden seien sie dann in die Endauswahl gekommen, bis ihnen dann eröffnet wurde, dass nun doch der Sohn den Hof übernehmen wird. «Das war eine grosse Ernüchterung, weil die Projektausarbeitung jeweils sehr komplex und zeitintensiv ist», klagt der ausgebildete Landwirt.

Den jüngsten Anlauf zur Hofübernahme wagte die junge Familie dieses Jahr Anfang März. Ebenfalls im Jura, nun aber auf der Solothurner Seite, wurden Nachfolger für einen landwirtschaftlichen Betrieb gesucht. Man hätte zwar einiges investieren müssen und der Hof sei kaum erschlossen gewesen, dennoch sagten sich die Spinellis: «Aller Defizite zum Trotz, wir wagen die Übernahme.» Als sie dann aber erfuhren, dass der Landwirt extrem unter Zeitdruck stand und den Hof quasi von heute auf morgen übergeben wollte, hätten sie sich eingestehen müssen, dass ein so kurzfristiger Umzug nicht realisierbar ist. «Uns ist aufgefallen, dass sich viele Landwirte sehr schwer tun mit der Nachfolgeregelung und diese nicht strukturiert planen», sagt Simone Spinelli.

Dennoch, die Hoffnung, ihren eigenen Hof kaufen zu können, haben die beiden noch nicht aufgegeben. Der Wunsch, eigene Projekte aufzubauen, ist nach wie vor gross. Mittlerweile seien sie allerdings vorsichtiger geworden und auch die Erwartungshaltung sei deutlich geschrumpft, sagt Josephin Spinelli, die ihr zweites Kind erwartet. Bis Ende 2024 möchten sie sich noch in der Schweiz nach Möglichkeiten umsehen. Erst hätten sie ihre Suche auf den Kanton Bern beschränkt, da die Managerin gerne ihren Job behalten möchte, mittlerweile würden sie Optionen in der gesamten Schweiz in Erwägung ziehen. «Und falls es bis Anfang 2025 noch immer nicht funktioniert hat, werden wir uns europaweit nach einem Hof umschauen», sind sich die beiden einig.

Den Traum aufgeben?

Während die Spinellis ihre Hofsuche intensivieren, haben Riccardo Balmelli und Tatjana Oertle beschlossen, ihre Bemühungen, einen eigenen Hof zu finden, nach vierjähriger und erfolgloser Suche derzeit zu drosseln. Die beiden Endzwanziger arbeiten beide hochprozentig, der gelernte Landwirt bei der Gemeinde Maur und die Personalassistentin an der Zürcher Hochschule der Künste. «Die Hofsuche ist sehr zeitintensiv und auch belastend, weil eine Enttäuschung auf die nächste folgt», sagt der gebürtige Zolliker. Für ihre Engadinerschaf-Herde hätten sie nun endlich eine passende und hoffentlich langjährige Unterkunft gefunden.

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Bei Riccardo Belmelli war der Wunsch, als Bauer zu arbeiten, schon früh erwacht. Einen landwirtschaftlichen Hintergrund bringt auch er nicht mit, nur die Schafhaltung hat in seiner Familie Tradition. Bereits nach der Primarschule war für ihn klar, dass er die Lehre zum Landwirt EFZ mit Schwerpunkt Biolandbau absolvieren möchte. Seine Partnerin Tatjana Oertle hat mittlerweile ein solides Wissen in der Schafhaltung und verfestigt mit ihrem Partner stetig weiteres Know-how rund um die Landwirtschaft.

«Idealerweise möchten wir in der Region Zürich bleiben und unsere Schafe müssten auf dem Hof Platz finden, sonst sind wir aber sehr offen, was die Ausrichtung des Betriebes angeht», sagt sie. Auch das junge Paar war dank der Anmeldung bei der Anlaufstelle für ausserfamiliäre Hofübergabe der Kleinbauern-Vereinigung und weil sie ihren Wunsch nach einem eigenen Hof beim Verkauf ihres Lammfleisches jeweils offen kommunizieren, bereits mit mehreren Landwirten im Gespräch. «2022 standen wir kurz vor Vertragsabschluss, der Handschlag war sogar erfolgt und wir haben Vorarbeit geleistet, doch der derzeitige Pächter beschloss dann kurzerhand, den Hof doch noch einige Jahre weiter zu bewirtschaften», erzählt Riccardo Balmelli. Dies sei eine herbe Enttäuschung gewesen. Dennoch könnten sie die Landwirte verstehen, die mit einer Hofübergabe hadern

würden. «Man muss sich ja auch überlegen, wie man danach finanziell über die Runden kommt, und eine Hofübergabe bedeutet einen enormen Wandel der Lebensumstände», sind sich die beiden einig.

Bei einem weiteren potenziellen Hof stand keine Wohnmöglichkeit zur Verfügung, die Bedingung des Besitzers war es, dass der Betrieb genauso weitergeführt wird wie bisher, doch die Betriebsrechnung wäre für sie nicht aufgegangen, erzählt Balmelli. Und mit einem anderen ausgeschriebenen Hof, für den sie sich interessierten, passierte dasselbe wie bei den Spinellis: Das gesamte Land wurde kurzerhand an die Bauern in der Gegend verpachtet.

«Natürlich wäre es schön, einen Hof kaufen zu können, das liegt für uns finanziell momentan aber nicht drin, also suchen wir einen Betrieb zum Pachten mit späterer Kaufoption», sagt die junge Frau. Für einen hübschen Bergbetrieb, für den sie sich vergangenes Jahr im Jura beworben hätten, seien aber ihre finanziellen Möglichkeiten leider nicht ausreichend gewesen. Das finanzielle Polster ist bei den beiden Paaren, die auf Hofsuche sind, zwar unterschiedlich gross, die übrigen Gründe für ein Scheitern der Hofübernahme aber nahezu identisch. Und da der Markt tatsächlich trocken ist, handelte es sich beim Jurahof, von dem beide Parteien erzählten, um denselben Betrieb.

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Angebot und Nachfrage im Ungleichgewicht

Dass es nicht einfach ist, an einen eigenen Hof zu kommen, wenn er nicht schon in Familienhand ist, bestätigt auch Mirjam Bühler, die Projektleiterin der Anlaufstelle für ausserfamiliäre Hofübergaben bei der Kleinbauern-Vereinigung. Per Ende Januar 2024 standen auf der Anlaufstelle 184 Profile von Hofsuchenden 63 zu übergebenden Landwirtschaftsbetrieben gegenüber. Seit der Gründung der Anlaufstelle hätten sich rund 300 Hofabgebende und 600 Hofsuchende für eine Vermittlung gemeldet. Seit Jahren herrscht ein klares Ungleichgewicht zugunsten der Hofabgebenden.

Per Ende Januar 2024 sah die Bilanz bei der Anlaufstelle für ausserfamiliäre Hofübergaben unausgeglichen aus: 184 gesuchte und 63 zu übergebende Höfe.

Auf Seite der Hofsuchenden sieht es so aus, dass die meisten über ein landwirtschaftliches EFZ oder ein Agronomiestudium, einzelne über das Meisterdiplom verfügen. Ihren Wunschhof beschreibt die Mehrheit der angehenden Betriebsleiter als einen mittelgrossen, gemischten Betrieb, der im Vollerwerb geführt werden kann. Die knapp über 60 Betriebe, die auf ihrer Plattform registriert sind, befänden sich über die gesamte Schweiz verteilt, gibt Bühler Auskunft. Viele seien zwischen 10 und 20 Hektaren gross und gut die Hälfte davon werde biologisch oder biodynamisch bewirtschaftet. Oft handelt es sich um Höfe, die in der Bergzone liegen.

Direktzahlungssystem fördert Flächenanreiz

Dass ein Hof innerhalb der Familie weitergeführt wird, sei heute nicht mehr selbstverständlich. Laut der landwirtschaftlichen Zusatzerhebung im Jahr 2016 ist bei 35 Prozent der Höfe eine familieninterne Übernahme nicht wahrscheinlich und bei weiteren 21 Prozent ungewiss. Aktuell würde zudem eine Pensionierungswelle von älteren Betriebsleitern anrollen. Eigentlich alles Anzeichen dafür, dass die zahlreichen motivierten und gut ausgebildeten Landwirtinnen und Landwirte, die selbstständig einen Betrieb führen möchten, gute Chancen auf ihr Glück haben. «Das Problem ist, dass in der Schweiz rund 500 Betriebe pro Jahr ihre Türen und Tore schliessen und sich die Anzahl der Höfe seit 1980 halbiert hat», so Bühler. Das aktuelle Direktzahlungssystem fördere den Flächenanreiz, was dazu führt, dass das Land oft von den Nachbarn übernommen wird, wenn ein Betriebsleiter das Pensionsalter erreicht.

Mit der Anlaufstelle für ausserfamiliäre Hofübergaben, die 2014 lanciert wurde, setzt sich die Kleinbauern-Vereinigung dafür ein, dass Betriebe weitergegeben werden und engagierte Landwirte die Möglichkeit erhalten, selbstständig zu wirken. Und dass es auch positive Beispiele gibt, bei denen sich Hofsuchende und Hofabgebende finden, zeigt das Beispiel des Demeterhofes Reukliweid in Wolhusen (LU). Peter Brem und Edith Gassmann setzten sich frühzeitig mit ihrer Pensionierung und der Zukunft ihres Betriebes mit Mutterkühen, Schafen, Hochstammbäumen und Direktvermarktung auseinander. «Von unseren zwei Kindern wollte niemand den Hof übernehmen und für uns war der Entschied klar, dass wir nicht bis 65 weitermachen wollen», sagt Peter Brem. Also erstellte das Paar 2019 ein Profil auf der Anlaufstelle, mit dem Ziel einer Übergabe auf Anfang 2022. Sofort wurden ihnen Profile von interessierten Hofsuchenden zugesandt, mit verschiedenen Interessenten fanden Treffen auf dem Hof statt. Ihnen sei wichtig gewesen, ihr während 30 Jahren aufgebautes Werk in gute Hände übergeben zu können und nicht an den Meistbietenden abtreten zu müssen. Bei vielen Interessenten hätten sie gespürt, dass sie nicht in ihrem Sinne weiterarbeiten würden oder nur an der Landübernahme interessiert seien. «Im ersten Moment war für uns die Nachfolgersuche ernüchternd.»

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Erst beim Treffen mit einer jungen Familie, die seit über zehn Jahren auf einem Hof im Aargau angestellt war und sich nun wünschte, selbstständiger zu wirken, ist der Funke übergesprungen. «Mit Anja Pyttlik und Weriand Koch hat es von Anfang an harmoniert, ihr Verständnis von Landwirtschaft passte in unseren Augen gut auf die Reukliweid», erzählt Edith Gassmann. Der Hof entsprach von der Grösse, den Tieren, der Vielseitigkeit und der Lage her genau den Wunschvorstellungen des jungen Paares. Nach einer Probeübernachtung und eingehenden Gesprächen war für beide Parteien klar, dass es menschlich passt. Auch wenn für die Hofabgebenden von vornherein klar war, dass sie nicht mehr auf dem Hof leben würden, eine entscheidende Voraussetzung. «Es braucht viele Aspekte, die passen müssen, damit es zu einer Übergabe kommt: die finanzielle Ebene, die rechtliche und die emotionale», weiss Projektleiterin Mirjam Bühler.

Es müssen viele Aspekte und Kriterien stimmen, damit es zu einer Hofübergabe kommt: die finanzielle Situation, die rechtliche und die emotionale.

Die Finanzierung war für die Nachfolger eine grosse Herausforderung. «Für uns war eigentlich klar, dass wir nur einen Hof pachten können, die Reukliweid sollte aber verkauft werden, also ging es los mit der Suche nach Finanzpartnern.» Diese fanden Pyttlink und Koch in Stiftungen, der Gemeinschaftsbank, einem Crowdfunding und Privatdarlehen. «Wenn etwas wirklich stimmig ist, findet man einen Weg», so Weriand Koch.

Die Zeit der Übergabe hätten sie zwar hektisch empfunden, sie seien aber von ihren Vorgängern sorgfältig eingearbeitet worden und dürften sie auch heute noch jederzeit um Rat fragen, sagt Koch dankbar. Nach einer einjährigen Übergangsfrist, in der sie den Hof praktisch gleich weiterführten wie ihre Vorgänger, hätten sie nun angefangen, erste Veränderungen einzuführen. Die Bilanz sowohl der Hofnachfolger als auch der Reuckliweid-Übergebenden fällt durchwegs positiv aus und macht somit Hoffnung, dass noch viele weiter Junglandwirte «ihr Wolkenschloss finden», wie Weriand Koch seine neue Heimat so schön bezeichnet.