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Wie Indigene viel für den Vogelschutz leisten

Der US-amerikanische Ornithologe und Journalist Scott Weidensaul folgt den Vögeln rund um den Globus und spürt ihren Geheimnissen nach. Ein Gespräch über die Wunder des Vogelzugs und die Gefährdung von Lebensräumen.

Herr Weidensaul, was fasziniert Sie an Vögeln?

Ich bin von Vögeln besessen, seit ich als Kind in den zentralen Appalachen in Pennsylvania in den USA, wo ich aufwuchs, Raubvögel wie Habichte, Adler, Falken und Geier jeden Herbst zu Tausenden entlang der Bergkämme ziehen sah. Das war vor mehr als 50 Jahren. Es begeistert mich, wie selbst die kleinsten Vögel riesige Entfernungen zurücklegen und dabei unzähligen Gefahren ausgesetzt sind.

Wie kam es zu Ihrem neusten Buch «Auf Schwingen um die Welt»?

Bereits in den 1990er-Jahren schrieb ich ein Buch über den Vogelzug in Amerika. Seither hat sich unser Wissen enorm erweitert. Zudem sind viele Zugvogelarten durch den Verlust ihres Lebensraums, den Klimawandel und andere Bedrohungen gefährdet. Da ich mein Engagement in der Migrationsforschung vertiefen konnte, schien mir jetzt der richtige Zeitpunkt, das Thema diesmal in einem globalen Massstab aufzugreifen.

Wie entwickelte sich das Phänomen des Vogelzugs?

Die Entwicklung der Migrationsmuster ist kontrovers. Begann es damit, dass sich Arten aus dem Norden in die Tropen zurückzogen, oder kolonisierten tropische oder subtropische Arten den Norden, um neue Brutgebiete zu erschliessen, und zogen sich im Winter in wärmere Klimazonen zurück? Die Wahrheit ist wahrscheinlich eine Kombination aus beidem.

Ändern Vögel ihr Zugverhalten?

Einige Arten oder Populationen innerhalb einer Art haben ihre Wanderungen verkürzt. So legen beispielsweise Wasser-, Wat- und Singvögel, die in den Süden ziehen, aufgrund des wärmeren Klimas und des reichhaltigen Nahrungsangebots in nördlicheren Gebieten neu einen kurzen Zwischenstopp ein. Das zeigt zwar eine gewisse Flexibilität, aber bei vielen Vögeln, vor allem bei denen, die über weite Strecken in die Tropen ziehen, sind Zugroute und Ziel in den Genen fest verankert. Manchmal führen aber auch bei diesen Vögeln zufällige Mutationen bei einigen Individuen dazu, dass sie kürzere Flüge unternehmen oder in unerwartete Richtungen fliegen. Da wir die Umwelt verändern, können diese Vögel manchmal den Jackpot knacken. Sie überleben dank den «fehlerhaften» Genen, die sie an ihre Nachkommen weitergeben. So können sich rasch neue Zugrouten entwickeln. Wir haben das bei Mönchsgrasmücken gesehen, die jetzt in Grossbritannien und Irland überwintern, und bei einigen Kolibriarten aus dem westlichen Nordamerika, die jetzt nicht mehr in Mexiko, sondern im Südosten der USA überwintern.

«Man sollte eine Art dann retten, wenn sie noch häufig vorkommt.»

Was ist schlimmer: die Bejagung auf dem Zug oder die Zerstörung von Rastplätzen und Lebensräumen?

Der Verlust von Lebensräumen ist bei Weitem das grösste Problem. Auch in Nordamerika sind die Vögel gefährdet, obwohl dort die unkontrollierte Jagd der Vergangenheit angehört. In anderen Teilen der Welt sind die illegale Tötung von Vögeln, die Jagd und verschiedene Formen des Fangens ein zusätzliches Problem. Asien ist ein Hotspot, aber auch der Mittelmeerraum. In Frankreich werden jährlich eine halbe Million Singvögel illegal getötet und in Italien etwa 5,6 Millionen pro Jahr. Die Insel Zypern, auf der ich mit Naturschützern und Strafverfolgungsbeamten gegen die Vogelwilderei kämpfte, ist seit Langem berüchtigt. Auf dem amerikanischen Kontinent stellt die Jagd auf Küstenvögel (Watvögel) in der Karibik und an der südamerikanischen Küste weiterhin eine grosse Bedrohung für viele Zugvogelarten dar.

In welcher Region ist der Vogelschutz am weitesten fortgeschritten?

In Nordamerika und Europa hat der Vogelschutz die längste Tradition. Aber überall auf der Welt gibt es Fortschritte. Besonders beeindruckt bin ich von den Leistungen indigener Gemeinschaften in Ländern wie Australien und Kanada für den Vogelschutz. Ich habe zum Beispiel gerade einige Zeit im Thaidene Nëné National Park Reserve im Nordwesten Kanadas verbracht, wo die indigene Lutsel K’e Dene First Nation gerade 6,5 Millionen Hektaren ihres angestammten Landes für den Naturschutz reserviert hat.

Ist es notwendig, dass wir dank der Telemetrie in jeden Winkel des Lebens eines Tieres schauen?

Ja, definitiv. Solange wir keine klare Vorstellung vom gesamten jährlichen Lebenszyklus einer Art haben, können wir keine definitiven Entscheidungen treffen, die notwendig sind, um sie in einer sich schnell verändernden Welt zu schützen. Im Naturschutz ist Wissen die einzige Hoffnung.

Muss eine Art immer vom Aussterben bedroht sein, bevor Massnahmen ergriffen werden, wie etwa für den Löffelstrandläufer in China?

Es scheint, als unternähmen wir nie etwas, bevor das Problem nicht akut ist. Eine der weisesten Aussagen, die ich je gehört habe und die für mich zu einem Leitsatz geworden ist, stammt von der grossen amerikanischen Pionierin des Naturschutzes, Rosalie Edge, die vor fast einem Jahrhundert sagte: «Man sollte eine Art dann retten, wenn sie noch häufig vorkommt.»

In der Schweiz soll der Naturschutzstatus bestimmter Gebiete aufgeweicht werden, um aus natürlichen Ressourcen Energie zu gewinnen. Klima versus Naturschutz.

Diese Entwicklung ist auch in den USA aktuell, wo Schutzgebiete durch Wind- und Solaranlagen beeinträchtigt werden. Leider hat die Welt 40 Jahre und mehr vergeudet, in denen schrittweise Fortschritte bei der Bekämpfung des Klimawandels hätten erzielt werden können. Stattdessen haben wir wieder einmal gewartet, bis es zu einer Krise kommt. Es ist mir wirklich ein Rätsel, warum wir nicht in den Industrienationen die riesigen Dachflächen von Industrie- und Gewerbegebäuden für Solaranlagen nutzen. Stattdessen vernichten wir Freiflächen, Ackerland und natürliche Lebensräume, um alternative Energie zu gewinnen.

Klimaschutz ist nicht gleichbedeutend mit Artenschutz. Der Klimaschutz ist aber mehr im Bewusstsein der Menschen, derweil Arten verschwinden. Was denken Sie darüber?

Der Klimawandel betrifft alle und alles, auch (oder gerade) die Zugvögel. Das heisst aber nicht, dass wir den grundsätzlichen Schutz der Arten und der Orte, von denen sie abhängen, ignorieren sollten.

Was halten Sie vom Ornitourismus?

Wann immer ich reise, halte ich nach Vögeln Ausschau. Mir bereitet der Vogeltourismus in Entwicklungsgebieten Sorge, wo Touristen teure Lodges besuchen, deren Betrieb möglicherweise aber wenig zur lokalen Wirtschaft beiträgt. Ich ziehe es vor, Orte wie das Biosphärenreservat Sierra Gorda in den Bergen Ost-Mexikos zu besuchen, wo ein gemeindebasierterTourismus bewirkt, dass das Geld, das die Besucher ausgeben, auch dort bleibt.

Zum Buch und Autor

Scott Weidensaul: «Auf Schwingen um die Welt», 416 Seiten, farbige Abbildungen, Verlag Hanserblau, ca. Fr. 40.– Milliarden Vögel umrunden jedes Jahr die Erdkugel. Der Autor folgt dem Wunder des Vogelzugs, besucht Schauplätze weltweit und bezieht in seinem lebendigen Erzählstil neuste Forschungen ein. Scott Weidensaul, geboren 1959 in den Appalachen in Pennsylvania, USA, ist Ornithologe und Autor. Er hat über 30 Bücher zu Naturthemen verfasst und arbeitet an mehreren grossen internationalen Forschungsprojekten zu Zugvögeln mit. Er lebt mit seiner Frau in New Hampshire.

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