Ziervogellexikon|Dieser Artikel gehört zum Dossier: Ziervogellexikon
Rotohrara: Koloniebrüter aus Hochtälern Boliviens
Rotohraras leben in karger bolivianischer Landschaft und brüten in Felsen. Lange waren sie praktisch unbekannt in der Vogelhaltung. Sie sind bis heute Raritäten in den Volieren. Doch auch in ihrer Heimatregion sind sie gefährdet. Ein heikler Pflegling mit spezifischen Bedürfnissen.
Steckbrief
Wissenschaftliche Bezeichnung: Ara rubrogenys
Unterarten: keine
Herkunft: Bolivien
Grösse: 60 cm
Wildfarbe: grünes Grundgefieder, rote Stirn, ebensolcher Flügelbug und rote Befiederung der Ohrgegend
Mutationen: keine
Geschlechtsunterschiede: keine
Ringgrösse: 12 mm
Lebenserwartung: 40 Jahre
Platzansprüche: Gemäss der Schweizer Tierschutzverordnung benötigt man zur Unterbringung eines Paars eine Voliere von 30 Kubikmetern. Eine Haltebewilligung und die Erlangung des Sachkundekurses sind ebenfalls notwendig. Die Vögel müssen unbedingt Zugang zu einer Aussenvoliere mit Naturboden haben.
Ausstattung: zahlreiche Äste, ideal sind auch Felsen, Naturboden bestehend aus Kies, Gras, Erde, Rindenmulch und Sand
Stimme: hohes Schreien, kehlige Schreie, mittellaut
Haltung: paarweise oder in grossen Volieren in Gruppen
Herkunft und Geschichte
Rotohraras stammen aus felsigen Hochtälern Boliviens entlang der Flüsse Pilaya, Pilcomayo, Rio Caine und Rrio Grande. Es handelt sich um ein kleines Gebiet im östlichen Zentral-Bolivien im südlichen Teil der Provinz Cochabamba im südwestlichen Santa Cruz. Der Lebensraum ist für Aras eher ungewöhnlich, weil doch sehr unwirtlich. Rotohraras leben in Gebieten mit Steppen- und Wüstenklima mit trockenen Wintern in einer Höhe von bis zu 3000 Meter über dem Meeresspiegel. Sie brüten in Felshöhlen entlang der Flussläufe, deren Eingänge von Kakteen und Tillandsien umgeben sind, die sich mit ihren Wurzeln an die Steilwände krallen. Der Schweizer Tierfänger und Ornithologe Charles Cordier (1897-1994) berichtete schon 1988 in einem Brief: «Ich möchte hervorheben, dass ich in Aiguile in einer Wirtschaft vernahm, dass die Loros manileros in Felswänden nisten, praktisch unmöglich auszunehmen seien, weil der Nesteingang eine Röhre bilde mit einem Gewirr von Dornzweigen und Kaktusstücken, die beinahe unmöglich zu beseitigen seien.» Der Tierkenner Cordier wohnte mit seiner Schweizer Frau Emy lange in Cochabamba und gehörte zu den ersten, die das abgelegene Verbreitungsgebiet der Rotohraras überhaupt aufspürten. Er fing nur gezielt Tiere für Kenner und Zoologische Gärten. Mit der massenweisen Plünderung dieser Art, die in späteren Jahren erfolgte, hatte er nichts zu tun. Der Rotohrara wurde lange durch den Fang für den Handel in seinem Bestand dezimiert, doch weiter ist er durch das Bevölkerungswachstum bedroht. Immer mehr Bauern und Hirten stossen in das Gebiet vor und lassen die Ziegen die spärliche Vegetation abzupfen. Das führt dazu, dass die Rotohraras, mangels natürlichem Futter, auf Mais- und Erdnussfelder fliegen und sie plündern. Rotohraras leben paarweise und in kleinen Gruppen. Zum Trinken und zur Nahrungsaufnahme fliegen sie meist in Gruppen von bis zu 30 Vögeln. Der Rotohrara war bis 1973 in der Haltung unbekannt. Erst nachher gelangten einige Exemplare in die USA und nach Europa, so auch in die Schweiz zu Dr. Romuald Burkard, der zuerst in Zürich und danach in Baar (ZG) eine grosse Papageienzucht betrieb. Bereits 1974 konnte Dr. Burkard die Schweizer Erstzucht verzeichnen. Er berichtete darüber in der Schweizer Zeitschrift «Gefiederter Freund». 1978 gelang die Zucht auch im Zoo Wuppertal, allerdings handelte es sich um eine Handaufzucht.
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Eignung als Heimtier
Rotohraras sind ausserordentlich selten unter Menschenobhut und werden nur von wenigen Spezialisten gehalten und gezüchtet. Wer sie hält, sollte die Zucht im Fokus haben, denn es handelt sich um eine bedrohte Art, deren Bestand unter Menschenobhut erhalten werden sollte. Einzeltiere, wenn noch vorhanden, sollten darum unbedingt in Zuchtsituationen überführt werden.
Erwerb
In der Schweiz sind in privaten Haltungen kaum noch Rotohraras vorhanden. Im europäischen Rahmen ist es aber möglich, Vögel bei Züchtern zu finden, dies aber nur mit viel Geduld. Es handelt sich um eine Rarität.
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Ernährung und Pflege
Rotohraras sollten mit einer Samenmischung für Aras ernährt werden, die aus weissen, schwarzen und gestreiften Sonnenblumenkernen, Hafer, Weizen, Cardy, Kürbiskernen und Mais besteht. Zudem sollten Zirbelnüsse, Mandeln, Baumnüsse, Cashewkerne und Erdnüsse gereicht werden. Zusätzlich sollten Früchte und Gemüse aller Art gefüttert werden. Während der Zuchtzeit ist zudem die Verabreichung von Keimfutter sinnvoll. Rotohraras sind empfindliche Papageien, die sehr schwierig zu halten sind. Eine Grundvoraussetzung ist eine Voliere mit Naturboden. Tiere in Haltungen mit nur Betonboden oder in reinen Innenhaltungen rupfen sich meist sehr stark das Gefieder. Rotohraras wollen graben. In gut strukturierten, grossen Volieren können Rotohraras auch im Schwarm gehalten werden. Der bekannte Züchter Ludwig Nüchter aus Malta hat für seine Rotohraras eine sehr hohe, längliche Voliere gebaut mit zahlreichen Nischen. Ebenso hat der Züchter Norbert Gross-Hardt in Büngerheide, Deutschland, eine 30 Meter lange Voliere für Rotohraras errichtet. Sie ist unterteilt und weist eine Rückwand mit künstlichen Felsnistkästen auf. Die Aras brüten unter solchen Bedingungen im Schwarm und sind perfekt im Gefieder. Selbstverständlich brauchen sie stetig frische Äste zum Nagen. Der Boden sollte aus Rindenmulch, Steinen, Sand, Gras und Kies bestehen. Ideal ist ein Felsaufbau in der Voliere, denn die Vögel sind ursprünglich mit Felsen verbunden und mögen Höhlensysteme, wo sie sich verbergen können. Rotohraras sollten ein Wasserbassin zur Verfügung haben. Mineralien und Kalk sollten immer zur Verfügung stehen. Dieser Ara verträgt auch raues Winterklima bestens. Er sollte sich aber immer in ein frostfreies Schutzhaus zurückziehen können.
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Zucht
In herkömmlichen Volieren schreiten Rotohraras paarweise zur Brut. Sehr reizvoll ist aber die Haltung in einer Kolonie, wenn die Voliere gross genug ist. Rotohraras akzeptieren durchaus längliche Holznistkästen, Fässer oder auch Nistkästen, die Felshöhlen nachempfunden sind. In der Natur wird kaum mehr als ein Jungvogel aufgezogen, da die karge Landschaft meist nicht ausreichend Nahrung hergibt. Unter Menschenobhut werden aber oft vier Eier gelegt. Beim Schweizer Züchter Walter Oser gelang nach zweimaligen Versuchen, die misslangen, die Aufzucht eines Jungvogels, der nach etwa 26 Brutzeit schlüpfte. Im gleichen Raum wurden andere Papageienarten wie Kakadus gehalten. Sie wurden von den Rotohraras toleriert, nicht aber ein anderes Rotohrarapaar, das der Züchter herausfangen musste. Das Junge flog im ungefähren Alter von 70 Tagen aus und wurde weiterhin noch etwa drei Monate von den Eltern betreut und zeitweise gefüttert. Junge zeichnen sich durch die dunklen Pupillen und die bräunlichen Federn am Vorderkopf aus, die erst auftreten, wenn die Vögel sechs bis zwölf Monate alt sind.
Lustig
Das Balzverhalten der Rotohraras ist interessant und auch lustig zum Beobachten. Es ist ausgeprägter als bei anderen Araarten. Das Männchen lässt seine Flügel hängen und demonstriert seinen orangeroten Flügelbug. Dabei läuft es auf einem Ast hin und her. Die Pupille wird stark verengt. Schrille Pfeiftöne werden ausgestossen. Das kann eine Vierteilstunde dauern, bis das Weibchen gefüttert wird. Schliesslich folgt die Kopulation.
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Namensgebung
Noel Frédéric Arm. André Baron de Lafresnaye (1783-1861) beschrieb den Rotohrara 1847 wissenschaftlich. Das Typusexemplar wurde durch den französischen Naturforscher Alcide d’Orbigny zwischen 1826 und 1833 gesammelt. Die Artbezeichnung rubrogenys setzt sich aus «ruber» (lateinisch für rot) und «Genys» für «Wange» oder «Kehle» zusammen. Das Wort bedeutet so viel wie «der Ara mit den roten Wangen».
Besonderheit
Rotohraras stellen in der zoologischen Systematik eine eigene Art dar und werden zu den Aras gerechnet. Bei genauem Beobachten erscheinen sie aber wie ein Bindeglied zwischen den grossen Aras und den kleinen Aras, dies vom Aussehen und vom Verhalten her. Sie stossen kehlige, helle Laute aus. Im Bioparc von Doué-la-Fontaine in Frankreich werden Rotohraras in einer Riesenvoliere, die in einem ehemaligen Steinbruch errichtet wurde, gehalten. Die Vögel zeigen dort ihr natürliches Verhalten und pflanzen sich in den Felsenhöhlen fort. Der Bioparc von Doué-la-Fontaine führt auch das Europäische Erhaltungszucht-Programm für die Art.
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